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Bibliothek:Die Hanse

Aus ProleWiki


Die Hanse
Autor*inPhilippe Dollinger
Verfasst in1964
VerlagAlfred Kröner Verlag
Veröffentlicht2012
Stuttgart


Vorwort

Das 1964 in französischer Sprache und zwei Jahre später in deutscher Übersetzung (besorgt von Marga und Hans Krabusch) erschienene Hanse-Buch des Straßburger Mediävisten Philippe Dollinger, der bis dahin nie durch eigene Spezialuntersuchungen zur hansischen Geschichte hervorgetreten war, kam einer Sensation gleich. Es füllte eine von der Fachwelt schmerzlich empfundene Lücke und wurde binnen kürzester Zeit die maßgebliche Gesamtdarstellung der hansischen Geschichte, das Standardwerk, das das Buch bis heute geblieben ist. Es erlebte fünf Auflagen, die letzte 1998.

Seit dem Erscheinen des Buches ist inzwischen fast ein halbes Jahrhundert vergangen, in dem auch die Hanseforschung auf der Grundlage neu erschlossener, neu edierter, seit der Rückführung hansestädtischer Archivalien aus der ehem. DDR (1987) und der damaligen UdSSR (1990) wieder zugänglicher, aber ebenso auf der Grundlage des erneuten Studiums schon bekannter Quellen neue Einsichten gewonnen und neue Fragen aufgeworfen hat. Dazu hat auch die Tatsache beigetragen, dass die neuere Forschung die europäische Dimension der hansischen Geschichte verstärkt in den Blick genommen und eine engere Zusammenarbeit mit den Nachbarwissenschaften (mit den ihnen eigenen theoretischen und methodischen Ansätzen), der Archäologie, der Kartografie, den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, der Städteforschung, der Numismatik oder dem weiten Feld der Kunst und Kulturgeschichte, gesucht und gepflegt hat. Das hat zum einen dazu geführt, dass die Palette der hansegeschichtlich relevanten Fragestellungen erheblich erweitert worden ist, und zum anderen dazu, dass manche Gewissheiten der älteren Forschung nicht mehr gelten. So ist der städtebündische Charakter der Hanse nachdrücklich in Zweifel gezogen worden, ebenso wie das travezentrische Verständnis ihrer Geschichte.

Neue Erkenntnisse betreffen die frühstädtische Entwicklung zahlreicher Hansestädte, die angeblich über mehrere Jahrhunderte bestehende Überlegenheit der Kogge, mit der die Vor teile der Hanse gegenüber ihren Konkurrenten lange erklärt wurden, oder die oft behauptete Kreditfeindlichkeit der Han se. Prosopografische Studien haben die Netzwerkstruktur des Hansehandels offengelegt; differenzierter als früher werden auch die Profitabilität dieses Handels oder die Gründe für den allmählichen Niedergang der Hanse im 16. Jahrhundert gesehen, um nur einige zentrale Aspekte zu nennen.

Zwar wurden schon die vierte (1989) und die fünfte Auflage (1998) »des« Dollinger durch ausführlichere und sehr in formative Beiträge zur Entwicklung der Hanseforschung seit 1960 erweitert (in der fünften Auflage unter Mitarbeit von A. Graßmann), jedoch blieb der Text selbst gegenüber der Erstauflage unverändert. Nach fast einem halben Jahrhundert erschien es jetzt aber doch ratsam, für diese sechste Auflage auch den Text selbst im Lichte der neueren Hanseforschung zu überarbeiten und zu aktualisieren. Dabei wurde versucht, möglichst schonend mit dem Originaltext umzugehen und so viel wie möglich zu erhalten. Dennoch war es unvermeidlich, einige Abschnitte neu zu schreiben oder Wertungen Dollingers an die moderne Forschung anzupassen, in der Absicht, dass »der« Dollinger auch weiterhin ein gutes und verlässliches, weil aktuelles Handbuch zur hansischen Geschichte bleiben möge, das als Einstieg in die wissenschaftliche Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Problemen der hansischen Geschichte mit Erfolg herangezogen werden kann und zugleich von interessierten Laien mit Freude und Gewinn gelesen wird. In diesem Sinne wünschen wir der Neuauflage eine gute Aufnahme bei den Lesern und freuen uns darüber hinaus auf künftige Fortschritte der Forschung, die bei den hoffentlich zahlreichen Folgeauflagen zu berücksichtigen sein werden.

Weihnachten 2011

Volker Henn und Nils Jörn

Einführung

Die deutsche Hanse, eine Gemeinschaft niederdeutscher Kaufleute und Städte, ist eine in der mittelalterlichen Ge schichte ganz einzigartige Schöpfung. War sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch die »halbvergessene Antiquität« (G. F. Sartorius), so verband sich mit ihr am Ende des Jahrhunderts die– oft romantisch verklärte – Erinnerung an eine glanzvolle Epoche der deutschen Geschichte. Die bis heute fortdauernde Faszination, die von der Hanse ausgeht, deren Name sowohl von der Wirtschaft als auch von der Politik werbe wirksam in Anspruch genommen wird, steht dabei in einem auffallenden Missverhältnis zu der eigentümlichen Unbestimmtheit der Hanse selbst und dem Mangel an gesicherten Kenntnissen gerade auch über grundlegende Fragen ihrer Geschichte.

Was die Hanse »eigentlich«, ihrem Wesen, ihrer Rechtsnatur nach, war, wer zur Hanse gehörte, d.h. welche Städte wirklich Hansestädte waren, seit wann es die Hanse überhaupt gab– sie wurde ja nicht gegründet, so dass sich kein entsprechendes Datum angeben lässt–, wie die Hanse »funktioniert« hat, d.h. wie gesamthansische Willensbildung statt gefunden hat, und wie gemeinsame Beschlüsse realisiert wer den konnten, sind Fragen, die noch immer kontrovers diskutiert werden. Das liegt zum Teil daran, dass die Quellen vor allem für die hansische Frühzeit nur sehr spärlich fließen, auch daran, dass die Sprache der Quellen oft mehrdeutig ist, nicht zuletzt aber auch an der Hanse selbst, die es oft genug bewusst darauf angelegt hat, die Zeitgenossen zum eigenen Vorteil über den rechtlichen Status der Gemeinschaft und die Namen ihrer Mitglieder im Ungewissen zu lassen. Bekannt ist das Rechtsgutachten des Lübecker Syndikus Dr. Johannes Osthusen, mit dem er im Frühjahr 1469die Begründung englischer Juristen für das Vorgehen der Behörden gegen die hansischen Kaufleute in England (mit der Verhängung des Repressalienarrests) zurückwies: Darin stellte er fest, dass die Hanse(Ansa Theutonica) weder eine Handelsgesellschaft (societas) noch eine Genossenschaft (collegium), noch eine in ihrer Gesamtheit haftbare Körperschaft (universitas) sei, sondern ein festes Bündnis vieler Städte und Ortschaften, dessen Ziel es sei, den gemeinsamen Handelsinteressen zu Lande und zu Wasser sicher und gewinnbringend nachgehen zu können.

