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Bibliothek:Bolivianisches Tagebuch

Aus ProleWiki


Bolivianisches Tagebuch
Autor*inChe Guevara
Verfasst in1968


Note der Herausgeber

Auf den Wunsch Fidel Castros wird im Text auf Kommentare verzichtet. Es ist deswegen für den Leser, der über die Vorgänge in Lateinamerika nicht informiert ist, kaum möglich, die fast ausschließlich konkretistischen Tagebucheintragungen im Gesamtzusammenhang der revolutionären Bewegung zu sehen. Deswegen birgt die Lektüre die Gefahr in sich, zum Konsum sensationeller Notizen zu werden, das Buch degradiert zum unverbindlichen Abenteurerroman. Um den Stellenwert des Textes richtig einzuschätzen, bedarf es der Einsicht in die revolutionäre Praxis, der Kenntnis revolutionärer Theorie. Letztlich kann diese Einsicht nur verwirklicht werden durch die Teilnahme am revolutionären Prozeß selbst. Das gilt nicht nur für Lateinamerika, Afrika und Asien, sondern auch für die hochindustrialisierten Länder. So werden denjenigen, die in den letzten Monaten in Paris, Mailand, Berlin, Madrid usw. "dabei" waren, die Aufzeichnungen Che Guevaras am meisten zu sagen haben. Das Interesse und die "Anteilnahmen" der bürgerlichen Presse an dem Tagebuch unterschlagen, daß Guevara gegen den Imperialismus gekämpft hat, der von ihr in seinen Grundstrukturen befürwortet wird.

Die Herausgeber

Eine notwendige Einführung

Es war eine Angewohnheit Ches während seines Lebens als Guerillero, seine Beobachtungen an jedem Tag sorgfältig in einem persönlichen Tagebuch aufzuzeichnen. Auf den langen Märschen durch zerfurchtes und schwieriges Gelände, inmitten der feuchten Wälder, wenn die Reihen der dauernd vom Gewicht des Rucksacks, der Munition und Waffen gekrümmten Männer sich in einem Augenblick der Ruhe entspannten oder wenn die Kolonne am Ende eines ermüdenden Tages von oben den Befehl zum Lagern bekam, sah man Che - wie ihn die Kubaner von Anfang an voller Anhänglichkeit nannten - ein kleines Büchlein hervorholen und mit seiner winzigen, kaum leserlichen Arzthandschrift seine Beobachtungen festhalten. Das, was er von diesen Notizen retten konnte, nützte ihm später bei der Niederschrift seiner großartigen historischen Darstellungen des revolutionären Krieges in Kuba, voll revolutionärem, erzieherischem und menschlichem Gehalt.

   Dieses Mal können wir - dank jener beharrlichen Gewohnheit, jeden Tag die wesentlichen Ereignisse aufzuzeichnen - über eine detaillierte, peinlich genaue und unschätzbare Information von jenen letzten heroischen Monaten seines Lebens in Bolivien verfügen.

   Diese Aufzeichnungen, die eigentlich nicht für die Veröffentlichung geschrieben worden sind, dienten ihm als Arbeitsunterlage für die ständige Beurteilung der Lage, der Ereignisse und der Menschen. Zugleich waren sie Anlaß des Ausdrucks seines gründlich beobachtenden, analytischen und oftmals von feinem Humor geprägten Verstandes. Sie sind nüchtern abgefaßt und stehen in einem ununterbrochenen Zusammenhang von Anfang bis Ende.

   Man muß sich vorstellen, daß sie in den äußerst seltenen Augenblicken der Ruhe geschrieben worden sind, mitten zwischen heroischen, übermenschlichen körperlichen Anstrengungen und seinen aufreibenden Pflichten als Führer einer Guerillaeinheit in der schwierigen Anfangsphase eines Kampfes, der sich unter unglaublich harten materiellen Bedingungen entwickelte. Daraus geht einmal mehr sein Arbeitsstil und sein eiserner Wille hervor.

   In diesem Tagebuch lassen sich, wenn man die Vorfälle eines jeden Tags im Detail analysiert, Fehler, Kritiken und Vorwürfe feststellen, die unvermeidlich und der Entwicklung einer revolutionären Guerilla eigentümlich sind.

   Innerhalb einer Guerillaeinheit müssen diese Kritiken andauernd vorgebracht werden, vor allem in der Phase, in der sie nur aus einem kleinen Kern besteht, der sich äußerst widrigen materiellen Bedingungen und einem zahlenmäßig haushoch überlegenen Gegner gegenüber sieht, wodurch die kleinste Nachlässigkeit oder der unbedeutendste Fehler zum Verhängnis führen können. Daher muß der Führer seine Anforderungen bis an die Leistungsgrenze treiben und zugleich jedes Ereignis oder jede Episode, so unbedeutend sie auch scheinen mögen, nutzen, um die Kämpfer und die künftigen Kader neuer Guerillaeinheiten auszubilden.

   Der Entstehungsprozeß der Guerilla ist ein ununterbrochener Aufruf an das Gewissen und die Ehre jedes Mannes. Che verstand es, die empfindlichsten Seiten der Revolutionäre anzusprechen. Als Marcos, der wiederholt von Che gerügt worden war, erfuhr, daß er unehrenvoll aus der Guerilla ausgestoßen werden könnte, entgegnete er: "Lieber erschossen werden! Später ließ er heldenhaft sein Leben. Ahnlich verhielten sich alle Männer, auf die er sein Vertrauen gesetzt hatte und die er dieser oder jener Sache wegen im Verlauf des Kampfes hatte tadeln müssen. So brüderlich und menschlich er als Führer auch war, so konnte er auch hohe Anforderungen stellen und gelegentlich hart sein; aber das war er zu allererst und in höherem Maße als gegen die übrigen sich selbst gegenüber. Che gründete die Disziplin auf das moralische Bewußtsein des Guerillero und die starke Kraft seines eigenen Beispiels.

   Das Tagebuch enthält auch zahlreiche Hinweise auf Debray, welche die enorme Besorgnis zeigen, die bei Che durch die Gefangennahme und Einkerkerung des revolutionären Schriftstellers hervorgerufen worden war, dem er eine Mission in Europa anvertraut hatte, obgleich er es im Grunde lieber gesehen hätte, wenn dieser bei der Guerilla geblieben wäre. Daher zeigte er eine gewisse Nichtübereinstimmung, und in manchen Fällen einige Zweifel an seinem Verhalten.

   Che hatte keine Möglichkeit, von der Odysse, die Debray im Räderwerk der Unterdrückungsapparate durchlebte, und von der festen und tapferen Haltung zu erfahren, die dieser vor seinen Häschern und Folterknechten bewahrte.

   Er hob andererseits die außerordentliche politische Bedeutung des Prozesses hervor und vermerkte am 3. Oktober, sechs Tage vor seinem Tod, inmitten bitterer und spannungsgeladener Ereignisse: =Wir hörten ein Interview zwischen dem sehr mutigen Debray und einem studentischen Provokateur. Das war sein letzter Hinweis auf den Schriftsteller.

   Da in diesem Tagebuch wiederholt von der Kubanischen Revolution und ihren Verbindungen mit der Guerillabewegung die Rede ist, könnten einige vermuten, daß seine Veröffentlichung von unserer Seite eine Provokation darstelle, die den Feinden der Revolution, den Yankee-Imperialisten und ihren Verbündeten, den Oligarchien Lateinamerikas, Argumente liefere, um ihre Blockade-, Isolationsund Aggressionspläne gegenüber Kuba zu intensivieren.

   Es ist gut denen, die die Geschehnisse so beurteilen, in Erinnerung zu rufen, daß derYankee-Imperialismus niemals Vorwände brauchte, um an irgendeinem Ort der Welt seine Verbrechen zu begehen, und daß seine Anstrengungen, die kubanische Revolution zu zertreten, mit dem ersten revolutionären Gesetz, das in unserem Land erlassen worden war, einsetzten aus dem offensichtlichen und bekannten Grunde, daß dieser Imperialismus der Gendarm der weltweiten Reaktion ist, der systematische Förderer der Konterrevolution und Verteidiger der rückschrittlichsten und unmenschlichsten Gesellschaftsstrukturen, die es noch auf der Welt gibt.

   Die Solidarität mit der revolutionären Bewegung kann als Vorwand genommen werden, aber sie wird niemals der Grund für die Aggressionen der Yankees sein. Die Solidarität abzuleugnen, um keinen Vorwand zu liefern, ist eine lächerliche Vogel-Strauß-Politik, die nichts mit dem internationalistischen Charakter der gegenwärtigen sozialen Revolution zu tun hat. Sich nicht mit der revolutionären Bewegung zu solidarisieren, heißt nicht, keinen Vorwand liefern zu wollen, sondern heißt in Wirklichkeit, sich mit dem Yankee- Imperialismus und seiner Politik der Beherrschung und Versklavung der Welt zu solidarisieren.

   Kuba ist ein kleines Land mit unterentwickelter Wirtschaft wie alle Länder, die Jahrhunderte vom Kolonialismus und Imperialismus beherrscht und ausgebeutet wurden. Es liegt nur 90 Meilen von der Küste der Vereinigten Staaten entfernt, hat einen Yankee-Marinestützpunkt auf seinem eigenen Territorium und sieht sich in seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung zahlreichen Hindernissen gegenüber. Große Gefahren sind seit dem Triumph der Revolution auf unser Vaterland zugekommen, aber der Imperialismus wird es nicht erreichen, uns deswegen nachgiebig zu machen, da die Schwierigkeiten, die eine konsequente revolutionäre Linie mit sich bringen kann, uns nicht erschüttern.

   Aus der revolutionären Sicht ließ die Veröffentlichung des Tagebuches Ches aus Bolivien keine Alternative zu. Das Tagebuch blieb in der Gewalt von Barrientos, der sofort dem CIA, dem Pentagon und der Regierung der Vereinigten Staaten eine Kopie übergab. Dem CIA nahestehende Journalisten hatten Zugang zu den Aufzeichnungen in Bolivien selbst und stellten davon Fotokopien in der Absicht her, sie vorläufig nicht zu veröffentlichen.

   Die Regierung Barrientos und die hohen Militärchefs haben genug Gründe, das Tagebuch nicht zu veröffentlichen, in dem die ungeheuerliche Unfähigkeit ihres Heers festgestellt werden kann und die unzählbaren Niederlagen, die ihnen von den Händen einer kleinen Gruppe entschlossener Guerilleros beigebracht wurden, die in wenigen Wochen ungefähr 200 Waffen im Kampf erbeuteten.

   Che beschreibt außerdem Barrientos und sein Regime in Wendungen, die ihm würdig sind und in Worten, die sich nicht aus der Geschichte löschen lassen.

   Andererseits hatte der Imperialismus auch seine Gründe: Che und sein außergewöhnliches Vorbild gewinnen jeden Tag größere Resonanz in der Welt. Seine Ideen, sein Bild, sein Name sind Banner des Kampfes gegen die Ungerechtigkeiten unter den Unterdrückten und Ausgebeuteten und rufen eine immer größere Bewunderung unter den Studenten und Intellektuellen überall in der ganzen Welt hervor.