Aber war die Hanse tatsächlich ein Städtebund, wie noch immer vielfach behauptet wird? Zwar steht außer Frage, dass sie sich des Öfteren selbst als bund, vorbuntnisse, als liga, confoederatio o.Ä. bezeichnet hat und zuweilen auch durchaus städtebündische Züge aufwies, dennoch fehlen ganz wesentliche Merkmale, die es rechtfertigen würden, die Hanse tatsächlich als einen Städtebund zu verstehen: Es gibt keine Gründungsurkunde, keinen Bündnisvertrag, keine Satzung, in der die Bündnisziele und die Pflichten der Mitglieder festgeschrieben worden wären, und nicht einmal die Zeitgenossen dürften in der Lage gewesen sein, anzugeben, wer alles zu den Mitgliedern gehörte; die Hanse besaß keine gemeinsame Kasse, kein eigenes Siegel, bis 1556, bis zur Ernennung des Kölner Juristen Dr. Heinrich Sudermann zum ersten hansischen Syndikus, keinen geschäftsführenden »Beamten«, der befugt gewesen wäre, die Interessen der Gemeinschaft zwischen den gesamthansischen Tagfahrten (Hansetagen) wahrzunehmen. Die Hanse war sich des Mangels an bündischem Zusammen halt durchaus bewusst und hat im 15. Jahrhundert mehrfach versucht, durch den Abschluss von Tohopesaten, Städtebündnissen innerhalb der Hanse, diesem Mangel beizukommen. Doch diese Bemühungen führten nicht zum Ziel, weil es zu meist bei Beratungen und Entwürfen geblieben ist. Zuweilen scheint sich die Hanse in ein bloßes Nebeneinander von Städten zu verflüchtigen. Man wird deshalb gut daran tun, mit A. von Brandt, der zu Recht das »Molluskenhafte« der Hanse betont hat, diese als eine nur lose organisierte Interessengemeinschaft zu verstehen, die lediglich insoweit existierte und im Einzelfall handlungsfähig war, wie sich die Interessen der Einzelstädte deckten. Andere haben von der »unverfassten Ordnung« der Hanse(H. Stoob) gesprochen, und für E. Schubert war sie nichts weiter als »tatbereiter Pragmatismus«.

Trotz dieser strukturellen Schwächen und trotz der Inter essengegensätze, die bei so verschiedenen und räumlich so weit voneinander entfernt liegenden Städten unvermeidbar waren, konnte die Hanse über Jahrhunderte den Handel im gesamten Ost- und Nordseeraum dominieren.Das Geheim nis dieser langen Lebensdauer ist freilich weniger in der vielbeschworenen Solidarität der hansischen Kaufleute un tereinander als in der Tatsache zu suchen, dass es ihnen mit diplomatischem Geschick, wirtschaftlichem Druck und im äußersten Fall auch mit militärischen Mitteln bis weit ins 16. Jahrhundert hinein immer wieder gelang, günstige Vor aussetzungen für die Durchsetzung der eigenen Handelsin teressen zu schaffen. Dabei kam ihnen lange zugute, dass sie dank der überlegenen Organisation ihres Handels und gestützt auf großzügige Privilegierungen seitens der auswär tigen Machthaber fast konkurrenzlos in der Lage waren, den massenhaften Warenaustausch zwischen dem gewerblich hoch entwickelten Westen und dem an (gewerblich bereits bearbeiteten) Rohstoffen und Nahrungsmitteln reichen Osten zu realisieren.

Als Beginn der hansischen Geschichte wird üblicherweise die (zweite) Gründung Lübecks durch Heinrich den Löwen im Jahre 1159 angesehen, auch wenn sie nicht gleichbedeu tend ist mit der »Gründung« der Hanse.Aber mit ihr erhielten deutsche Kaufleute erstmals einen direkten Zugang zur Ost see; sehr rasch entwickelte sich Lübeck zum Vorort und zum »Haupt« der werdenden Hanse (caput omnium) und blieb es wegen seiner günstigen Lage an der holsteinischen Landenge zwischen den beiden nordeuropäischen Meeren wie auch wegen des Unternehmergeistes ihrer Einwohner über die ge samte Dauer ihres Bestehens. Bald fuhren die deutschen Kaufleute,die aus Niedersachsen,Westfalen und dem Rhein land gekommen waren, den Skandinaviern folgend hinaus übers Meer,umHandelzutreiben.Die Ostseewar tatsächlich in den Augen der Zeitgenossen keine von vereisten Ufern versperrte Sackgasse: Sie war ein Handelsweg, der über die russischen Flüsse zu den großen Märkten von Novgorod und Smolensk führte, wo von den entferntesten Gegenden, von den Ufern des Weißen Meeres wie aus dem muselmanischen und byzantinischen Orient, auf langen Wegen seltene und kostbare Waren zusammenströmten.

Zur selben Zeit beteiligten sich die Kaufleute aktiv an der Gründung neuer, für den Handel bestimmter Städte entlang der südlichen Ostseeküste, in denen sie sich einen vorherr schenden Einfluss sicherten.Gleichzeitig drangen sie auch an den Nordseeküsten vor,nach Norwegen,Flandern und nach England, wohin die Kölner schon seit Langem engere Han delsbeziehungen unterhielten; in London besaßen sie bereits im 12. Jahrhundert ein eigenes Haus. Im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts hatten die Kaufleute der Hanse, die jetzt allmählich Gestalt annahm, gestützt auf umfangreiche Privi legien, nahezu das Handelsmonopol in beiden Meeren er rungen, so dass sich ihr Handel entlang der großen Achse Novgorod–Reval–Lübeck–Hamburg–Brügge–London ent faltete. Im 14.Jahrhundert erweiterten oder intensivierten sie ihre Landverbindungen nach Süddeutschland und Italien so wie die Seeverbindungen entlang den Atlantikküsten Frank reichs, Spaniens und Portugals.

Zu dieser Zeit machen sich jedoch in zahlreichen Ländern die ersten Anzeichen eines Widerstands gegen den wirt schaftlichen Einfluss der niederdeutschen Kaufleute bemerk bar. Neue Konkurrenten, besonders die Holländer, die Eng länder und süddeutsche Kaufleute,gingen mit zunehmendem Erfolg gegen die hansische Vorrangstellung an und stellten die Hanse vor immer neue Herausforderungen.Trotz einiger be merkenswerter Erfolge reichten die politischen wie auch die wirtschaftlichen Anstrengungen der Hanse nicht aus, dem Vordringen ihrer Rivalen Einhalt zu gebieten: Seit dem Be ginn des 16.Jahrhunderts lag der Niedergang der Hanse offen zutage.Es ist jedoch angezeigt,die Art dieses Verfalls differen zierter zu betrachten. Es handelt sich dabei nicht um einen Niedergang der Städte. Einige von ihnen,wie Hamburg und Danzig, erlebten zu Beginn der Neuzeit eine beachtliche wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung. Es handelt sich auch nicht um einen Rückgang des Handels, der insgesamt sogar erheblich zunahm; unter anderem erreichte der polnische, preußische und pommersche Getreideexport einen größeren Umfang als je zuvor. Aber der Anteil der Konkurrenten an diesem gestiegenen Handel wurde immer größer. Das Wirt schaftssystem der Hanse passte nicht mehr zu den neuen Be dingungen,und ihre politische Macht konnte sich nicht mehr mit der Kraft der Monarchien ihrer Zeit messen. So musste sich jedes Mitglied fragen,ob die Zugehörigkeit zur Gemein schaft und die damit verbundenen Opfer nicht mehr Nach teile als Vorteile mit sich brachten. Deshalb und trotz der anerkennenswerten Versuche zu einer Neuordnung der Han se waren ihre Tage gezählt.

Der letzte, nur mäßig besuchte Hansetag fand im Juli 1669 statt;er verlief ergebnislos,doch zu einer neuen Tagfahrt wur de nicht mehr eingeladen. Schleichend hatte damit die Ge schichte der Hanse ein Ende gefunden. Das Erbe und die »Nachlassverwaltung« übernahm das 1630 zwischen Lübeck, Hamburg und Bremen geschlossene Sonderbündnis; es war auf Wunsch der Hanse zustande gekommen,weil abzusehen war, dass es immer schwieriger werden würde, gesamthansi sche Tagfahrten abzuhalten und gesamthansische Interessen durchzusetzen,die nunmehr u.a.in der Verwaltung der Kon torsimmobilien bestanden.

Als hansa Theutonicorum oder dudesche hense bezeichnete sich die Hanse erst ab der Mitte des 14. Jahrhunderts und wurde auch erst um diese Zeit von außen als solche wahrgenommen. Das Wort selbst ist germanischen Ursprungs; es findet sich schon in der Bibelübersetzung des Wulfila (4.Jh.),wo es eine bewaffnete Schar meint.Im 12.und 13.Jahrhundert begegnet es in einem ausgedehnten Gebiet zwischen Seine und Elbe und in Süddeutschland wieder; es bezeichnet bald eine von Kaufleuten entrichtete Abgabe, bald eine Kaufleutegruppe im Ausland.In dieser Bedeutung findet es in England am Anfang des 13.Jahrhunderts auf die Mitglieder der Flandrischen Hanse von London Anwendung,die ebenfalls eine Gemein schaft von Kaufleuten und Städten war.