   Selbst in den Vereinigten Staaten haben die Negerbewegung und die progressiven Studenten, die von Tag zu Tag zahlreicher werden, Che zu ihrem Leitbild gemacht. Bei den größten Demonstrationen für die Bürgerrechte und gegen die Aggression in Vietnam, werden seine Bilder als Kampfeszeichen geschwungen. Selten oder vielleicht niemals in der Geschichte hat sich eine Gestalt, ein Name, ein Vorbild mit solcher Geschwindigkeit und leidenschaftlicher Kraft verbreitet. Che repräsentiert den internationalistischen Geist, der die Welt von heute und die von morgen auszeichnet, in ständig wachsendem Maße in seiner reinsten und selbstlosesten Art.

   Aus einem gestern von den Kolonialmächten unterdrückten, heute ausgebeuteten und vom Yankee-Imperialismus in der ruchlosesten Rückständigkeit und Unterentwicklung gehaltenen Kontinent steigt diese einzigartige Gestalt auf, die sich in ein universelles Leitbild des revolutionären Kampfes, bis hinein in die Metropolen des Imperialismus und Kolonialismus, verwandelt.

   Die Yankee-Imperialisten fürchten die Stärke dieses Vorbilds und alles, was dazu beitragen könnte, es bekannt zu machen. Der eigentliche Wert des Tagebuchs ist die lebensnahe Darstellung einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Die Lehre der Guerilla, in der Hitze und Spannung jedes Tages geschrieben, ist entzündbares Pulver und realer Beweis, daß der lateinamerikanische Mensch nicht ohnmächtig ist gegenüber den Versklavern der Völker und seinen Söldnerheeren. Das ist es, was sie bis jetzt gehindert hat, es zu veröffentlichen.

   Auch die Pseudorevolutionäre, Opportunisten und Heuchler aller Arten könnten daran interessiert sein, daß dieses Tagebuch nie bekannt wird, sie, die sich selbst als Marxisten, Kommunisten und Ahnliches ausgaben, aber nie zögerten, Che zum verirrten Abenteurer und bestenfalls zum Idealisten abzustempeln, dessen Tod der Schwanengesang des bewaffneten Kampfes der Revolution in Südamerika ist. "Wenn Che", so rufen sie aus, "der größte Exponent dieser Ideen, der erfahrene Guerillero, bei den Guerillakämpfen getötet wurde und seine Bewegung Bolivien nicht befreit hat, zeigt das, wie sehr er irrte! Wieviele dieser Elenden mögen sich über den Tod Ches gefreut haben, ohne sich zu schämen, daß ihre Einstellung und Argumentation mit denen der reaktionärsten Oligarchien und des Imperialismus übereinstimmen!

   Auf diese Weise rechtfertigen sie sich selbst oder rechtfertigen verräterische Führer, die im entscheidenden Moment nicht zögerten, beim bewaffneten Kampf mitzuspielen, mit dem wahren Vorsatz - wie man später sehen konnte - die Gruppen der Guerilleros zu zerstören, die revolutionären Aktionen zu bremsen und ihre lächerlichen politischen Vorstellungen verschleiert durchzusetzen, da sie völlig unfähig für eine andere Linie waren; oder die, die nicht kämpfen wollten, noch jemals für ein Volk und seine Befreiung kämpfen werden und die die revolutionären Ideen karikiert haben, indem sie aus ihnen dogmatisches Opium ohne Inhalt und Bedeutung gemacht haben, die Kampforganisationen des Volkes in Instrumente der Versöhnung mit den in- und ausländischen Ausbeutern und in Vorkämpfer einer Politik verwandelt haben, die nichts mit den wahren Interessen der ausgebeuteten Völker dieses Kontinents zu tun haben.

   Che betrachtete seinen Tod als etwas Natürliches und im Verlauf der Guerilla als Wahrscheinliches. Er bemühte sich, besonders in seinen letzten Aufzeichnungen, darauf hinzuweisen, daß dies den unausweichlichen Fortgang der Revolution in Lateinamerika nicht aufhalten werde. In seiner Botschaft an die Trikontinentale führte er diesen Gedanken aus: "Jede unserer Taten ist ein Kriegsruf gegen den Imperialismus ... Wo immer uns der Tod trifft, sei er willkommen, wenn nur unser Kriegsruf ein aufnahmebereites Ohr getroffen hat und eine andere Hand sich ausstreckt, um unsere Waffen zu ergreifen".

   Er sah sich als Soldat dieser Revolution, ohne sich um sein Leben zu sorgen. Die im Ende seines Kampfes in Bolivien das Scheitern seiner Ideen sehen, könnten mit derselben Einfalt den Wert der Ideen und Kämpfe aller großen revolutionären Vorläufer und Denker abtun, einschließlich der Gründer des Marxismus, die ihr Lebenswerk nicht vollenden und dessen Früchte nicht ernten konnten.

   Weder der Tod von Marti und Maceo im Gefecht, dem später, als sich der Unabhängigkeitskrieg seinem Ende näherte, die YankeeIntervention folgte, die vorübergehend das Ziel ihrer Kämpfe vereitelte, noch derTod von glanzvollen Vorkämpfern der sozialistischen Revolution wie Julio Antonio Mella, der von Agenten des Imperialismus ermordet wurde, konnte in Kuba schließlich den Triumph einer Entwicklung verhindern, die vor hundert Jahren begann. Und niemand kann die tiefe Bedeutung der Sache und die Kampfweise jener Vorläufer und die Gültigkeit ihrer grundlegenden Ideen anzweifeln, die die kubanischen Revolutionäre immer inspiriert haben.

   Aus den Aufzeichnungen im Tagebuch Ches kann man entnehmen, wie real die Chancen eines Erfolges und wie außergewöhnlich die beschleunigende Wirkung des Guerillakrieges waren. In einem gewissen Augenblick, gegenüber den offensichtlichen Zeichen der Schwäche und des drohenden Zusammenbruchs des bolivianischen Regimes, meinte er: "Die Regierung löst sich schnell auf, schade, jetzt nicht hundert Männer mehr zu haben".

   Aus seiner Erfahrung in Kuba wußte Che, wie oft unsere kleine Guerillatruppe kurz vor der Auslöschung stand. Dem Zufall und den Unwägbarkeiten des Krieges gänzlich unterworfen, hätte dies eintreten können. Hätte diese Möglichkeit jemanden berechtigt, unsere Linie für irrig zu halten und zum Anlaß zu nehmen, die Revolution zu beschneiden und die Völker impotent zu machen? Häufig gingen in der Geschichte revolutionären Entwicklungen gegenläufige Bewegungen voraus! Trat der endgültige Triumph des bewaffneten Kampfes des kubanischen Volkes nicht knapp 6 Jahre nach dem Versuch von Moncada ein?

   Viele sahen in der Zeit zwischen dem 26. Juli 1953, Tag des Angriffs auf die Kaserne Moncada in Santiago de Cuba und dem z. Dezember 1956, Tag der Landung der Granma, keine Aussicht auf Erfolg für den revolutionären Kampf in Kuba gegen eine moderne und gut bewaffnete Armee. Die Taten einer Handvoll Kämpfer wurden als Hirngespinst von vollkommen verwirrten Idealisten und Illusionisten abgetan. Die erdrückende Niederlage und totale Zerstreuung der unerfahrenen Guerillatruppe am 5. Dezember 1956 schien die pessimistischen Wahrsager voll zu bestätigen ... Aber nur 25 Monate später hatten die Reste jener Truppe die notwendige Stärke und Erfahrung entwickelt, um jenes Heer zu vernichten.

   Zu allen Zeiten und Begebenheiten wird es übermäßig Einwände geben, nicht zu kämpfen, aber das wird der einzige Weg sein, die Freiheit niemals zu erlangen. Che überlebte seine Ideen nicht, aber er befruchtete sie mit seinem Blut. Mit größter Sicherheit werden seine pseudorevolutionären Kritiker mit ihrer feigen Politik und ihrer ewigen Tatenlosigkeit die Offenkundigkeit ihrer eigenen Dummheit erleben.

   Es ist bezeichnend, wie man im Tagebuch sehen wird, daß einer dieser allmählich für Lateinamerika typischen Revolutionäre, Mario Monje, Sekretär der kommunistischen Partei Boliviens, Che die politische und militärische Leitung der Bewegung in Bolivien streitig machen wollte. Er behauptete, die Absicht zu haben, dafür auf seinen Parteiposten zu verzichten. Es genügte ihm offenbar der Titel, es gewesen zu sein, um dieses Vorrecht zu fordern.

   Mario Monje hatte sicherlich keinerlei Erfahrung im Guerillakrieg und nie eine Schlacht geschlagen. Andererseits verpflichtete ihn sein Selbstverständnis als Kommunist nicht einmal zur Lösung von dem plumpen und weltlichen Chauvinismus, den schon die Vorkämpfer des Kampfes für die erste Unabhängigkeit überwunden hatten.

   Mit einem solchen Konzept der Führung des antiimperialistischen Kampfes auf diesem Kontinent haben diese "Kommunistenführer" nicht einmal das internationalistische Niveau der Ureinwohner, die den europäischen Kolonisatoren zur Zeit der Eroberung unterjocht waren, überboten.

   Der Führer der kommunistischen Partei eines Landes, das zu Ehren seiner ersten Befreier, beides Venezolaner, sich selbst "Bolivien" und seine Hauptstadt uSucre" nannte, dem für die endgültige Befreiung seines Volkes, dessen Sache sich nicht auf die engen, künstlichen und obendrein ungerechten Grenzen dieses Landes beschränkte, das politische, organisatorische und militärische Talent eines wahren revolutionären Titanen zur Verfügung stand, tat nichts anderes, als schimpfliche, lächerliche und unverdiente Befehlsansprüche geltend zu machen.

   Da Bolivien keinen Zugang zum Meer hat, hängt seine eigene Befreiung mehr als in jedem anderen Land vom revolutionären Triumph seiner Nachbarn ab, um sich nicht einer grausamen Blockade auszusetzen. Che war mit seinem enormen Prestige, seinen Fähigkeiten und Erfahrungen der Mann, der diese Entwicklung hätte beschleunigen können.

   Che hatte mit den Führern und den Kämpfern der bolivianischen kommunistischen Partei vor ihrer Spaltung Verbindung aufgenommen und von ihnen Hilfe für die revolutionäre Bewegung in Südamerika gefordert. Einige von der Partei genehmigte Kämpfer arbeiteten einige Jahre bei verschiedenen Aufgaben mit ihm zusammen. Bei der Spaltung der Partei entstand eine kritische Situation, da einige Kämpfer, die mit ihm zusammengearbeitet hatten, in der einen oder anderen Gruppe waren. Aber Che sah im Kampf in Bolivien keine isolierte Handlung, sondern einen Teil der revolutionären Befreiungsbewegung, die sich bald auf andere Länder Südamerikas ausweiten würde. Sein Plan war, eine Bewegung ohne Sektierertum zu organisieren, der sich alle anschlossen, die für die Befreiung Boliviens und der vom Imperialismus unterjochten Völker Lateinamerikas kämpfen wollten. Aber die Vorbereitungsphase der Guerillabasis hing wesentlich von der Hilfe einer Gruppe wertvoller und bescheidener Mitarbeiter ab, die bei der Spaltung in der Gruppe Monjes blieben. Hauptsächlich aus Rücksicht auf diese, lud er ihn zu einem Besuch seines Lagers ein, obwohl er ihm gewiß keine Sympathie entgegenbrachte. Danach lud er Moises Guevara ein, Bergarbeiterführer und Politiker, der sich von der Partei getrennt hatte, um bei der Bildung einer anderen Organisation mitzuarbeiten, von der er sich später, uneinig mit Oscar Zamora, löste. Letzterer war ein weiterer Monje, der sich Che gegenüber verpflichtet hatte, in der Organisation des bewaffneten Guerillakampfes in Bolivien zu arbeiten, dann alle Verpflichtungen leugnete und in der Stunde der Tat feige die Arme verschränkte, um sich nach Ches Tod in einen seiner heftigsten Kritiker im Namen des Marxismus-Leninismus" zu verwandeln. Moises Guevara schloß sich Che ohne Schwanken an, was er schon lange vor dessen Ankunft in Bolivien angeboten hatte. Er gab ihm seine Unterstützung und opferte sein Leben heroisch der revolutionären Sache.