Seit der zweiten Hälfte des 13.Jahrhunderts wurden einzel städtische Zusammenschlüsse niederdeutscher Kaufleute als »Hansen« bezeichnet: zuerst in England in zwei Urkunden König Heinrichs III. von 1266 und 1267 mit Blick auf die Hamburger, die Lübecker und die Kölner Kaufleute. Auch der Zusammenschluss der drei Einzelhansen zur Londoner Kontorgemeinschaft (1282) wurde »Hanse« (hansa Alemanie) genannt. Um die gleiche Zeit wurden kleinere Genossen schaften von Hamburgern in Utrecht und Oostkerke und von Lübeckern in Hoeke am Zwin ebenfalls als »Hansen« be zeichnet.Von Westen aus verbreitete sich der Name in andere hansische Gebiete; aber erst 1343 lässt ein Zollprivileg des norwegischen Königs Magnus Eriksson zugunsten der merca tores de hansa Theutonicorum erkennen, dass dieser Ausdruck jetzt die gesamte Gemeinschaft der niederdeutschen Kaufleu te und nicht mehr nur eine Gruppe im Ausland bezeichnete. Sinngemäß sprach man seit dieser Zeit auch von den steden van der dudeschen hense. Beide Formulierungen wurden in der Folgezeit zu den gebräuchlichsten Bezeichnungen für die deutsche Hanse. Damit erhielt sie ihren endgültigen Namen zu dem Zeitpunkt, um die Mitte des 14.Jahrhunderts, als sie nach einem langen Entstehungsprozess endgültig Gestalt an genommen hatte.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts verblasste die Erinnerung an die Hanse. Vertreter der drei Städte Lübeck, Hamburg und Bremen wurden zwar zu internationalen Friedenskongres sen eingeladen, die drei Städte unterhielten im Namen der Hanse Konsulate inner- und außerhalb Europas,Handwerks ämter der sechs wendischen Städte stimmten sich in Bezug auf Lehrlingsausbildung und Märkte weiterhin untereinander ab, aber die Hanse bestimmte das tägliche Leben in Nord europa nicht mehr in dem Umfang, wie sie das im 14. und 15. Jahrhundert getan hatte. Das Interesse an ihrer Geschichte wurde seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts durch das Erscheinen der ersten großen Monografie über die Ge meinschaft von Georg Friedrich Sartorius (1803–08) wieder wachgerufen. Kräftige Impulse erhielt die Hanseforschung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Veröffentlichung großer Quellensammlungen wie des Lübeckischen Urkunden buchs, der Hanserezesse, von denen heute 26 Bände vorlie gen, des Hansischen Urkundenbuchs und der Gründung des Hansischen Geschichtsvereins (1870/71), der die Edition der hansischen Geschichtsquellen als seine vornehmste Aufgabe ansah und mit den Hansischen Geschichtsblättern eine– mit ei ner kriegsbedingten Unterbrechung– jährlich erscheinende Zeitschrift herausgab (und-gibt),die sehr schnell das zentrale Organ der Hansegeschichtsschreibung wurde. Seitdem hat sich eine Reihe hervorragender Historiker ausschließlich oder vornehmlich mit der Geschichte der Hanse beschäftigt, so Johann Martin Lappenberg (1794–1865), Karl Koppmann (1839–1905), Dietrich Schäfer (1845–1928), Wilhelm Stie da (1852–1933), Walther Stein (1864–1920), Ernst Daenell (1872–1921), Walther Vogel (1880–1938), Fritz Rörig (1888 1952), Paul Johansen (1901–65), Ahasver von Brandt (1909 77), Johannes Schildhauer (1918–95), Klaus Friedland (1920 2010) und Konrad Fritze (1930–91),um nur die bedeutends ten Verstorbenen zu nennen.

Es versteht sich von selbst,dass sich im Laufe dieser Zeit die Auffassungen über die Hanse oder über bestimmte Einzeler scheinungen mehrfach geändert haben.Dieunorganische,fast nicht greifbare Struktur dieses Gebildes hat sicher dazu beige tragen; die kontroverse Diskussion über den (städte-)bündi schen Charakter der Hanse wurde schon angesprochen. Die in der älteren Forschung vertretene Auffassung, wonach an die Stelle der ursprünglichen Kaufmannshanse um die Mitte des 14.Jahrhunderts die (eigentliche) Städtehanse getreten sei, lässt sich nicht länger aufrechterhalten, denn spätestens seit den 30er Jahren des 13. Jahrhunderts waren es die Städte, die maßgeblichen Einfluss auf das Geschehen in der hansischen Frühzeit nahmen. Auch der frühere »travezentrische« Blick auf die Hanse, der die lübischen Interessen weitgehend mit denen der Hanse gleichsetzte und jede Distanz zu in Lübeck gefassten Beschlüssen als Ungehorsam oder Mangel an Soli darität brandmarkte, ist einer differenzierteren Betrachtungs weise gewichen, welche die regionalen Eigeninteressen der Städte und Städtegruppen ernst nimmt,die sich fast zwangs läufig aus der Tatsache ergaben, dass die Voraussetzungen und Bedingungen wirtschaftlichen und politischen Handelns für die in dem riesigen Raum zwischen der Zuiderzee im Westen und dem Finnischen Meerbusen im Nordosten ge legenen Städte landschaftlich sehr verschieden waren. Das bedeutet,dass die Spannung zwischen regionalen Eigeninter essen und gemeinhansischer Verantwortung als konstitutives Element der hansischen Geschichte zu verstehen ist.

Was die leitenden Fragestellungen in der Hanseforschung betrifft, so stand die Wirtschaftsgeschichte immer an erster Stelle und hier vor allem die Handelspolitik, die in den Ur kunden und Rezessen unmittelbar greifbar ist. Im späten 19. und frühen 20.Jahrhundert traten daneben Aspekte der poli tischen Geschichte im engeren Sinne verstärkt in das Blick feld der Hansehistoriker. Seit den Arbeiten Fritz Rörigs liegt der Schwerpunkt der Hanseforschung auf dem Gebiet der strukturgeschichtlich orientierten Wirtschafts- und Sozialge schichte, der Städte- und Siedlungsgeschichte, letztlich der allgemeinen Kulturgeschichte im weitesten Sinne.Damit ha ben sich ihr ganz neue Forschungsfelder und die Chance eröffnet, zu einem umfassenderen und differenzierteren Bild der Hanse zu gelangen.

War die ältere Hanseforschung lange geprägt von dem national-liberalen Geist des 19. Jahrhunderts und, seit der Wende zum 20. Jahrhundert, von zum Teil übersteigerten deutsch-nationalen Vorstellungen– in der Hanse sah man die zukunftsweisende, nationale Größe verheißende Verkörpe rung der Verbindung von preußischer Staatsgesinnung und bürgerlich-kaufmännischem Unternehmergeist–,so ist nach 1945 an die Stelle der einseitig nationalen Betrachtungsweise der Blick auf die europäische Dimension hansischer Geschichte getreten. Aus dieser Perspektive erscheint die Hanse nicht mehr als die Trägerin deutscher Kultur im Osten; ihre historische Bedeutung wird nun vielmehr in der wirtschaft lichen und kulturellen Anbindung der eher peripheren Re gionen des europäischen Nordens und Nordostens an das lateinische Abendland gesehen.

Erster Teil: Die Anfänge (12. – 14. Jahrhundert)

Nordeuropa in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts

Der Handel im Norden

Nord- und Ostsee bilden eine Art nördliches Gegenstück zum Mittelmeer.Seit dem Hochmittelalter haben sie wie die ses eine Seeverbindung zwischen dem Westen und dem Os ten sichergestellt, die allerdings durch den Küstenverlauf be hindert wurde:Sie zwang die Schiffe auf schwierigen Kursen zu einem langen Umweg um Skagen und durch die däni schen Meerengen.