   Ebenso handelten die bolivianischen Guerilleros, die bis dahin in Monjes Organisation geblieben waren. Angeführt von Inti und Coco Peredo, die später zeigten, daß sie wertvolle und mutige Kämpfer waren, trennten sie sich von dieser und unterstützten Che hingebungsvoll. Aber Monje war mit dem Ergebnis nicht zufrieden und boykottierte die Bewegung, indem er kampfbereite, gut trainierte Kommunisten, die sich den Guerillas anschließen wollten, in La Paz abfing. Diese Vorfälle zeigen, daß es in den revolutionären Reihen mit allen notwendigen Fähigkeiten für den Kampf ausgerüstete Männer gibt, deren Entfaltung von unfähigen, heuchlerischen und Ränke schmiedenden Führern vereitelt wird.

   Che war ein Mann, den persönlich Amter, Befehlsgrade oder Ehrungen nicht interessierten, der aber stärkstens überzeugt war, daß in einem revolutionären Guerillakampf - wesentliche Aktionsform der Befreiung der Völker Lateinamerikas gemäß der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lage fast aller lateinamerikanischen Länder - die militärische und politische Führung des Guerillakampfes in einer Hand liegen müsse, und daß der Kampf nur von dort und nicht aus bequemen und bürokratischen Stadtbüros geleitet werden könne. Er war nicht bereit, von diesem Standpunkt abzugehen und einem unerfahrenen Irren mit engstirnigen chauvinistischen Ansichten die Führung einer Kerntruppe der Guerillas zu überlassen, die in ihrer weiteren Entwicklung einen groß angelegten Kampf in Südamerika auslösen sollte. Che glaubte, daß dieser Chauvinismus, der oft die revolutionären Elemente verschiedener lateinamerikanischer Länder infiziert, als eine lächerliche und sterile reaktionäre Gesinnung bekämpft werden mußte. "Auf daß sich ein echter proletarischer Internationalismus entwickele", sagte er in seiner Botschaft an die Trikontinentale, "... die Fahne, unter der man kämpft, sei die geheiligte Sache der Befreiung der Menschheit. Deshalb ist der Tod im Zeichen von Vietnam, Venezuela, Guate- mala, Laos, Guinea, Bolivien..., um nur die Schauplätze der jetzigen bewaffneten Kämpfe zu nennen, gleichermaßen ehrenvoll und wünschenswert für einen Amerikaner, Asiaten, Afrikaner und sogar für einen Europäer. Jeder Tropfen Blut, in dem Land vergossen, unter dessen Fahne man nicht geboren wurde, ist eine Erfahrung, die jeder, der überlebt, machen soll, um sie dann bei dem Be- freiungskampf seines Geburtslandes zu verwenden. Und jedes Volk, das sich befreit, ist ein Teil des Kampfes für die Freiheit des eigenen Volkes, den man gewonnen hat".

   Che dachte weiterhin, daß in den Guerillatruppen Kämpfer verschie- dener lateinamerikanischer Länder sein sollten. Der Guerillakampf in Bolivien sollte die Schule für Revolutionäre sein, die ihren Un- terricht in den Schlachten absolvieren würden. Als Hilfe bei dieser Aufgabe wollte er, zusammen mit den Bolivianern, eine kleine Gruppe erfahrener Guerilleros an seiner Seite haben, fast alles Kameraden aus der Sierra Maestra im Revolutionskampf Kubas, deren Fähigkeiten, Mut und Opfergeist er kannte. Von diesen schlug keiner seine Bitte aus, und keiner verließ ihn, und keiner ergab sich.

   Che handelte während seines Unternehmens in Bolivien mit der Überlegenheit, der Ruhe und dem beispielhaften Handeln, die sprichwörtlich an ihm waren. Man kann sagen, daß er, durchdrungen von der Wichtigkeit der Aufgabe, die er sich gestellt hatte, jederzeit im Geiste einer tadellosen Verantwortung handelte. Bei den Gele- genheiten, bei denen die Guerillatruppe fahrlässig handelte, beeilte er sich, sie zu ermahnen und zu belehren, was er in sein Tagebuch eintrug.

   Ungünstige Faktoren verbündeten sich auf unglaubliche Weise ge- gen ihn. Die Trennung - die einige wenige Tage dauern sollte - von einem Teil der Guerilla, in der sich eine Gruppe wertvoller Leute befand, von denen einige krank oder genesend waren, dehnte sich, als der Kontakt zwischen beiden in sehr zerklüftetem Gelände ver- loren gegangen war, über nicht enden wollende Monate aus, in de- nen die Kräfte des Che durch die Suche gebunden waren. In jener Zeit hatte er schwere Asthmaanfälle, ein Leiden, das er gewöhnlich leicht mit einfachen Medikamenten unter Kontrolle hielt, das aber wegen der fehlenden Medikamente zu einem schrecklichen Feind wurde. Es wurde zu einem ernsten Problem, als die Medikamente, die er vorsorglich für die Truppe besorgt hatte, vom Gegner ent- deckt und beschlagnahmt worden waren. Diese Tatsache zusammen mit der Ende August erfolgten Zerschlagung der Guerillagruppe, mit der er den Kontakt verloren hatte, waren Faktoren, die in der wei- teren Entwicklung schwer wogen. Aber Che stellte sich mit seinem Willen aus Stahl über das physische Leiden, und in keinem Augen- blick verminderte sich seine Handlungsfähigkeit oder ließ sein Kampfgeist nach.

   Er hatte zahlreiche Kontakte mit den bolivianischen Bauern. Ihr höchst mißtrauischer und vorsichtiger Charakter konnte Che, der ihre Mentalität bestens kannte, nicht überraschen. Er hatte bei an- deren Gelegenheiten mit ihnen zu tun gehabt und wußte, daß es lange, harte und geduldige Arbeit erfordern würde, um sie für seine Sache zu gewinnen; aber er hegte keinerlei Zweifel, daß er sie mit der Zeit für sich gewinnen könnte. Wenn man aufmerksam den Lauf der Ereignisse verfolgt, wird man feststellen, daß, auch als die Zahl der Männer sehr klein war, mit denen er im September - einige Wochen vor seinem Tod - rechnen konnte, die Guerilla ihre Ent- wicklungsfähigkeit noch behielt und einige bolivianische Kader, wie die Brüder Inti und Coco Peredo, sich schon zu hervorragenden Führern entwickelten. Der Hinterhalt von Higueras brachte sie in eine ausweglose Lage. Es war die einzige erfolgreiche Aktion der Armee gegen die Truppe, die Che befehligte. Die Vorhut wurde auf- gerieben und noch einige andere Männer verletzt. Sie setzten sich tagsüber in ein ländliches Gebiet mit einem größeren politischen Entwicklungsstand ab - eine Tatsache, die im Tagebuch nicht ange- führt ist, die man aber von den Uberlebenden weiß. Dieses Vor- rücken bei Tageslicht auf einer Route, die sie mehrere Tage lang verfolgten, war zweifellos gefährlich„ da es sie in einen unvermeid- lich großen Kontakt mit den Bewohnern jenes Gebietes, das sie zum ersten Mal durchquerten, brachte. Es war sicher, daß das Heer sie an irgendeinem Punkte abfangen würde. Aber Che, sich dessen vollkommen bewußt, entschied, das Risiko auf sich zu nehmen, um dem Arzt zu helfen, der sich in einer sehr schlechten körperlichen Verfassung befand.

   Am Tag vor dem Hinterhalt schreibt er: "Wir erreichten Pujio, aber dort gab es Leute, die uns am Tage vorher gesehen hatten; man kann sagen, wir sind von Radio Bomba angesagt ..." "Das Reiten auf Maultieren wird gefährlich„ aber ich bemühe mich, daß EI Medico so gut wie möglich weiter kommt, da er sehr schwach ist."

   Am nächsten Tag schrieb er: "Um 13.00 Uhr brach die Vorhut auf, um Jagüey zu erreichen. Dort sollte eine Entscheidung über die Maulesel und den Arzt getroffen werden. Das heißt, er suchte nach einer Lösung für den Kranken, um diese Route zu verlassen und die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen treffen zu können. Aber an jenem Nachmittag, bevor die Vorhut Jagüey erreichte, geschah der fatale Hinterhalt, der die Gruppe in eine unhaltbare Lage brachte.

   Tage später, nahe der Yuro-Schlucht, lieferte er seine letzte Schlacht.

   Die von dieser Handvoll von Revolutionären vollbrachte Leistung beeindruckt zutiefst. Allein der Karnpf.gegen die feindliche Natur, in der sie ihre Unternehmen ausführten, füllt eine unübertreffliche Seite des Heroismus. Niemals vorher in der Geschichte hat eine so kleine Gruppe von Männern eine so gigantische Aufgabe auf sich genommen. Der Glaube und die absolute Uberzeugung, daß die immense revolutionäre Fähigkeit der lateinamerikanischen Völker geweckt werden könne, ihr Selbstvertrauen und die Entschiedenheit, mit der sie sich dieser Aufgabe widmeten, zeigt uns die wahre Größe dieser Männer.

   Che sagte einmal zu den Guerilleros in Bolivien: "Diese Art Kampf gibt uns die Möglichkeit, uns in Revolutionäre zu verwandeln, die höchste Stufe der menschlichen Art, aber sie erlaubt uns auch, zu Männern zu werden. Wer keine dieser Stufen erreichen kann, muß es sagen und das Kämpfen lassen."

   Diejenigen die bis zum Ende mit ihm kämpften, erhielten diese ehrenhafte Auszeichnung. Sie symbolisieren den Typ des Revolutionärs und den Typ des Menschen, den die Geschichte in dieser Stunde zusammenruft für eine wirklich harte und schwierige Aufgabe: die revolutionäre Umwandlung Lateinamerikas.

   Der Feind, dem sich die Vorkämpfer des ersten Unabhängigkeitskampfes entgegenstellten, war eine dekadente Kolonialmacht. Heute haben die Revolutionäre das mächtigste Bollwerk des imperialistischen Lagers zum Feinde, ausgerüstet mit der modernsten Technik und Industrie. Dieser Feind organisierte und rüstete nicht nur von neuem ein bolivianisches Heer aus, nachdem das Volk die vorherige, repressive militärische Macht zerstört hatte, sondern bot sofort Waffenhilfe und Militärberater für den Kampf gegen die Guerillas an und gewährt in gleichem Ausmaß repressiven Kräften dieses Kontinents militärische und technische Hilfe. Und falls diese Mittel nicht ausreichen, greift er direkt mit seinen Truppen ein, wie er es in Santo Domingo tat.

   Um gegen diesen Feind zu kämpfen, benötigt man den Typ von Revolutionären und Männern, von denen Che sprach. Ohne diesen Typ von Revolutionären, die bereit sind, das zu tun, was jene taten; ohne den Mut großen Hindernissen entgegenzutreten, wie jene es taten; ohne die Bereitschaft zu sterben, die jene in jedem Augenblick hatten; ohne die tiefe Uberzeugung der Gerechtigkeit ihrer Sache und den unerschütterlichen Glauben in die unbesiegbare Stärke der Völker, den jene angesichts einer Macht wie dem Yankee-Imperialismus hatten, dessen militärische, technische und wirtschaftliche Mittel sich in der ganzen Welt bemerkbar machen, wird die Befreiung der Völker dieses Kontinents niemals erreicht werden.

   Das nordamerikanische Volk, das anfängt zu begreifen, daß die monströse, politische Suprastruktur, die ihr Land beherrscht, seit langem nicht mehr die idyllische Republik ist, die ihre Gründer vor fast 200 Jahre aufbauten, leidet selbst in immer höherem Maße unter der moralischen Barbarei eines irrationalen, entfremdeten, entmenschten und brutalen Systems. Dieses fordert vom amerikanischen Volk immer größere Opfer für seine Angriffskriege, seine politischen Verbrechen, Rassendiskriminierung, die erbärmliche Unterdrückung seiner Menschen und seine widerliche Verschwendung wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und menschlicher Mittel für seinen unmäßigen, reaktionären und repressiven Militärapparat, inmitten einer Welt, zu dreiviertel unterentwickelt und hungrig.

   Aber nur die revolutionäre Umwandlung Lateinamerikas wird dem Volk der Vereinigten Staaten erlauben, seine eigene Rechnung mit jenem Imperialismus zu begleichen. Gleichzeitig könnte sich der wachsende Kampf des nordamerikanischen Volkes gegen die imperialistische Politik in einen entscheidenden Alliierten der Revolutionsbewegung in Lateinamerika verwandeln.

   Und wenn dieser Teil der Hemisphäre keine tiefgreifende, revolutionäre Umwandlung erfährt, wird die riesige Differenz und das Gefälle, das sich seit dem Beginn dieses Jahrhunderts zwischen der mächtigen Nation, die sich schnell industrialisierte und gleichzeitig durch das Gesetz der sozialen Dynamik und Wirtschaft zu gigantischen Höhen gelangte und der Gruppe der schwachen und stehengebliebenen Länder, die von feudalen Oligarchien und ihren reaktionären Armeen auf dem balkanisierten Rest des amerikanischen Kontinents unterworfen sind, jedesmal größer; wird der jetzige Unterschied in Wirtschaft, Wissenschaft und Technik nur ein kleiner Widerschein der riesigen Ungleichheit sein, die in zwanzig oder mehr Jahren die imperialistische Struktur den lateinamerikanischen Völkern aufzwingen wird.

   Auf diesem Weg sind wir gezwungen, immer ärmer, schwächer, abhängiger und noch versklavter von diesem Imperialismus zu werden. Diese düstere Perspektive betrifft ebenso die unterentwickelten Länder Afrikas und Asiens.

   Wenn die industrialisierten und gebildeten Nationen Europas mit ihrem Gemeinsamen Markt und den supranationalen, wissenschaftlichen Einrichtungen unruhig werden vor der Möglichkeit zurückzubleiben und ängstlich der Drohung gegenüberstehen, in wirtschaftliche Kolonien des Yankee-Imperialismus verwandelt zu werden, was hat dann die Zukunft für die lateinamerikanischen Völker bereit?

   Wenn angesichts dieser wahren und nicht in Frage zu stellenden Lage, die gewiß das Schicksal unserer Völker berührt, irgend ein liberaler oder reformistischer Bourgeois oder pseudorevolutionärer Heuchler - unfähig Aktionen auszuführen - eine andere Antwort bereit hält als die Notwendigkeit einer tiefen und dringenden revolutionären Umwandlung, die einen Vorrat aller moralischen materiellen und menschlichen Kräfte binden könnte, um diesen Teil der Welt nach vorn zu bringen, um den wirtschaftlichen und wissenschaftlichtechnischen Rückstand von Jahrhunderten aufzuholen, der von Tag zu Tag der industrialisierten Welt gegenüber größer wird, einer Welt, deren Abhängige wir sind und jeden Tag mehr sein werden, insbesondere von den Vereinigten Staaten, und um außerdem die Formel des magischen Weges zu finden - anders als von Che entwickelt, der Oligarchien, Despoten, sogenannte Politiker, d. h. Knechte, und Yankee-Monopole, d. h. die Herren, hinwegfegt und es so schnell macht, wie es die Umstände erfordern - dann soll man die Hand erheben, um gegen Che aufzutreten.

   Da in Wahrheit keiner weder eine ehrenvolle Antwort, noch eine konsequente Aktion weiß, die eine wirkliche Hoffnung für die fast dreihundert Millionen Menschen einschließt, die die Bevölkerung Lateinamerikas darstellen - beklagenswert arm in ihrer überwiegenden Mehrheit - und die in fünfundzwanzig Jahren sechshundert Millionen sein werden mit einem Recht auf Leben, Kultur und Zivilisation, dann wäre das Angebrachteste zu schweigen. Schweigen vor der Haltung Ches und derer, die mit ihm fielen, ihre Ideen mit Mut verteidigend. Die Heldentat, die diese Handvoll Männer vollbrachte, geführt durch das edle Ideal der Erlösung eines Kontinents, wird als der höchste Beweis dessen bleiben, was Willen, Heroismus und menschliche Größe vermögen. Ein Beispiel, welches das Bewußtsein erleuchten wird und dem Kampf der lateinamerikanischen Völker vorangehen wird, weil der heroische Ruf Ches an die Ohren der Armen und Ausgebeuteten gelangen wird, für die er sein Leben hingab und sich viele Arme ausstrecken werden, die Waffen zu ergreifen, um ihre endgültige Befreiung zu erreichen.

   Am 7. Oktober schrieb Che seine letzten Zeilen. Am folgenden Tag um 13.00 Uhr, als er in einer engen Schlucht die Nacht abwarten wollte, um die Einkreisung zu sprengen, trat eine große Truppe des Feindes gegen sie an. Die kleine Gruppe von Männern, die zu dieser Zeit die Truppe bildete, kämpfte heroisch bis zur Dunkelheit aus Einzelstellungen, an den Wänden und am oberen Rand der Schlucht verborgen, gegen die Obermacht von Soldaten, die sie umzingelten und angriffen. Von denen, die in Stellungen nahe bei Che kämpften, gibt es keine Oberlebenden. Da sich bei ihnen der Arzt, auf dessen schlechten Gesundheitszustand schon vorher hingewiesen wurde, und ein peruanischer Guerillero, ebenfalls in schlechtem Gesundheitszustand, befanden, weist alles darauf, daß Che bis zu dem Zeitpunkt, an dem er verletzt wurde, alles tat, um den Rückzug dieser Kameraden an einen möglichst sicheren Ort zu decken. Der Arzt wurde bei dieser Schlacht nicht getötet, sondern erst einige Tage später, nahe der Yoro-Schlucht. Das steile, unebene und felsige Gelände machte es sehr schwer und manchmal unmöglich, daß die Guerilleros sich sehen konnten. Diejenigen, die die Schlucht am anderen Ende, einige hundert Meter von Che entfernt, verteidigten, unter ihnen Inti Peredo, widerstanden dem Angriff bis zur Dunkelheit, in der es ihnen gelang, sich vom Feind abzusetzen und sich zu dem vorher ausgemachten Sammelpunkt zu begeben.

   Es konnte festgestellt werden, daß Che verletzt weitergekämpft hat bis der Lauf seines M-2 Gewehres durch einen Schuß zerstört wurde, der es vollkommen unbrauchbar machte. Die Pistole, die er bei sich trug, hatte kein Magazin. Diese unglaublichen Begleitum stände zeigen, daß sie ihn lebend gefangen nehmen konnten. Die Verletzungen der Beine machten es ihm unmöglich, ohne Hilfe zu gehen, aber sie waren nicht tödlich.

   In das Dorf Higueras gebracht, blieb er noch ungefähr vierundzwanzig Stunden am Leben. Er weigerte sich, auch nur irgend ein Wort mit seinen Häschern zu wechseln, und einem betrunkenen Offizier, der versuchte ihn zu verspotten, schlug er mit der Faust mitten ins Gesicht.

   Nachdem sich Barrientos, Ovando und andere hohe Militärs in La Paz versammelt hatten, beschlossen sie kaltblütig, ihn zu ermorden. Die Details der Art und Weise, in der sie vorgingen, um den heimtückischen Beschluß in der Schule des Dorfes Higueras auszuführen, sind bekannt. Der Major Miguel Ayoroa und der Coronel An-drös Selnich, zwei von den Yankees trainierte Rangers, befahlen dem Unteroffizier Mario Terän, den Mord auszuführen. Als dieser vollkommen betrunken das Haus betrat, sagte Che - der die Schüsse, mit denen soeben ein bolivianischer und ein peruanischer Guerillero niedergestreckt worden waren, gehört hatte -, als er sah, daß der Henker zögerte, mit Bestimmtheit: Schieß! Hab keine Angst!" Dieser ging weg, und es war notwendig, daß die Vorgesetzten Ayoroa und Selnich den Befehl wiederholten, den er dann ausführte, indem er ihm vom Gürtel abwärts eine Salve seiner Maschinenpistole hineinjagte. Die Version, daß Che einige Stunden nach der Schlacht gestorben war, war schon bekannt gegeben worden, und so hatten die Ausführenden die Anweisung erhalten, weder auf Kopf noch Brust zu schießen, um keine großen Wunden zu erzeugen. Dies verlängerte grausam den Todeskampf Ches, bis ihm ein Feldwebel - ebenfalls betrunken - mit einer Pistole auf der linken Seite den Todesschuß gab. Dieses Vorgehen steht im krassen Widerspruch zum Respekt, den Che ohne Ausnahme Offizieren und Soldaten der bolivianischen Armee, die er gefangen genommen hatte, entgegenbrachte.

   Die letzten Stunden seines Lebens in den Händen seiner zu verachtenden Feinde müssen für ihn grauenvoll gewesen sein. Aber kein Mensch war besser auf eine solche Prüfung vorbereitet als Che.


   Der Weg, auf dem dieses Tagebuch in unsere Hände gelangte, kann jetzt nicht bekanntgegeben werden. Es genügt zu sagen, daß es ohne die Zahlung eines Entgelts geschah. Es enthält alle Notizen vom 7. November 1966, dem Tag, an dem Che nach Nancahuazü kam, bis zum 7. Oktober 1967, Vortag der Schlacht an der YuroSchlucht. Es fehlen lediglich einige wenige Seiten, die noch nicht in unsere Hände gelangt sind; aber da sie Tagen entsprechen, an denen sich keine wichtigen Vorfälle ereigneten, ändert das nichts an seinem Inhalt.

   Obwohl die Aufzeichnungen keinerlei Zweifel an ihrer Echtheit zulassen, wurden alle Fotokopien einer genauen Prüfung unterzogen, um nicht nur besagte Authentizität zu überprüfen, sondern auch jegliche, mögliche Anderung, wie klein sie hätte sein mögen, zu entdecken.

   Die Aufzeichnungen wurden mit dem Tagebuch eines der überlebenden Guerilleros verglichen, und beide Aufzeichnungen stimmten in allen Punkten überein. Die Aussagen der anderen Guerilleros, die überlebten und Zeugen der einzelnen Ereignisse waren, trugen außerdem zur Bestätigung bei. Man gelangte zu der absoluten Sicherheit, daß alle Fotos eine getreue Kopie von Ches Tagebuch sind.