Der Einfluss der Deutschen in diesen beiden Meeren,über die sie wenige Jahre später die Vorherrschaft erringen soll ten, war in der ersten Hälfte des 12.Jahrhunderts noch recht gering. Im einen wie im anderen blieb der Handel der Skan dinavier vorherrschend. Der norwegische war wohl am um fangreichsten. Der Warenaustausch mit England– insbeson dere mit Boston– war wegen der zahlreichen Kolonien,wel che die Wikinger dort gegründet hatten, am lebhaftesten. In der Irischen See verhielt es sich ebenso: Sie war mit ihren skandinavischen Siedlungen an beiden Ufern des Bristol Channel eigentlich ein norwegisches Meer.Aber die Norwe ger und die Dänen suchten auch den Kontinent auf:Bremen und Utrecht,wo sie 1122 nachzuweisen sind,Köln und darü ber hinaus wahrscheinlich Flandern und die Normandie. Im Westen hatten sie Island und Grönland erreicht,im Osten be fuhren sie fast die ganze Ostsee. Auf ihren schmalen und schnellen Schiffen trugen sie die Produkte ihres Landes in die Ferne, vor allem getrockneten Fisch, Häute und Felle, gesalzene Butter, Bauholz und auch Ostwaren, die sie aus den Ostseehäfen mit zurückbrachten. Dieser Handel hatte damals einen halb bäuerlichen Charakter, begann sich aber auf die entstehenden Städte zu konzentrieren, auf Bergen und Trondheim amAtlantik,auf Oslo und Tönsberg am Ska gerrak.

An den südlichen Küsten der Nordsee herrschte jedoch der flämische Handel (der sich ausdehnte) und der friesische (der rückläufig war) vor.Die Flamen handelten vor allem mit Eng land. Sie waren in der Hanse von London zusammenge schlossen und fuhren von Wissant (b. Calais), Brügge und Aardenburg aus dorthin; sie verkauften dort vor allem ihre Tuche,deren Herstellung sich in vollem Aufschwung befand, und vielleicht auch bereits französischen Wein. Sie brachten die für ihr Gewerbe nötige Wolle mit zurück, die sie ebenso wie Zinn, Blei, Häute und Felle unmittelbar bei den Produ zenten einkauften.Von dieser Zeit an entwickelte sich Brüg ge zum bedeutendsten Handelszentrum der Niederlande. Neben den Flamen waren die Kaufleute von der Maas, d.h. aus Huy, Lüttich, Nivelles und Dinant nicht weniger aktiv und brachten Rheinwein, Metallwaren, Edelsteine, Luxus stoffe aus Regensburg oder sogar aus Konstantinopel und Rüstungen aus Mainz nach England. Eine schon in das 11. Jahrhundert zurückreichende englische Verordnung legte fest, unter welchen Bedingungen diese »Lothringer« ihre Wa ren nach London bringen und dort verkaufen durften.

Die Flamen trieben in den nördlichen Niederlanden wie auch in Norddeutschland, in Schleswig und vielleicht in Skandinavien Handel.Aber hier herrschte noch der friesische Handel vor, der bis zur Ostsee reichte, wo gegen Ende des 11. Jahrhunderts eine friesische Gilde in Sigtuna belegt ist.Er ging aber aus nicht völlig geklärten Gründen zurück. Der Hauptgrund war wohl der Widerwille der Friesen gegen das Leben in der Stadt zu einem Zeitpunkt, in dem die Städte zum eigentlichen Motor der Wirtschaft wurden. Auf jeden Fall wurde dieses Zurücktreten der Friesen für zwei Jahrhun derte– bis die Holländer an ihre Stelle traten– zur großen Chance der Hansekaufleute: Sie verstanden es, diese Schwä che zu ihrem Vorteil auszunutzen und sich an ihrer Stelle die Vorherrschaft zur See und im Handel im Norden zu verschaf fen. Das im 11. Jahrhundert noch blühende Tiel befand sich, wie die Verlegung der kaiserlichen Zollstätte nach Kaisers werth beweist,im 12.Jahrhundert im Niedergang.Es unterlag der erfolgreichen Konkurrenz Utrechts, das für die Binnen schifffahrt günstiger lag und immer mehr von den Flamen, Rheinländern, Sachsen, Dänen, Norwegern und sogar von den Friesen aufgesucht wurde.Auch Stavoren an der Zuider zee fiel ein Teil des Handels von Tiel zu.

In diesem Zeitraum gewannen aber die deutsche Schiff fahrt und die deutschen Kaufleute, vor allem die Kölner und Bremer,einen immer bedeutenderen Anteil am Nordseehan del.Seit Beginn des 11.Jahrhunderts stellte König Ethelred II. die Kaufleute des Reichs unter seinen Schutz und erklärte sie gleich den Londoner Bürgern für »guter Gesetze wür dig«. Diese homines imperii waren vor allem Kaufleute aus Tiel, aber auch solche aus Köln, das seit Langem mit England in Verbindung stand, und aus Bremen, dessen Beziehungen dorthin jedenfalls gegen 1100 bezeugt sind. Die Kölner ver stärkten ihren Handel und erwarben zu einem unbekann ten Zeitpunkt oberhalb der Londoner Brücke ein Haus an der Themse, die »Gildhalle«, die sie zu ihrem geschäftlichen Mittelpunkt machten, und die die Keimzelle des künftigen Hansekontors wurde. Um 1176 gewährte Heinrich II. den Kölnern für ihre Waren und für diese Niederlassung seinen besonderen Schutz und dazu das Privileg, ihren Wein auf demselben Markt (d.h.unter den gleichen Bedingungen),wie er für den französischen Wein vorgeschrieben war,zu verkau fen.[1] Der Rheinweinwartatsächlich seit dieser Zeit das wich tigste Handelsgut der Kölner;aber man kann sicherlich die in der rheinischen Metropole hergestellten Metallerzeugnisse und Waffen daneben nennen.Die Rückfracht bestand haupt sächlich aus Wolle und in zweiter Linie aus Metallen und Nahrungsmitteln.

Die Kölner handelten aber nicht nur im Westen, son dern auch mit dem Nordosten,mit Dänemark,wo sieOstwa ren kauften und ihren Wein, sicher auch flämische Tuche und ebenso Tuffstein aus Andernach absetzten, mit dem mehrere dänische Kirchen, vor allem der Dom von Ripen, gebaut wurden. Sie fuhren immer häufiger mit ihren eige nen Schiffen, statt friesische zu benutzen. Der Aufschwung der Seefahrt der Stadt zeigt sich deutlich in ihrer Teilnahme an den Kreuzzügen des 12. Jahrhunderts. 1102 werden bei der christlichen Flotte vor Jaffa Schiffe vom Niederrhein unter dem Kommando eines Westfalen, Hadewerk, genannt. 1147 bildeten die Kölner Schiffe die Masse des deutschen Kontingents, das in Dartmouth zu den flämischen und eng lischen Geschwadern stieß. Sie beteiligten sich an der Er oberung von Lissabon, bevor sie Kurs auf das Heilige Land nahmen.

Die Aktivität Bremens war kaum geringer als die Kölns. »Die Kaufleute der ganzen Welt treffen sich in Bremen«, schrieb (gegen 1075) Adam von Bremen, der allerdings gern übertrieb.Es besaß enge Beziehungen vor allem zu Skandina vien, das zu seiner Kirchenprovinz gehörte. Selbst nach der Errichtung des Erzbistums Lund (1104) dauerten die Han delsbeziehungen fort: Gegen Ende des 12. Jahrhunderts be klagte sich der norwegische König Sverrir Sigurdarsson über die Unmengen an Wein, die die Deutschen nach Bergen brachten, weil sie damit der Trunksucht und gewalttätigen Unruhen Vorschub leisteten.

Zur selben Zeit gab es auch in der Ostsee einen blühenden Handel, der mit dem Nordseehandel nicht auf dem Umweg um Skagen, sondern über die Landenge von Schleswig ver bunden war. Die von Westen kommenden Schiffe fuhren eideraufwärts und löschten ihre Waren in Hollingstedt, von wo diese bis Schleswig befördert wurden,wenn man nicht so gar die Schiffe selbst 15 km weit bis zur Mündung der Schlei über Land zog. Schleswig war seit der Zerstörung von Hai thabu (Hedeby) am Westufer des Haddebyer Noors durch die Wenden in der Mitte des 11. Jahrhunderts zum großen Wa renumschlagszentrum in diesem Gebiet geworden. Es war gewissermaßen ein Vorläufer Lübecks als Hafen Westeuropas an der Ostsee. Die friesischen, sächsischen und vielleicht flämischen Kaufleute trafen dort die dänischen, schwedischen und russischen.