   Es war eine anstrengende Arbeit, die kleine und schwierige Schrift zu entziffern, was durch die unermüdliche Mitarbeit seiner Gefährtin Aleida March de Guevara ausgeführt wurde.

   Das Tagebuch wird ungefähr gleichzeitig herausgegeben: in Frankreich durch den Verlag Frangois Maspero; in Italien durch den Verlag Feltrinelli; in der Bundesrepublik Deutschland durch den Trikont Verlag; in den USA in Ramparts Review; in Frankreich auf spanisch durch Ediciones Ruedo lberico; in Chile in der Revista Punto Final; in Mexiko durch den Verlag Siglo XXI und in anderen Ländern.

Immer bis zum Sieg!

Hasta la Victoria Siempre!

Fidel Castro

November 1966

7. November

Heute beginnt eine neue trappe. In der Nacht Kamen wir auf dem Gut an. Die Reise verlief einigermaßen glatt. Nachdem wir, gebührend verkleidet, über Cochabamba eingereist waren, stellten oPachungo und ich die Kontakte her. Wir fuhren im Jeep weiter, zwei Tage lang in zwei Wagen. Sobald wir in die Nähe der Finca kamen, hielten wir die Autos an. Nur ein einziges fuhr bis dort hin, um nicht den Argwohn eines nahen Grundbesitzers auf uns zu lenken, der etwas von der Möglichkeit murmelt, daß unser Unternehmen sich mit der Herstellung von Kokain befasse. Merkwürdigerweise gilt der schweigsame Tumaini als der Chemiker der Gruppe. Als wir auf der zweiten Fahrt unseren Weg zum Gut fortsetzten, wäre Bigotes, der gerade hinter meine Identität gekommen war, fast in eine Schlucht gefallen, aber er brachte den Jeep am Rand des Abgrunds zum Stehen. Wir zogen etwa 20 Kilometer weiter und kamen nach Mitternacht auf dem Gut an, wo sich drei Arbeiter der Partei aufhielten.

Bigotes zeigte sich bereit, mit uns zusammenzuarbeiten, gleichgültig was die Partei unternähme, doch er erweist sich als loyal gegenüber Monje, den er achtet und gernzuhaben scheint. Seinen Worten nach steht Rodolfo in gleicher Weise zur Verfügung, und ebenso verhält es sich mit Coco, aber wir müssen zu erreichen suchen, daß die Partei sich entschließt zu kämpfen. Ich bat ihn, die Partei nicht zu informieren bis zur Ankunft Monies, der auf einer Bulgarienreise ist und uns heften wird. Er stimmte beidem zu.

8. November

Wir haben den Tag im Busch zugebracht, kaum 100 Meter vom Haus entfernt in der Nähe des Baches. Jagd auf uns machte eine Art Schnake, die sehr lästig ist, obwohl sie nicht sticht. An Ungeziefer gab es bisher: Schnaken, Jejen, Marigui, Moskitos und Zecken.

Bigotes hat seinen Jeep mit Unterstützung von Arganaraz herausgezogen und verabredet, ihm einiges abzukaufen, z. B. Schweine und Hühner.

Ich dachte daran, zur Information unsere Zwischenfälle niederzuschreiben, verschob es aber auf die nächste Woche, in der wir die zweite Gruppe in Empfang zu nehmen hoffen.

9. November

Ein Tag ohne Neuigkeiten. Mit Tumaini haben wir eine Erkundung durchgeführt, dem Lauf des Rio Nacahuasu folgend (in Wirklichkeit ein Bach). Aber wir kamen nicht bis zur Quelle. Er fließt in einem engen Bett, und die Gegend ist anscheinend wenig belebt. Mit einer angemessenen Disziplin kann man hier lange Zeit bleiben.

Am Spätnachmittag hat uns ein starker Regen aus dem Busch ins Haus getrieben. Ich habe mir 6 Zecken vom Körper abgenommen.

10. November

Pachungo und Pombo sind zur Erkundung mit einem bolivianischen Kameraden, Serafin, aufgebrochen. Sie sind etwas weiter gegangen als wir und auf die Gabelung des Baches gestoßen, eine kleine Schlucht, die günstig zu sein scheint. Nach der Rückkehr haben sie sich im Haus herumgetrieben, und Alganaraz' Fahrer, der die Leute mit einigen Einkäufen, die sie gemacht hatten, zurückbrachte, sah sie. Ich habe furchtbaren Krach geschlagen, und wir beschlossen, uns morgen in den Busch zu begeben und dort ein Dauerlager aufzuschlagen. Tumaini wird sich blicken lassen, denn ihn kennen sie schon, und er wird als ein weiterer Angestellter des Gutes gelten. Das verschlimmert sich schnell; bleibt abzuwarten, ob sie uns trotz allem unsere Leute herholen lassen. Mit ihnen wäre ich beruhigt.

11. November

Ein Tag ohne etwas Neues in einem neuen Lager, auf der anderen Seite des Hauses, in dem wir auch schliefen.

Die Plage ist infernalisch und zwingt, sich in die Hängematte mit Moskitonetz zu flüchten (das nur ich allein besitze).

Tumeini hat Arganaraz einen Besuch abgestattet und ihm einiges abgekauft: Hühner, Truthennen. Es scheint, daß er seinerseits bisher keinen großen Verdacht hegt.

12. November

Ein Tag ohne irgend etwas Neues. Wir haben eine kurze Erkundung unternommen, um das Terrain vorzubereiten, das als Lager bestimmt ist, wenn die 6 der zweiten Gruppe eintreffen. Die ausgewählte Stelle liegt etwa 100 Meter vom Anfang der Grabstätte auf einem kleinen Hügel. In der Nähe befindet sich eine Mulde, in die man Höhlen graben kann, um Nahrungsmittel und andere Dinge aufzubewahren. Zu dieser Zeit soll die erste der drei Gruppen zu je zwei Mann kommen, in die sie aufgeteilt sind. Ende der Woche, die beginnt, müssen sie auf der Finca eintreffen. Mein Haar wächst nach, wenn auch recht spärlich, und die weißen Haare werden blond und beginnen zu verschwinden; mir sprießt der Bart. In etwa zwei Monaten werde ich wieder ich selbst sein.

13. November

Sonntag. Einige Jäger ziehen nahe an unserer Behausung vorbei; Knechte von Arganaraz. Es sind Leute aus den Bergen, jung und unverheiratet, und ideal als Rekruten. Sie haben einen geballten Haß auf ihren Patrön. Sie berichteten, daß 8 Meilen von hier am Fluß entlang Häuser seien und es dort einige Schluchten mit Wasser gäbe. Sonst nichts Neues.

14. November

Eine Woche Lagerleben. Pachungo sieht etwas verloren und traurig aus, aber er muß sich wieder fangen. Heute haben wir begonnen, einen Tunnel zu graben, in dem wir alles unterbringen können, was belastend sein könnte. Wir werden ihn mit einem Geflecht aus Ästen tarnen und so gut wie möglich vor Feuchtigkeit schützen. Der Schacht von anderthalb Metern ist schon fertig und der Tunnel angefangen.

15. November

Wir haben die Arbeit am Tunnel fortgesetzt - am Morgen Pombo und Pachungo, am Nachmittag Tumaini und ich. Als wir die Arbeit um 6 Uhr beendeten, hatte der Tunnel schon eine Tiefe von 2 Metern erreicht. Morgen denken wir ihn fertigzustellen und alle belastenden Dinge in ihm zu deponieren. In der Nacht hat mich ein Regen aus meiner Hängematte vertrieben, die naß wird, weil die Nylondecke zu kein ist. Sonst gab es nichts Neues.

16. November

Der Tunnel ist fertig und getarnt; nur noch den Weg gilt es, unkenntlich zu machen. Wir werden die Sachen zu unserem Versteck schaffen und es morgen abdecken, indem wir den Ausgang mit einem Geflecht aus Ästen und Lehm verstopfen. Die Skizze dieses Tunnels, die die Nr. 1 trägt, befindet sich im Dokument I. Alles Übrige unverändert. Ab Morgen können wir auf Nachrechten aus La Paz hoffen.

17. November

Der Tunnel wurde mit den Sachen gefüllt, die für die Leute im Haus belastend sein könnten, sowie mit einigen Konserven. Er ist jetzt ausreichend getarnt. Aus La Paz kam keinerlei Nachricht. Die Jungen aus dem Haus haben mit Argariaraz gesprochen, dem sie einiges abkauften. Er bestand erneut darauf, daß sie an der Herstellung von Kokain beteiligt waren.

18. November

Ohne Nachricht aus La Paz. Pachungo und Pombo haben noch einmal den Bach erkundet, aber sie sind nicht sehr überzeugt davon, daß es der zweckmäßigste Lagerplatz ist. Am Montag werden wir ihn mit Tumaini erforschen. Arganaraz kam, um den Weg zu reparieren und um dafür Steine aus dem Fluß herauszuholen. Er verbrachte eine gute Weile mit dieser Arbeit. Dem Anschein nach ahnt er nichts von unserer Anwesenheit hier. Alles verläuft monoton. Die Moskitos und Zecken haben inzwischen unerfreuliche Wunden mit entzündeten Stichen hinterlassen. Die Kälte macht sich bei Morgengrauen etwas bemerkbar.

19. November

Nichts Neues aus La Paz. Nichts Neues hier. Wir bleiben zurückgezogen, denn es ist Sonnabend, der Tag,, an dem Jäger herumstreifen.

20. November

Am Mittag trafen Marcos und Rolando ein. Jetzt sind wir sechs. Gleich ging es ans Geschichtenerzählen von der Reise. Sie haben so lange auf sich warten lassen, weil der Bescheid sie erst vor einer Woche erreichte. Es sind die beiden, die auf dem schnellsten Weg, über Sao Paola, reisten. Vor der kommenden Woche kann man mit dem Eintreffen der anderen Vier nicht rechnen.

Mit ihnen kam Rodolfo, der auf mich einen sehr guten Eindruck machte. Anscheinend ist er stärker entschlossen als Bigotes, mit allem zu brechen. Papi hat ihm und auch Coco in Verletzung der Vorschriften von meiner Anwesenheit berichtet. Es scheint ein Fall von Eifersucht auf die Autorität zu sein. Ich. habe nach Manila geschrieben und einige Empfehlungen beigefügt (Dokumente I und II), ebenso an Papi, um seine Fragen zu beantworten. Rodolfo kehrte am Morgen wieder zurück.

21. November

Erster Tag für die erweiterte Gruppe. Es hat ziemlich geregnet, und beim Umzug an unseren neuen Ort wurden wir ganz schön naß. Jetzt sind wir also eingerichtet. Das Zelt erwies sich als Lastwagenplane, die zwar Wasser saugt, doch ein wenig schützt. Wir haben unsere Hängematte mit der Nylondecke. Einige Waffen sind dazugekommen: Marcos besitzt ein Gewehr, und Rolando soll ein M-1 aus dem Depot erhalten. Jorge ist bei uns geblieben, aber im Haus; er wird dort die Arbeiten zur Verbesserung des Gutes einleiten. Rodolfo habe ich um einen vertrauenswürdigen ausgebildeten Landwirt gebeten. Wir versuchen, daß dies so lange wie möglich anhält.

22. November

Tuma, Jorge und ich unternahmen einen Streifzug am Fluß (Nacahuzu) entlang, um den entdeckten Bach zu besichtigen. Durch den Regen vom Vortag war der Fluß nicht wieder zu erkennen, und es kostete uns ziemliche Mühe, den gewünschten Punkt zu erreichen. Der Bach ist nur ein dünner Wasserlauf mit einer recht engen Mündung; entsprechend hergerichtet, ließe sich die Gegend für ein Dauerlager verwenden. Wir kehrten kurz nach 9 Uhr abends zurück. Hier nichts Neues.