Der Ostseehandel lag jedoch damals noch vorwiegend in den Händen der Gotländer.Erst im 11.Jahrhundert,nach der Bekehrung ihrer Bewohner zum Christentum,hatte die gro ße Insel diese Vorherrschaft zur See und im Handel gewon nen.Es gab dort noch keinen städtischen Mittelpunkt:Bäuer liches Leben und Seehandel waren hier enger als anderswo miteinander verbunden.Die kaufmännische Tätigkeit scheint sich an verschiedenen Plätzen abgespielt zu haben, die durch Erdwälle befestigt waren und zeitweise benutzt wurden;jeder gehörte mehreren Dörfern gemeinsam.Einer dieser Plätze lag an der Stelle, an der später Visby entstand, einem für die Schifffahrt überaus günstigen Ort an der Westküste.

Die bäuerlichen Seefahrer Gotlands scheinen nach allen Richtungen gesegelt zu sein. Sie waren in Mittelschweden anzutreffen, wo sie regelmäßig Sigtuna, die Nachfolgerin Birkas am Mälarsee, aufsuchten. Vor allem aber trieb sie ihr Tatendrang auf dem traditionellen Weg der Waräger nach Russland. Die Kriegszüge der Wikinger hatten seit dem 11. Jahrhundert aufgehört, und der skandinavische Handel hatte sich hauptsächlich auf das damals in vollem Aufschwung befindliche Novgorod konzentriert. Die Gotländer hatten dort eine Niederlassung errichtet und eine dem heiligen Olav geweihte Kirche gestiftet, die zuerst um 1180 erwähnt wird. Dieser »Gotenhof« nahm bald auch Deutsche auf,die daran gingen, nach diesem Vorbild eine eigene Niederlassung, den Peterhof, zu errichten.Die Gotländer brachten nach Novgo rod westliche Erzeugnisse,darunter flämische Tuche– solche aus Ypern sind um 1130 nachweisbar–, und nahmen Pelze, Wachs wie auch kostbare Waren aus dem Orient mit zurück, die über Byzanz, Kiev und Smolensk dahin gelangten. Viel leicht fanden sie diese Artikel auch auf den Märkten an der südlichen Ostseeküste,in Stettin oder Jumne an der Oder,für das Adam von Bremen von der Anwesenheit griechischer Kaufleute berichtet, wie auch in Truso östlich der Weichsel mündung. Sie kamen möglicherweise auf der Suche nach Handel,offenbar in immer größerer Zahl,denn Kaiser Lothar III. gewährte ihnen 1134 Abgabenfreiheit und seinen Schutz »im ganzen Reich«. Diese Verbindungen wurden entweder über Schleswig oder direkt durch das Gebiet der Wenden hergestellt, wenn in diesem nicht gerade Unruhen herrsch ten. Es ist auch sicher, dass die Gotländer bis nach England kamen,wie sich aus der großen Zahl von englischen Münzen ergibt,die im 11.Jahrhundert auf der Insel vergraben wurden.

Die Skandinavier waren jedoch nicht die einzigen, die in der Ostsee Handel trieben. In der ersten Hälfte des 12. Jahr hunderts kann man einen zwar kurzen, aber unbestreitbaren Aufschwung des russischen Handels beobachten, der auf die Entwicklung Novgorods zurückzuführen ist. Die russi schen Kaufleute suchten in erster Linie Gotland auf, wo Überreste ihrer orthodoxen Kirchen gefunden worden sind, aber auch Stettin,auf das sich eine Genossenschaft Novgoro der Kaufleute konzentriert hatte. Außerdem erwähnt die Chronik vonNovgorod russische Händler,die 1137in Schles wig ausgeraubt wurden, und dieser Vorgang wiederholt sich bei dynastischen Auseinandersetzungen zwanzig Jahre später. Neben den Russen muss man wohl auch die Schifffahrt der Wenden in der Gegend um Rügen und die der Pruzzen und Esten nennen,die jedoch auf die jeweiligen Küstenabschnitte beschränkt blieb. Was die Deutschen angeht, so ist ihre An wesenheit zwar in Schleswig und Stettin bezeugt,aber sie be saßen vor der Gründung Lübecks keinen nennenswerten Anteil am Ostseehandel.

Dagegen war der Binnenhandel in der norddeutschen Tiefebene natürlicherweise hauptsächlich in den Händen der Deutschen. Sie trafen aber im Nordwesten auf die starke Konkurrenz der Flamen und der Maaskaufleute. Besonders aktiv waren die Genter,die in Köln ihre Tuche gegen Getrei de und Wein eintauschten. Oft fuhren sie über diese Stadt hinaus, entweder nach Osten,um im Harz Kupfer zu kaufen, oder nach Süden in RichtungMittel- und Oberrhein,um ih ren Wein direkt bei den Produzenten zu beziehen. Seit den 60er Jahren des 12. Jahrhunderts versuchten die Kölner, dies zu verhindern, konnten sich aber noch nicht durchsetzen; erst 1259 erhielten sie das Stapelrecht. Die Maaskaufleute aus Lüttich, Huy und Dinant besuchten Köln zur Augustmesse mit Erzeugnissen ihrer Metallgewerbe. Sogar Kaufleute aus Verdun sind dort nachzuweisen.Sie bezogen über Köln ver mutlich Kupfer und belieferten die Rheinmetropole mit Ge würzen aus dem Mittelmeerraum; ihr Hauptgeschäft, der Sklavenhandel, hatte seit dem Anfang des 11. Jahrhunderts aufgehört.

Die Kölner waren unter den deutschen Kaufleuten die tat kräftigsten. Sie wagten sich zwar noch kaum nach dem Wes ten vor, waren im Süden und Osten jedoch sehr rührig. Vor allem der Einkauf von Wein, der eigentlichen Grundlage ihres Reichtums, führte sie zum Mittelrhein und ins Elsass. Aber sie sind auch in Österreich auf dem Markt von Enns an zutreffen, wo sie gesalzenen Fisch und Tuch verkauften und Häute, Wachs, sowie vielleicht schon ungarisches Erz ein kauften.Im Osten zog sie wie die Flamen vor allem das Kup fer und Silber des Harzes an.Diese außerordentlich begehrten Metalle wurden nach allen Richtungen, teilweise durch die Sachsen selbst, exportiert, hauptsächlich nach Westen über die große Handelsstraße Magdeburg– Goslar– Soest– Dort mund–Köln.SeitdemEndedes11.Jahrhundertshatte sichin Goslar wie auch in anderen aufstrebenden Städten Nieder sachsens und Westfalens die Metallverarbeitung entwickelt, deren Erzeugnisse in weite Ferne versandt wurden.Weiter im Norden lieferten die Salinen Lüneburgs, die bereits seit dem 10. Jahrhundert genannt werden,ihr Salz ins Rheinland,aber der Umfang dieses Handels ist nicht bekannt. Andererseits wanderten die Kaufleute der sächsischen Städte regelmäßig nach Schleswig.In Soest ist am Ende des 13.Jahrhunderts von einer Bruderschaft der Schleswigfahrer die Rede, die aber wohl schon in der ersten Hälfte des 12.Jahrhunderts entstan den war.

An der Elbe,an der Grenze des Reichs,besaßen zwei Plätze eine unterschiedliche Bedeutung für den Handel.Bardowick, an der letzten bequemen Furt vor der See, erhielt Auftrieb durch den Durchzug sächsischer Kaufleute,die in das wendi sche Gebiet und vor allem nach Rügen wanderten,um dort Fisch einzukaufen. Das brachte dem kaiserlichen Zoll be trächtliche Einnahmen ein, die der Herzog von Sachsen er hob. Magdeburg, das Missionszentrum für die heidnischen Gebiete jenseits der Elbe, Standort einer Flussschifffahrt, die eine nicht unbeachtliche Rolle in den Wendenkriegen spiel te, ein Platz mit einer bedeutenden Kaufmannssiedlung und Treffpunkt sächsischer und slawischer Händler, war gewiss eine sehr lebhafte Stadt, ohne dass man jedoch mit ausrei chender Genauigkeit etwas über die Art ihres Handels sagen könnte.

So verteilte sich kurz vor der Mitte des 12.Jahrhunderts der Handel Nordeuropas noch auf die Kaufleute sehr verschiede ner Völker. Die Deutschen hatten noch einen relativ gerin gen Anteil daran,wenn sie auch bereits eine gewisse Dynamik entwickelten.Man hätte schon sehr scharfsichtig sein müssen, wenn man hätte voraussehen wollen,dass sich die Umstände dieses Handels innerhalb eines Jahrhunderts völlig zu ihren Gunsten änderten.

Die politischen, religiösen und demografischen Faktoren

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts verlief die Ostgrenze des Reichs und der Christenheit noch fast genau wie drei Jahr hunderte zuvor der Elbe und Saale entlang. Alle Anstren gungen des 10.und 11.Jahrhunderts,die Länder im Osten zu unterwerfen und zu bekehren,hatten nach vorübergehenden Erfolgen mit Fehlschlägen geendet. Zuerst hatte Otto der Große jenseits der Elbe Marken eingerichtet;er hatte die Bis tümer Brandenburg und Havelberg gegründet, Suffragane von Magdeburg, das 968 zum Erzbistum erhoben worden war; an der Ostsee, in Holstein, war das Bistum Oldenburg gegründet worden, das dem Erzbistum Hamburg-Bremen unterstellt wurde.Aber dieses Werk war am Ende des 10.Jahr hunderts durch den großen Slawenaufstand im Gefolge der Niederlagen Ottos II. in Italien zerstört worden.

Zwischen Elbe und Oder saßen verschiedene wendische Stämme, die nie eine völlige politische Einheit gebildet hat ten: die Wagrier in Ostholstein, die Obodriten und Liuti zen, die zahlreichsten und unruhigsten, in Mecklenburg und Pommern, die Pomoranen an der Oder und die Heveller an der Havel. Diese durch innere Auseinandersetzungen zerris senen, aber durch ihre dauernden Kämpfe mit den Sachsen kriegsgewohnten heidnischen Stämme wachten eifersüchtig über ihre Unabhängigkeit.Sie nahmen Christentum und Tri butzahlungen auf sich, wenn sie besiegt worden waren, aber sie entledigten sich ihrer, sobald die Gefahr wieder vor über war.Infolgedessen konnten die Deutschen während des 11. Jahrhunderts so gut wie keinen Fortschritt erzielen, umso weniger, als dann nach dem Aussterben des sächsischen Kö nigshauses das Interesse der Herrscher an diesen Gebieten nachließ. Das salische Königshaus, das aus Süddeutschland stammte, wurde durch die italienischen Probleme und den Investiturstreit völlig in Anspruch genommen: Weder Hein rich IV. noch Heinrich V. konnten oder wollten jenseits des Harzes eingreifen.

Das einzige Werk der Ottonen, das fortdauerte, war die Gründung der polnischen Kirche, die dank der Bekehrung des regierenden Herrscherhauses Bestand hatte. Politisch je doch war dieser Vorteil gering,da diese Kirche bald durch die Gründung des Erzbistums Gnesen dem deutschen Einfluss entzogen wurde.Im Laufe des 11.und zu Beginn des 12.Jahr hunderts suchten die polnischen Fürsten, die teils Vasallen und dem Reich tributpflichtig, teils unabhängig waren, den Königstitel zu erwerben und ihren Einfluss über die Völker schaften zwischen Oder und Elbe auszudehnen, woraus sich häufig Konflikte mit dem Reich ergaben. Die Lage war im Norden nicht viel anders. Das Königreich Dänemark, das Schleswig, Jütland, die Inseln und Schonen umfasste, war unter deutschen Einfluss gekommen, als die dänische Kirche dem Erzbistum Hamburg-Bremen unterstellt wurde.Mit der Errichtung des Erzbistums Lund (1104) änderte sich das,aber wenigstens die Beziehungen zwischen den beiden Reichen, die in ihrer Gegnerschaft gegen die räuberischen Wenden einig waren, blieben freundlich.

Seit Beginn des 12. Jahrhunderts wurden jedoch die Vor aussetzungen für ein dauerhaftes Vordringen der Deutschen jenseits der Elbe günstiger.Die Christianisierungsanstrengun gen wurden stärker.Im Odergebiet unternahm auf Betreiben Boleslavs von Polen Bischof Otto von Bamberg zwischen 1124 und 1128 zwei Missionsreisen zu den Pomoranen, die von Erfolg gekrönt waren: Tausende ließen sich taufen, und Kirchen wurden erbaut.Zur selben Zeit entsandte der Erzbi schof von Hamburg-Bremen Missionare nach Holstein, vor allem nach Alt Lübeck. Wenn auch die durch ihren Führer Vicelin († 1154) erreichten Erfolge durch eine heidnische Reaktion wieder gefährdet wurden,so erzielte das Christen tum nach 1140 doch infolge der Zuwanderung zahlreicher deutscher Ansiedler ebenso große und entscheidende Fort schritte. Man konnte meinen,dass in diesem Augenblick eine militärische Aktion die vollständige Bekehrung hätte zustan de bringen können.Im Jahre 1147 ermächtigte Bernhard von Clairvaux die Norddeutschen,statt ihres geplanten Kreuzzugs ins Heilige Land einen solchen gegen die heidnischen Slawen zu unternehmen. Zwei starke, durch die Polen und Dänen unterstützte Heere überschritten die Elbe, konnten sich aber der befestigten Plätze der Liutizen und Obodriten nicht be mächtigen. Sie mussten unverrichteter Dinge wieder abzie hen,und der große Kreuzzug blieb eine ergebnislose Episode.

Politisch aber sollte die sonst glanzlose Regierungszeit Lo thars III. (von Supplinburg) für dieses Gebiet entscheidende Bedeutung gewinnen. Dank seines umfangreichen Besitzes konnte sich dieser Fürst, der seit 1106 Herzog von Sachsen war, eine Machtstellung erwerben, wie sie keiner seiner Vor gänger besessen hatte.Auch als Lothar 1125 zum König erho ben worden war, vergaß er die Interessen der Sachsen nicht. Er griff erfolgreich in Dänemark ein, als dort dynastische Auseinandersetzungen ausbrachen. Ihm gelang die Unter werfung der aufständischen Obodritenfürsten Pribislav und Niklot. Schließlich zwang er Boleslav, nach Merseburg zu kommen und sich mit Pommern und Rügen belehnen zu lassen. Vor allem aber traf er grundlegende Entscheidungen für die organisatorische Erschließung des deutschen Ostens. Noch als Herzog von Sachsen hatte er 1110 die Grafschaft Holstein Adolf I. von Schauenburg übertragen, dessen Sohn später Lübeck gründete. 1134 verlieh er als Kaiser die Nord mark an Albrecht den Bären,der sie systematisch zu erobern begann. Schließlich verheiratete er seine Tochter mit dem Welfen Heinrich dem Stolzen und sicherte ihm damit die Nachfolge im Herzogtum Sachsen zu, das bald auf dessen Sohn,Heinrich den Löwen,überging (1142).So wurden drei Fürsten eingesetzt, die bald ihre ganze Aufmerksamkeit der deutschen Besiedelung des Ostens widmeten. Wenn man weiter bedenkt, dass Lothar III. den gotländischen Kaufleu ten,wahrscheinlich unter der Voraussetzung der Gegenseitig keit, im Herzogtum Sachsen Privilegien einräumte, dann wird deutlich, dass er der große Urheber der politischen und wirtschaftlichen Expansion der Deutschen war.