23. November

Wir haben einen Beobachtungsstand eingeweiht, der das Häuschen der Finca beherrscht, um im Falle irgendeiner Untersuchung oder eines, unerfreulichen Besuches vorgewarnt zu sein. Da zwei auf Erkundung ausgehen, entfallen auf die Zurückbleibenden je drei Stunden Wache. Pombo und Marcos haben die Sicherheit unseres Lagers bis zum Bach, der noch immer anschwillt, geprüft.

24. November

Pacho und Rolando sind auf Erkundung am Bach ausgezogen. Sie müssen morgen wieder zurück sein. Am Abend kamen zwei Knechte von Argaharaz beim Spazierengehen« zu einem ungewöhnlichen Besuch vorbei. Es gab nichts Befremdliches, doch fehlten Antonio, der die Kundschafter begleitete, und Tuma, der offiziell zum Haus gehört. Vorwand: die Jagd. Geburtstag von Aliucha.

25. November

Vom Beobachtungsstand wurde uns ein Jeep mit 2 oder 3 Mann Besatzung gemeldet. Wie sich herausstellte, gehörten sie zu einer Verwaltungsstelle zur Bekämpfung des Sumpffiebers; sie fuhren gleich wieder ab, nachdem sie Blutproben gemacht hatten. Pacho und Rolando kamen sehr spät am Abend an. Sie haben den auf der Karte verzeichneten Bach gefunden und ihn ausgekundschaftet. Sie sind auch dem Flußlauf weiter hinauf gefolgt, bis sie auf verlassene Felder stießen.

26. November

Da Samstag ist, bleiben wir alle im Quartier. Ich bat Jorge, mit dem Pferd eine Erkundung im Flußbett durchzuführen um zu sehen, wohin er führt. Das Pferd war nicht da, und so ist er zu Fuß zu Don Remberto gelaufen (20 bis 25 km), um eines zu erbitten. Am Abend war er noch nicht zurück. Keine Nachricht aus La Paz.

27. November

Jorge ist noch immer nicht aufgetaucht. Ich habe Befehl gegeben, die ganze Nacht über Wache zu halten, doch traf um 9 Uhr der erste Jeep aus La Paz ein. Mit Coco kamen Joaquin und Urbano und ein Bolivianer, der bleiben will: Ernesto, Medizinstudent. Coco machte kehrt und holte Ricardo zusammen mit Braulio und Miguel und einem weiteren Bolivianer, Inti, der gleichfalls bleiben will. Jetzt sind wir 12 Aufständische plus Jorge, der als Gutsbesitzer fungiert. Coco und Rodolfo werden sich um die Kontakte kümmern. Ricardo bringt eine unbequeme Nachricht: EI Chino ist in Bolivien und möchte 20 Leute schicken und mich sehen. Das hat seine Schwierigkeiten, denn wir würden damit den Kampf internationalisieren, noch bevor wir auf Estanislao zählen können. Wir verabredeten, ihn nach Santa Cruz zu schicken, dort würde Coco ihn abholen und hierher bringen. Coco fuhr im Morgengrauen zusammen mit Ricardo Ios, der den anderen Jeep nahm, um nach La Paz weiterzufahren. Coco soll bei Remberto vorbeischauen, um nach Jorge zu for- schen. Bei einem Vorgespräch mit Inti meinte dieser, Estanislao werde sich nicht der Erhebung anschließen, sondern scheine ent- schlossen, die Verbindungen abzubrechen.

28. November

Am Morgen war Jorge noch immer nicht aufgetaucht, und auch Coco war nicht zurückgekommen. Später trafen sie dann ein. Alles, was sich. ereignet hatte war, daß er bei Remberto geblieben war. Ein wenig verantwortungslos. Am Nachmittag rief ich die boliviani- sche Gruppe zusammen, um ihnen den peruanischen Antrag, 20 Mann zu entsenden, vorzulegen. Alle stimmten überein, daß sie sie schicken sollten, aber erst, wenn die Aktionen angelaufen seien.

29. November

Wir zogen aus, eine Vermessung des Flusses vorzunehmen und den Bach zu erkunden, wo unser nächstes Lager liegen soll. Tumaini, Urbano, Inti und ich bildeten die Gruppe. Das Bachtal ist außerordentlich sicher, aber sehr düster. Wir werden versuchen, einen anderen Bach zu finden, der eine Stunde weit weg ist. Tumaini stürzte und hat sich anscheinend die Fußwurzel gebrochen. Wir kamen am Abend im Lager an, nachdem wir die Vermessung des Flusses erledigt hatten. Hier nichts Neues. Coco ist nach Santa Cruz abgefahren, um EI Chino zu erwarten.

30. November

Marcos, Pacho, Miguel und Pombo zogen mit der Anweisung Ios, einen weiter weg gelegenen Bach zu erkunden; sie sollen zwei Tage unterwegs sein. Es hat ziemlich geregnet. Im Haus nichts Neues.

Analyse des Monats

Alles ist ziemlich gut verlaufen: meine Ankunft ohne Schwierigkeiten; die Hälfte der hier anwesenden Leute gleichfalls ohne Schwierigkeiten, obwohl sie sich etwas verspäteten. Die entscheidenden Mitarbeiter von Ricardo schließen sich der Erhebung allen Widerständen zum Trotz an. Die Aussichten sind gut in dieser ab- gelegenen Region, wo alles darauf hindeutet, daß wir praktisch so lange bleiben können, wie wir es für richtig halten. Die Pläne sind: auf den Rest der Leute zu warten, die Zahl der Bolivianer wenigstens auf 20 zu erhöhen und die Operationen zu beginnen. Bleibt die Reaktion von Monje zu ergründen, und wie sich die Leute von Guevara verhalten werden.

Dezember 1966

1. Dezember

Der Tag verging ohne etwas Neues. Am Abend trafen Marcos und seine Kameraden ein, die einen größeren Weg als angegeben zurückgelegt hatten, weil sie die Hügelketten umgingen. Um 2 Uhr morgens meldete man mir, daß Coco mit einem Kameraden angekommen sei. Ich verschiebe es auf morgen.

2. Dezember

Früh traf El Chino ein, ganz überströmend. Wir verbrachten den Tag mit Plaudern. Das Wesentliche: er wird nach Kuba gehen und persönlich über die Situation berichten. In zwei Monaten können 5 Peruaner sich uns anschließen, d. h., wenn wir begonnen haben zu handeln; gegenwärtig werden zwei kommen, ein Rundfunktechniker und ein Arzt, die einige Zeit bei uns bleiben werden. Er bat um Waffen, und ich stimmte zu, ihm eine Bz, einige Mausergewehre und Granaten zu geben und ihnen ein M-1 zu kaufen. Auch entschied ich mich, ihnen zu helfen, 5 Peruaner zu entsenden, um eine Verbindung für den Waffenverkehr durch ein Gebiet in der Nähe von Puno auf der anderen Seite des Titicaca herzustellen. Er erzählte mir von seinen Sorgen in Peru und auch von einem kühnen Plan, Calixto zu befreien, der mir ein wenig phantastisch erscheint. Er glaubt, daß einige Überlebende der Guerilla in dem Gebiet agieren, doch wissen sie es nicht mit Sicherheit, weil sie nicht bis in dieses Gebiet vorstoßen konnten.

Die übrige Unterhaltung war anekdotisch. Er verabschiedete sich mit dem gleichen Enthusiasmus, um nach La Paz aufzubrechen. Er nimmt Fotos von uns mit. Coco hat Weisung, Kontakte mit Sänchez (den ich später treffen werde) vorzubereiten und Verbindung mit dem Pressechef des Präsidenten aufzunehmen, der sich anbot, uns Informationen zu liefern, weil er Intis Schwager ist. Das Netz steckt noch in den Kinderschuhen.

3. Dezember

Nichts Neues. Keine Erkundung, weil Samstag ist. Die drei Knechte des Gutes brechen nach Lagunillas auf, um Aufträge zu erledigen.

4. Dezember

Nichts Neues. Alle haben sich am Sonntag ruhig verhalten. Ich habe eine kleine Ansprache gehalten über unsere Haltung zu den Bolivianern, die kommen werden, und zum Krieg.

5. Dezember

Nichts Neues. Wir dachten hinauszugehen, aber der Tag war völlig verregnet. Es gab einen kleinen Alarm wegen ein paar Schüssen, die El Loro ohne Vorwarnung abgab.

6. Dezember

Wir sind ausgezogen, die zweite Höhle am ersten Bach anzufangen. Apolinar, Inti, Urbano, Miguel und ich. Miguel hat Tuma ersetzt, der sich noch nicht von seinem Sturz erholt hat. Apolinar hat vor, sich der Guerilla anzuschließen, möchte aber noch persönliche Angelegenheiten in La Paz regeln. Man gab ihm positiven Bescheid, doch müsse er ein wenig warten. Gegen 11 Uhr kamen wir zum Bach, haben einen getarnten Pfad angelegt und Erkundungen angestellt, um einen angemessenen Platz für die Höhle zu finden. Aber alles ist felsig, und nachdem der Bach versiegt, verläuft er weiter unten zwischen reinen Felswänden. Wir verschieben die Erkundung auf morgen. Inti und Urbano sind weggegangen und wollen versuchen, Wild zu jagen, denn die Nahrungsmittel sind knapp, und wir müssen bis zum Freitag mit ihnen auskommen.

7. Dezember

Miguel und Apolinar haben einen günstigen Ort ausfindig gemacht und beschäftigen sich mit dem Bau des Tunnels. Die Werkzeuge sind untauglich. Inti und Urbano sind mit leeren Händen zurückgekommen, aber am Abend hat Urbano mit seinem M-1 eine Truthenne erlegt. Da wir schon das Essen vorbereitet hatten, hoben wir sie für morgen zum Mittag auf. Heute geht in Wirklichkeit der erste Monat unseres Aufenthalts hier zu Ende, doch aus Gründen der Bequemlichkeit werde ich die Zusammenfassungen immer am Monatsende geben.

8. Dezember

Mit Inti sind wir zu einer Anhöhe gegangen, die den Bach krönt. Miguel und Urbano haben am Schacht weitergearbeitet. Am Nachmittag hat Apolinar Miguel abgelöst. Mit Einbruch der Nacht trafen Marcos, Pombo und Pacho ein, jener sehr verspätet und erschöpft. Marcos bat mich, ihn aus der Vorhut zurückzuziehen, wenn es nicht besser mit ihm würde. Ich habe den Weg zur Höhle aufgezeichnet, der sich in Skizze II befindet. Ich habe ihnen die wichtigsten Aufgaben zugewiesen, die sie ausführen sollen, solange sie da sind. Miguel wird bei ihnen bleiben. Wir andern werden morgen zurückkommen.

9. Dezember

I,Wir kehrten am Morgen langsam zurück und kamen gegen 12 Uhr an. Pacho erhielt den Auftrag, dazubleiben, wenn die Gruppe wie- der zurückgeht. Wir versuchten, Kontakt mit Lager 2 herzustellen, aber es gelang nicht. Sonst gab es nichts Neues.

10. Dezember

Der Tag verging ohne etwas Neues, außer, daß wir zum ersten Mal im Haus Brot backten. Ich sprach mit Jorge und Inti über einige dringliche Aufgaben. Es gab keine Nachricht aus La Paz.