Dennoch hätten weder der königliche Wille noch der Ehr geiz der Fürsten noch die Bekehrungsversuche der Missio nare den Charakter der jahrhundertealten Kämpfe zwischen Slawen und Deutschen ändern können. Viel entscheidender für den Erfolg waren die Wanderungswellen hunderttausen der Deutscher zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert. Die Übervölkerung Westdeutschlands, die Verknappung bebau baren Bodens, die starke Zerstückelung des Grundbesitzes, die Lockerung der bäuerlichen Abhängigkeit von der Grund herrschaft trugen insgesamt dazu bei, die Auswanderung in allen westlichen Gebieten auszulösen und andauern zu las sen. Sachsen,Westfalen,Rheinländer,Holländer,Flamen und Franken nahmen daran teil, angezogen durch das Verspre chen, dass sie Land erhalten sollten, und durch die Hoffnung auf einen baldigen Wohlstand. Die erste Einwandererwelle, die sich in der Mitte des 12.Jahrhunderts aufmachte, wandte sich vor allem nach Holstein und Brandenburg. In einem berühmten Satz hat Helmold von Bosau (um 1170) diese großartige Kolonisation beschrieben:

Jetzt aber sind, weil Gott unserem Herzog und den anderen Fürsten Heil und Sieg reichlich gespendet hat, die Slaven weit und breit gänzlich verjagt; unübersehbare, mächtige Scharen sind vom Rande des Ozeans herbeigeführt worden, haben das Gebiet der Slaven eingenommen, Städte und Kirchen auf gebaut und sind über alle Erwartung hinaus wohlhabend ge worden.

Die Gründung von Kaufmannsstädten begleitete überall die Besitzergreifung des Bodens durch die Bauern; sie machte später die Entstehung und Ausbreitung der Hanse möglich.

Der Aufstieg der Städte

Es ist ganz offensichtlich,dass die Entwicklung der Hanse sehr eng mit der der Städte zusammenhängt.In ihrem Wesen und in ihrer ganzen Wirksamkeit ist die Hanse städtisch. Ihre all mähliche Entstehung seit der zweiten Hälfte des 12.Jahrhun derts vollzieht sich zu einer Zeit, in welcher der lange Ent wicklungsprozess der älteren Städte endete und in der die Gründung neuer Städte begann,deren Zahl sich im 13.Jahr hundert so außerordentlich vergrößerte.

In Nordwestdeutschland waren es fast ausschließlich ältere Städte,die als künftige Hansestädte größere Bedeutung erlan gen sollten.Deren Stadtcharakter hatte sich zwischen dem 10. und dem 13.Jahrhundert allmählich nach dem oft beschrie benen Grundschema ausgebildet, das wohl auch Sonderent wicklungen einschließen konnte: Zunahme der Einwohner zahl in bestimmten, günstig gelegenen Ansiedlungen durch die Zuwanderung bäuerlicher Handwerker und durch die ständige Niederlassung von Kaufleuten; Vereinigung eines Kaufmannsviertels (in Nord- und Nordwesteuropa oft wik/ wiek genannt) mit einem älteren Zentrum kirchlicher oder weltlicher Herrschaft innerhalb desselben ummauerten Raumes; Ausbildung bzw.Verleihung eines einheitlichen und ei genen Rechts der Stadt und ihrer Bewohner mit besonderer Betonung der Grundbesitz- und Handelsfragen; Schaffung einer häufig durch Eid begründeten Bürgergemeinschaft; vorherrschender Einfluss der Kaufleute innerhalb dieser Ge meinschaft (wenigstens in den wichtigsten Orten), die sich zuweilen in einer Gilde zusammenschlossen; Aneignung des Stadtregiments durch die reichsten Familien, Entstehung des Patriziats; wachsende Autonomie der Stadt gegenüber dem Stadtherrn; schließlich Ausbildung von Verwaltungsorganen in der Hand der Bürger,von denen der Rat–der erstganzam Ende des 12.Jahrhunderts auftrat– überall das leitende Organ der nunmehr ausgebildeten Stadt wurde.

Im hansischen Raum war Köln die älteste Stadt und die einzige, die noch auf die Römer zurückging. Infolge seiner wirtschaftlichen Bedeutung und seines Vorsprungs in der städtischen Verfassungsentwicklung hat es bei der Entstehung der Städte des Nordwestens eine wichtige Rolle gespielt. Köln war im Hochmittelalter der Platz eines sehr regen Ge schäftslebens. Jedenfalls war nach der Auflösung des Karolin gerreichs und dem Ende der Normanneneinfälle ein neuer Aufschwung eingetreten.Eine Kolonie von Kaufleuten,unter denen die Friesen wohl am stärksten vertreten waren, hatte sich zwischen der römischen Stadtmauer und dem Rhein um einen großen rechteckigen Markt herum gebildet, der für viele andere Kaufleutestädte zum Vorbild wurde. Seit der Mitte des 10.Jahrhunderts vereinigte eine Mauer dieses Vier tel mit der Stadt. Da der Bevölkerungszustrom fortdauerte, wurde zu Beginn des 12.Jahrhunderts eine neue Stadtmauer gebaut,die andere neue Viertel einbezog:Das Areal der Stadt vergrößerte sich auf 204 Hektar,eine Fläche,die in jener Zeit von keiner anderen europäischen Stadt (außer Konstantino pel) erreicht wurde. Eine weitere, am Ende des Jahrhunderts erbaute Stadtmauer vergrößerte die Grundfläche der Stadt noch einmal beträchtlich (403 ha). Außerdem gewann Köln im 11. und 12. Jahrhundert seine politische Ordnung. Die in Kirchspiele (Sondergemeinden, an deren Spitze gewählte Bürgermeister (Amtleute) standen) gegliederten Einwohner formierten sich in personeller Verzahnung mit dem Schöf fenkolleg zu einer einzigen Stadtgemeinde,deren Organ eben diese am erzbischöflichen Hochgericht tätigen Schöffen wur den;daneben spielte bald auch die Richerzeche,eine Bruder schaft der wohlhabenden und einflussreichen Kölner Bür ger, eine wichtige Rolle. Bereits 1074 hatten sich vor allem die Kaufleute gegen den Erzbischof erhoben; 1106 stellten sich die Bürger in der Auseinandersetzung zwischen Kaiser Heinrich IV. und seinem Sohn im Gegensatz zu ihrem erzbi schöflichen Stadtherrn in einer Schwurvereinigung auf die Seite des Kaisers und schufen mit dieser Schwurvereinigung die Voraussetzungen für die Gemeindebildung, verbunden mit der Wahrnehmung bürgerlicher Selbstverwaltungsrechte. Spätestens seit 1119 führte die Stadt ihr eigenes Siegel und besaß seit der Mitte des 12. Jahrhunderts ein »Bürgerhaus« (domus civium) an der Stelle des späteren Rathauses; der Rat selbst ist allerdings erst seit 1216 bezeugt.Der besonderen Be deutung Kölns in dieser Zeit entspricht die Existenz eines (nicht kodifizierten) Markt- und Kaufmanns-/Stadtrechts, das auch außerhalb Kölns Beachtung gefunden hat.Allerdings darf man die Rolle Kölns bei der Entstehung städtischer Insti tutionen in anderen Städten nicht überschätzen. So hat etwa sein Recht nicht in dem Umfang,wie man es früher betonte, das von Soest beeinflusst;die Kaufmannsgilde spielte bei Wei tem nicht immer eine entscheidende Rolle,ebenso wenig das Schöffenkollegium;vor allem ist der Rat in mehreren rheini schen Städten, ebenso wie in Soest und in Lübeck, früher als in Köln belegt. Als entscheidende Tatsache aber bleibt bestehen, dass Köln der eigentliche Ursprung städtischen Lebens in Nordwestdeutschland war.

Im rechtsrheinischen Gebiet konnten sich die Städte nicht auf römische Vorgängerinnen stützen. Meist entstanden sie aus befestigten Plätzen, die nach der Unterwerfung Sachsens eingerichtet worden waren. Der Dom und die Domburg oder eine Königspfalz,wie in Dortmund,wurden zur Keim zelle der künftigen Stadt. Eine große Anzahl solcher Ansiedlungen erhielt zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert das Marktrecht,das mehr oder weniger,je nachdem,ob ihre Lage für die wirtschaftliche Entwicklung günstig war, zu ihrem Aufstieg beitrug.