11. Dezember

Der Tag verlief ohne Neuigkeit, doch am Abend tauchte Coco mit Papi auf. Er brachte Alejandro und Arturo mit sowie einen Bolivianer, Carlos. Der andere Jeep blieb wie üblich auf der Straße zurück. Danach brachten sie den Arzt, Moro, sowie Benigno und zwei Bolivianer, beides »CambasK von der Finca Caranavi. Wir verbrachten die Nacht mit den üblichen Kommentaren zur Reise und zur Abwesenheit von Antonio und Felix, die eigentlich schon hier sein sollten. Wir haben mit Papi diskutiert und beschlossen, daß er noch zwei Reisen unternehmen müsse, um Renan und Tania herzuholen. Die Häuser und Depots sollen aufgegeben werden. Sänchez erhält eine Unterstützung von 1000 Pesos. Er wird den Lieferwagen behalten, und wir werden Tania einen Jeep verkaufen, den anderen behalten. Es muß noch ein Waffentransport durchgeführt werden, und ich gab ihm Befehl, alles in einen Jeep zu packen, um nicht auf ein Umladen angewiesen zu sein, das leichter entdeckt werden kann. El Chino ist nach Kuba abgereist, offensichtlich sehr begeistert, und denkt, auf der Rückfahrt hier wieder vorbei- zukommen. Coco blieb hier, um in Camiri Nahrungsmittel einzukau- fen, und Papi fuhr nach La Paz ab. Ein gefährlicher Vorfall hat sich ereignet: der Valle-Grande-Mann, einer der Jäger, hat eine von uns getretene Piste entdeckt, die Fußspuren bemerkt, anscheinend auch jemand gesehen und einen Handschuh gefunden, den Pombo verloren hatte. Das ändert unsere Pläne und wir müssen sehr vorsichtig sein. Der Valle-Grande- Mann wird morgen mit Antonio losziehen, um ihm zu zeigen, wo er seine Schlingen für die Tapire ausgelegt hat. Inti hat mir seine Vorbehalte gegen den Studenten Carlos mitgeteilt, der gleich bei der Ankunft die kubanische Beteiligung zur Diskussion stellte und vorher erklärt hatte, daß er ohne die Beteiligung der Partei nicht bei der Erhebung mitmachen werde. Rodolfo hat ihn angeschnauzt, denn er meint, an allem sei eine falsche Auslegung schuld.

12. Dezember

Ich sprach zur ganzen Gruppe, indem ich ihnen »reinen Wein einschenkte über die Wirklichkeit des Krieges. Ich bestand auf der alleinigen Befehlsgewalt und der Disziplin und machte die Bolivianer auf die Verantwortung aufmerksam, die sie zu tragen hätten, wenn sie die Disziplin ihrer Partei verletzten, um eine andere Linie einzunehmen. Ich habe die Ernennungen durchgeführt. Sie betrafen: Joaquin, zweiter Militärchef; Rolando und Inti, Kommissare; Alejandro, Operationschef; Pombo, Verwaltungschef; Inti, Finanzen; Nato, Versorgung und Ausrüstung; Moro einstweilen für den Sanitätsdienst.

Rolando und Braulio sind Iosgegangen, um die Gruppe zu benachrichtigen, daß sie sich da unten ruhig verhalten und abwarten möge, bis der Mann aus Valle Grande seine Fallen gestellt oder mit Antonio seine Erkundung beendet habe. Am Abend kamen sie zurück. Die Falle ist nicht weit von hier. Sie haben den Valle-Grande-Mann betrunken gemacht, der in der Nacht heimzog, sehr zufrieden mit einer Flasche Singani im Bauch. Coco kam von Caranavi zurück, wo er die nötigen Nahrungsmittel eingekauft hatte, aber er wurde von einigen aus Lagunillas gesehen, die sich über die Mengen wunderten.

Später traf Marcos mit Pombo ein. Ersterer hatte sich eine Verwundung über dem Augenbrauenbogen zugezogen, als er einen Ast abschnitt; sie ist zweifach genäht worden.

13. Dezember

Joaquin, Carlos und der Arzt sind Iosgezogen, um sich mit Rolando und Braulio zu treffen. Pombo begleitete sie mit dem Auftrag, noch am gleichen Tag zurückzukommen. Ich habe angeordnet, den Weg zu tarnen und einen anderen anzulegen, der von ihm abbiegt und in den Fluß endet - mit so gutem Ergebnis, daß Pombo, Miguel und Pacho sich auf dem Heimweg verliefen und ihm nachfolgten.

Man sprach mit Apolinar, der für ein paar Tage nach Hause gehen wird, nach Viacha. Man gab ihm Geld für seine Familie und empfahl ihm absolutes Stillschweigen. Coco hat sich heute abend von uns verabschiedet, aber um 3 Uhr gab es Alarm, weil Pfiffe und Geräusche zu hören waren und der Hund anschlug. Wie sich herausstellte, war er es selber, der sich im Busch verirrt hatte.

14. Dezember

Ein Tag ohne etwas Neues. Der Valle-Grande-Mann kam am Haus vorbei, um nach seiner Falle zu sehen, die er gestern im Gegensatz zu dem, was er vorher gesagt hatte, aufgestellt hatte. Wir haben Antonio den freien Weg durch den Busch gezeigt, damit er den Mann aus Valle Grande dort entlangführen kann, um keinen Argwohn aufkommen zu lassen.

15. Dezember

Nichts Neues. Es wurden die Vorkehrungen für den Auszug getroffen (8 Mann), um uns definitiv im Lager 2 einzurichten.

16. Dezember

Wir zogen am Morgen ab, Pombo, Urbano, Tuma, Alejandro, Moro, Arturo, Inti und ich, um dort zu bleiben; stark beladen. Die Strecke nahm 3 Stunden in Anspruch.

Rolando blieb bei uns, und Joaquin, Braulio, Carlos und der Arzt kehrten wieder um. Carlos hat sich als ein guter Marschierer und Arbeiter erwiesen. Moro und Tuma entdeckten eine Höhle im Fluß mit ziemlich großen Fischen und fingen 17, was eine gute Mahlzeit gab. Moro hat sich an einem Wels die Hand verletzt. Es wurde nach einem Ort gesucht, um die zweite Höhle anzulegen, da die erste schon fertig ist. Die Pläne wurden auf morgen vertagt. Moro und Inti wollten Tapire jagen und sind weggegangen, um die Nacht auf der Lauer zu liegen.

17. Dezember

Moro und Inti haben nur eine Truthenne erlegt. Wir anderen, Tuma, Rolando und ich, beschlossen, die zweite Höhle zu bauen, die morgen fertig sein könnte. Arturo und Pombo erkundeten einen Platz, um das Funkgerät aufzustellen, und dann beschäftigten sie sich damit, den Zugangsweg herzurichten, der ziemlich schlecht ist. Am Abend fing es an zu regnen, und das tat es ununterbrochen bis zum andern Morgen.

18. Dezember

Den ganzen Tag über Regen, aber an der Höhle wurde weitergearbeitet. Es fehlt nicht mehr viel, dann hat sie die erforderlichen 2,5 m erreicht. Wir haben einen Hügel inspiziert, um dort die Funkanlage unterzubringen. Er scheint recht günstig, aber das werden die Proben ergeben.

19. Dezember

Auch dieser Tag war regnerisch und lud nicht zum Spazierengehen ein, doch gegen 11 Uhr kamen Braulio und El Nato mit der Nachricht, daß der Fluß zwar tief, aber passierbar sei. Als wir aufbrachen, trafen wir auf Marcos und seine Vorhut, die sich gerade niedergelassen hatten. Er erhielt die Befehlsgewalt und bekam den Auftrag, 3 bis 5 Leute je nach Möglichkeit nachzuschicken. In kaum mehr als 3 Stunden hatten wir unseren Spaziergang hinter uns. In der Nacht gegen 12 Uhr trafen Ricardo und Coco ein. Sie brachten Antonio und El Rubio mit (sie hatten vergangenen Donnerstag keine Fahrkarten mehr bekommen) und auch Apolinar, der sich endgültig einreihen will. Außerdem kam Ivän, um eine ganze Reihe von Angelegenheiten zu behandeln. Praktisch blieb man die ganze Nacht auf.

20. Dezember

Wir haben eine Diskussion über verschiedene Punkte gehabt. Gerade waren alle Weisungen ausgegeben worden, als die Gruppe aus Lager II unter Führung von Alejandro mit der Nachricht erschien, auf dem Weg in der Nähe des Lagers liege ein niedergeschossener Hirsch mit einer Schlinge am Bein. Joaquin war eine Stunde vorher dort vorbeigekommen, hatte aber nichts davon gesagt. Es wurde vermutet, daß der Mann aus Valle Grande ihn bis dahin geschleppt hatte und dann aus irgendeinem unbekannten Grund liegen ließ und flüchtete. Man stellte einen Wachtposten etwas weiter hinten auf, und zwei Leute wurden ausgeschickt, die den Jäger abfangen sollten, wenn er auftauchte. Kurz darauf kam die Nachricht, daß der Hirsch schon seit einiger Zeit tot und von Würmern zerfressen sei, und dann bestätigte auch Joaquin, der zurückkehrte, ihn gesehen zu haben. Coco und El Loro brachten den Valle-Grande-Mann, damit er sich das Tier ansehe, und dieser gab an, daß es sich um ein Tier handle, das er vor einigen Tagen verwundet habe. Damit war der Vorfall abgeschlossen.

Es wurde beschlossen, die Kontakte mit dem Informationsmann zu beschleunigen, die Coco vernachlässigt hatte, und mit Meg-ia zu sprechen, damit er als Verbindungsmann zwischen Ivän und dem Pressechef fungiere. Dieser würde Kontakt mit Megia, Sänchez, Tania und dem Parteimann halten, der noch nicht ernannt ist. Es besteht die Möglichkeit, daß es einer aus Villamontes sein wird, aber das muß noch klargestellt werden. Es traf ein Telegramm aus Manila ein, in dem es heißt, daß Monje vom Süden her kommt.

Sie haben ein Verbindungssystem hergestellt, aber ich bin nicht damit zufrieden, denn es beweist ein offenes Mißtrauen gegenüber Monje von seiten seiner eigenen Genossen.

Um ein Uhr morgens wird man uns aus La Paz Nachricht geben, ob wir Monje schon abholen sollen. Ivän hat die Möglichkeit, Verhandlungen zu führen, aber der schlecht gemachte Paß erlaubt es ihm nicht. Der nächste Schritt ist es, das Dokument zu verbessern. Er muß nach Manila schreiben, daß sie die Freunde zur Eile drängen.

Tania wird beim nächsten Mal mitkommen und Instruktionen in Empfang nehmen; wahrscheinlich werde ich sie nach Bs. As. schicken.

Es wurde endgültig beschlossen, daß Ricardo, Ivän und Coco von Camiri aus das Flugzeug nehmen und der Jeep hierbleibt. Wenn sie zurückkommen, werden sie in Lagunillas anrufen und Bescheid geben, daß sie da sind. Jorge wird am Abend hinfahren, um Nachrichten in Empfang zu nehmen und sie mitzubringen, wenn etwas Positives vorliegt. Um ein Uhr war aus La Paz nichts zu empfangen. Im Morgengrauen brachen sie nach Camiri auf.

21. Dezember

El Loro hat mir nicht die Pläne hinterlassen, die der Kundschafter angefertigt hatte, so daß ich immer noch nicht weiß, welche Art Weg nach Yaqui führt. Wir brachen am Morgen auf und legten den Weg ohne Verzögerung zurück. Es geht darum, daß alles bis zum 24. fertig ist, für den ein Fest vorgesehen ist. Wir trafen auf Pacho, Miguel, Benigno und El Camba, die dabeiwaren, die Funkanlage zu verlagern. Um 5 Uhr nachmittags kamen Pacho und El Camba zurück, ohne die Anlage mitzubringen, die sie im Busch versteckt ließen, weil sie so schwer war. Morgen werden sie zu fünft von hier Iosziehen, um sie herzuholen. Die Höhle für die Sachen ist fertig; morgen werden wir die für das Radio anfangen.

22. Dezember

Wir begannen die Höhle für die Funkanlage. Anfänglich mit viel Erfolg in weicher Erde, doch schnell stießen wir auf eine äußerst harte Schicht, die uns nicht weiterkommen ließ.

Sie haben die Anlage hergebracht, die ziemlich schwer wiegt, aber wegen Mangel an Benzin noch nicht ausprobiert. El Loro hat angekündigt, daß er keine Landkarten schicken könnte, weil die Information mündlich gegeben wurde, und daß er morgen vorbeikäme, um sie zu überbringen.

23. Dezember

Wir sind mit Pombo und Alejandro aufgebrochen, um die Anhöhe links zu ergründen. Eigentlich müßten wir einen Weg bahnen, aber es sieht so aus, als ob man bequem auf ihr gehen könnte. Joaquin kam mit zwei Kameraden an und meldete, daß El Loro nicht käme, weil ein Schwein entlaufen sei und er es suchen ginge.

Man weiß nichts über den Mann aus Lagunillas.

Am Nachmittag wurde das Schwein zurückgebracht. Es war ziemlich groß. Aber es fehlen die Getränke. El Loro ist unfähig, selbst diese Dinge zu beschaffen. Er scheint sehr desorganisiert.

24. Dezember

Der Tag ist dem Weihnachtsabend gewidmet. Es gab Leute, die zwei Reisen hinter sich hatten und spät ankamen, aber am Schluß waren wir alle beisammen und feierten schön, obwohl einige etwas niedergedrückt waren. El Loro erklärte, daß der Ausflug des Mannes aus Lagunillas kein fruchtbares Ergebnis gebracht hätte, und daß er nur das klägliche Resultat einer sehr unpräzisen Skizze erhalten habe.

25. Dezember

Rückkehr an die Arbeit, keine Märsche zum Ausgangslager. Dieses ist auf einen Vorschlag des bolivianischen Arztes C. 26 getauft worden. Marcos, Benigno und El Camba sind weggegangen, um den Weg zur Anhöhe auf unserer rechten Seite zu bahnen. Sie kamen am Nachmittag mit der Nachricht zurück, daß sie eine Art kahler Pampa zwei Wegstunden entfernt erblickt hätten; morgen werden sie dorthingehen. El Camba kam mit Fieber zurück. Miguel und Pacho haben einige Wege zur Irreführung auf der linken Seite angelegt und einen Zugangspfad für. die Radio-Höhle. Inti, Antonio, Tuma und ich haben an der Höhle für das Radio weitergearbeitet, was sehr schwierig ist, denn es ist reiner Stein. Die Nachhut hat sich daran gemacht, ihr Lager aufzuschlagen und nach einem Aussichtspunkt zu suchen, der beide Enden des Zugangsflusses überblickt. Der Platz ist sehr gut.

26. Dezember

Inti und Carlos zogen auf Erkundung bis zu dem Punkt, der auf der Karte Yaki genannt wird; es ist eine auf zwei Tage berechnete Reise. Rolando, Alejandro und Pombo arbeiteten in der Höhle weiter, die sich als sehr hart erwies. Pacho und ich sind Iosgezogen, um die von Miguel freigemachten Wege zu inspizieren, den zur Anhöhe lohnt sich nicht zu gehen. Der Zugangsweg zur Höhle ist ziemlich gut und schwer zu finden. Zwei Schlangen wurden getötet und gestern noch eine; es scheint ziemlich viele zu geben. Tuma, Arturo, El Rubio und Antonio gingen auf Jagd, und Braulio und El Nato blieben als Wache im anderen Lager. Sie kamen mit der Nachricht, daß El Loro sich mit dem Wagen überschlagen habe und mit der Notiz, in der die Ankunft Monjes angekündigt wird. Marcos, Miguel und Benigno sind weggegangen, um den Weg zur Anhöhe zu erweitern, aber die ganze Nacht über kamen sie nicht zurück.

27. Dezember

Wir zogen mit Tuma los um zu versuchen, Marcos zu treffen. Wir waren zweieinhalb Stunden unterwegs, bis wir am Rand einer Schlucht ankamen, die auf der linken Seite nach Westen abfiel. Wir folgten den Spuren dort hinab über ziemlich große Steilhänge. Wir hofften, auf diesem Weg zum Lager zu kommen, aber wir liefen Stunden und fanden nicht hin. Nach 5 Uhr nachmittags kamen wir am Nacahuasu an, etwa 5 Kilometer unterhalb des Lagers 1, und um 7 Uhr zum Lager. Dort erfuhren wir, daß Marcos die vergangene Nacht hier verbracht hatte. Ich schickte niemand zur Benachrichtigung, da ich annahm, daß Marcos sie auf meine wahrscheinliche Route hingewiesen hatte. Wir sahen den ziemlich zerbeulten Jeep; Loro ist nach Camiri gegangen, um einige Ersatzteile zu holen. Nach El Natos Worten war er am Steuer eingeschlafen.

28. Dezember

Als wir zum Lager aufbrachen, kamen Urbano und Antonio, um mich zu suchen. Marcos war mit Miguel weitergezogen, um einen Weg bis zum Lager über die Hügel zu bahnen, und ist nicht durchgekommen. Benigno und Pombo zogen aus, um uns auf dem gleichen Weg zu suchen, den wir genommen hatten. Bei der Ankunft im Lager traf ich Marcos und Miguel, die auf einem Hügel übernachtet hatten, ohne zum Lager gelangen zu können; jener klagte über die Art und Weise, in der man mich behandelt hat. Anscheinend richtete sich die Klage gegen Joaquin, Alejandro und El Medico. Inti und Carlos waren zurückgekehrt, ohne auf ein bewohntes Haus gestoßen zu sein, nur auf ein verlassenes, das wahrscheinlich nicht dem auf der Karte als Yaki bezeichneten Punkt entspricht.

29. Dezember

Mit Marcos, Miguel und Alejandro sind wir auf der kahlen Bergkuppe gewesen, um die Lage besser beurteilen zu können. Es scheint die Pampa del Tigre zu sein, die hier beginnt, eine gleichförmig hohe Bergkette mit kahlen Hügeln, die in etwa 1500 m Höhe liegt. Die Anhöhe zur Linken muß aufgegeben werden, denn sie beschreibt einen Bogen in Richtung Nacahuasu. Wir stiegen hinunter und kamen nach einer Stunde und zwanzig Minuten im Lager an. Um Waren zu holen, wurden 8 Mann ausgeschickt, die mit der Last nicht fertig wurden. El Rubio und El Medico lösten Braulio und El Nato ab. Dieser hat, bevor er ankam, einen neuen Weg gebahnt. Dieser Weg beginnt an einigen Steinen am Fluß und geht in den Busch auf der anderen Seite und dann wieder über Steine, wodurch keine Spuren hinterlassen werden. An der Höhle wurde nicht gearbeitet. El Loro ist nach Camiri aufgebrochen.

30. Dezember

Trotz des gefallenen Regens, der den Fluß anschwellen ließ, gingen 4 Mann Ios, um die Oberreste des Lagers 1 zu beseitigen. Jetzt sind alle Spuren beseitigt. Es gab nichts Neues von draußen. 6 Mann gingen zur Höhle, die mit zwei Gängen alles dafür Bestimmte verstauten. Der Ofen konnte nicht fertiggestellt werden, weil der Lehm zu weich war.

31. Dezember

Um 7.30 Uhr kam El Medico mit der Nachricht an, Monje sei da. Ich bin mit Inti, Tuma, Urbano und Arturo hingegangen. Die Begrüßung war herzlich, aber gespannt. Es lag die Frage in der Luft »Wozu kommst du her?= In seiner Begleitung befanden sich »Pan Divino«, der neue Rekrut, Tania, die gekommen war, um Instruktionen entgegenzunehmen, und Ricardo, der gleich bleiben will.

Die Unterredung mit Monje begann mit Allgemeinem, doch sie kam schnell auf sein entscheidendes Problem, das in drei Grundbedingungen zusammengefaßt wurde:

1. Er gibt die Parteiführung ab, erreicht von der Partei zumindest Neutralität und soll Kader zum Kampf abstellen.

2. Die politisch-militärische Führung des Kampfes wird ihm übertragen, soweit die Revolution im bolivianischen Bereich stattfindet.

3. Er leitet die Beziehungen mit den anderen südamerikanischen Parteien und versucht, von ihnen eine unterstützende Haltung gegenüber den Befreiungsbewegungen zu erreichen (er nannte als Beispiel Douglas Bravo).

Ich gab ihm zur Antwort, daß der erste Punkt von ihm selber als Sekretär der Partei abhinge; allerdings halte ich seine Einstellung für einen ungeheuren Fehler. Sie sei schwankend und voller Kompromisse und verdiene den historischen Namen derer, die wegen ihrer zögernden Haltung verurteilt werden müßten. Die Zeit werde mir recht geben.

Beim dritten Punkt hatte ich nichts dagegen einzuwenden, daß er es versuche, nur sei er zum Scheitern verurteilt. Codovila zu bitten, er möge Douglas Bravo unterstützen, käme der Bitte gleich, er möge eine Erhebung innerhalb seiner Partei verurteilen. Die Zeit würde auch hier der Richter sein.

Den zweiten Punkt konnte ich in keiner Form akzeptieren. Der militärische Chef sei ich, und daran ließ ich keinen Zweifel. Hier blieb die Diskussion stecken und drehte sich in einem circulus vitiosus.

Wir sind so verblieben, daß er es überdenken und mit seinen bolivianischen Kameraden besprechen soll. Wir gingen hinüber zum neuen Lager, und dort hat er mit allen gesprochen und ihnen die Alternative dargelegt: bleiben oder die Partei unterstützen. Alle wollen bleiben, und das hat ihn anscheinend getroffen.

Um 12 Uhr brachten wir einen Trinkspruch aus, bei dem er auf die historische Bedeutung des Datums hinwies, und ich antwortete, indem ich seine Worte übernahm und diesen Augenblick als den neuen Schrei Murillos zur kontinentalen Revolution bezeichnete und erklärte, unser Leben bedeute nichts angesichts der Tatsache der Revolution.

Fidel hat mir beiliegende Botschaften geschickt.

Analyse des Monats

Die Gruppe der Kubaner hat sich erfolgreich vervollständigt, die Moral der Leute ist gut, es gibt nur kleine Probleme. Mit den Bolivianern geht es gut, wenn es auch wenige sind. Die Haltung Monies kann die Entwicklung auf der einen Seite hemmen, ihr auf der anderen aber förderlich sein, da sie mich von politischen Kompromissen entbindet. Die nächsten Schritte, außer der Erwartung weiterer Bolivianer, werden sein, mit Guevara und den Argentiniern Mauricio und lozami (Massetti und die abgespaltene Partei) zu sprechen.