Wie im Westen des Rheins, jedoch langsamer, entstand auch hier die mittelalterliche Stadt aus der Vereinigung eines kirchlichen oder weltlichen Stadtkerns mit einer Kaufmanns siedlung.In Magdeburg haben wir das älteste Beispiel vor Au gen:Die Stadtmauer,die Otto der Große begann,wurde 1023 vollendet. Anderswo kam diese Vereinigung nicht vor dem 12. Jahrhundert zustande, so in Goslar (1108), in Dortmund, Hildesheim, Bremen, Erfurt (Mitte des 12. Jahrhunderts). In der ersten Hälfte des 12.Jahrhunderts trat überall wenig später als in Köln die Bürgergemeinde in Erscheinung,die zuweilen im Besitz sehr wichtiger administrativer Funktionen war: so in Soest, in Halberstadt, wo seit 1105 die Bürger die Lebens mittelversorgung,Maß und Gewicht kontrollierten sowie die Gerichtsbarkeit über Betrügereien in einschlägigen Fällen ausübten; sie wählten ihre Richter und Schöffen.

Die Ausbildung eines Stadtrechts, in dem örtliches Ge wohnheitsrecht, königliche oder stadtherrliche Privilegien und übernommenes fremdes Recht sich verbanden,wurde in diesem Bereich ebenfalls zu einem entscheidenden Faktor für den Prozess der Stadtentwicklung. Die Stadtrechte wurden zwar im Allgemeinen erst seit dem 13. Jahrhundert aufge zeichnet, aber mehrere entwickelten sich in der ersten Hälfte des 12.Jahrhunderts.Das älteste in Westfalen ist das von Soest (um1150),das auf einige benachbarte Städte übertragen wur de; ob es mit Änderungen in Lübeck eingeführt wurde und sich dann als Lübisches Recht an der Ostseeküste bis Estland ausbreitete, ist unsicher. Das Dortmunder Recht, in dem deutlichere flämische und rheinische Einflüsse nachzuweisen sind,wurde von den meisten westfälischen Städten übernom men, für die Dortmund Oberhof für Appellationen und Rechtsprechung blieb. Auch in Sachsen wurde das Goslarer Recht auf mehrere Städte nördlich und südlich des Harzes übertragen. Die stärkste Wirkung ging vom Magdeburger Recht aus; seit dem Ende des 12.Jahrhunderts wurde es von Hunderten von Städten des Ostens– mit Abweichungen übernommen und dort als das »deutsche Recht« überhaupt betrachtet.

Mit dem Ende des 12. Jahrhunderts beginnt die Zeit der neuen Städte mit einem bestimmten Gründungsdatum, die innerhalb weniger Jahre mit allen Merkmalen einer Stadt aus gestattet wurden.Topografisch unterschieden sie sich von den alten Städten durch eine regelmäßigere Anlage und durch ein schachbrettartiges Straßennetz. Wenn auch der Ehrgeiz der geistlichen und weltlichen Herren ihre Zahl anwachsen ließ, so erreichten doch nur sehr wenige von ihnen westlich der Elbe eine den alten Städten entsprechende Bedeutung. Zu den wichtigeren gehörte Stendal in der Altmark,das Albrecht der Bär um 1160 gründete.

Man darf aber neue und alte Städte einander nicht zu krass gegenüberstellen.Einige der alten wurden durch spätere Gründung eines an sie anschließenden neuen Stadtbezirks, also einer Zwillingsstadt,in ihrer Entwicklung gefördert.Das war bei Lüneburg und vor allem bei Hamburg der Fall, das erst durch die Gründung einer Kaufmannsstadt gegenüber der Erzbischofsstadt durch den holsteinischen Grafen Adolf II. von Schauenburg 1188 zu einem aktiven Hafen wurde.

Eine der für Norddeutschland kennzeichnenden Beson derheiten ist die Häufigkeit der Doppel- oder sogar Mehr fachstädte: Oft entwickelten sich am selben Platz, getrennt voneinander,zwei oder drei städtische Siedlungen,die zu ver schiedenen Zeiten entstanden und sich nicht immer deutlich in ihren Funktionen voneinander unterschieden;doch anstatt sich zu einer einzigen Stadt zu vereinigen, umgab sich jede mit einer besonderen Mauer und bildete eine eigene Bürger gemeinde mit einem eigenen Rat. Der Zusammenschluss ging nur langsam vonstatten, manchmal gab es dabei sogar wieder Rückschritte. Das bemerkenswerteste Beispiel für ei nen solchen Vorgang bietet Braunschweig, die größte Stadt Niedersachsens im Mittelalter. Auf dem rechten Ufer der Oker bestand seit dem 10.Jahrhundert ein Marktort,die Alte Wiek, auf dem linken Ufer gab es eine herzogliche Burg und eine befestigte Kirche, neben denen im 11. Jahrhundert ein Kaufmannsviertel (die Altstadt) um einen rechteckigen Markt entstand. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurden zwei neue Städte gegründet, der Hagen auf dem rechten, die Neustadt auf dem linken Ufer. Bis 1269 gab es drei eigene Räte für die Altstadt,den Hagen und die Neustadt und später noch zwei weitere für die Alte Wiek und den Sack. Zwar stand von diesem Zeitpunkt an über den fünf Städten ein Gesamtrat, der die gemeinsamen Angelegenheiten ver waltete, aber die alten Einzelstädte bestanden dennoch fort mit Befugnissen,die wir im Einzelnen nicht kennen.Auch in Hildesheim gab es drei Städte mit ihren eigenen Räten, die Altstadt (11. Jahrhundert), die Dammstadt,das Viertel der flä mischen Tuchweber (Ende 12. Jahrhundert), und die Neu stadt (Anfang 13. Jahrhundert). In Osnabrück schlossen sich die Altstadt und die Neustadt (Mitte 13. Jahrhundert) erst 1306 zusammen,während der Zusammenschluss in Hamburg 1215 erfolgte, kaum zwanzig Jahre nach der Gründung der Neustadt. Östlich der Elbe, z.B. in Brandenburg, Berlin Cölln, Danzig, Königsberg und Reval, konnte man später häufig derselben Besonderheit begegnen.

In welchem Umfang ist die Entstehung von Städten auch in den slawischen Ländern vor der deutschen Besiedelung bezeugt? Die alte Auffassung, nach der die Deutschen dort erst das Stadtleben eingeführt, im Neuland oder neben ei nem einfachen Fischerdorf Städte gegründet hätten,ist heute aufgegeben. Neuere Forschungen haben erwiesen,dass nicht nur in Polen, sondern auch in Mecklenburg und Pommern zwischen dem 10.und 12.Jahrhundert stadtähnliche Gebilde in einem dem westeuropäischen verwandten Prozess ent standen.

Nach archäologischen Grabungen, aus Berichten Adams von Bremen(um1075)und,einJahrhundert später,Helmolds von Bosau, ergibt sich, dass die slawischen Städte eigentlich befestigte Plätze waren, dass sie aber außer militärischen und religiösen Einrichtungen auch eine oder mehrere nichtbefestigte Kaufmannsniederlassungen besaßen,in denen zuwei len fremde Kaufleute, Friesen, Deutsche oder Skandinavier, lebten. Wir wissen wenig über die Plätze der Obodriten,wie z.B. Oldenburg, Demmin, Ratzeburg, es sei denn über ihre militärische Bedeutung; in Süsel aber lebte eine Kolonie von 400 Friesen,und in Alt Lübeck siedelte der Slawenfürst Hein rich zu Beginn des 12.Jahrhunderts außerhalb der Mauer des befestigten Platzes (vom 11. Jahrhundert) eine Anzahl Kauf leute und eine Gruppe von Handwerkern an.

Wir sind über die pommerschen Städte etwas besser unter richtet. Neben Belgard und Kolberg, die als feste Plätze ge nannt werden, entfalteten Jumne an der Odermündung auf der Insel Wollin und Stettin eine rege wirtschaftliche Tätig keit. Nach Adam von Bremen soll jenes »die größte aller Städte Europas« gewesen sein.Die Ansiedlung war 4 km lang, und ihre weitreichenden Beziehungen erklären,dass sie »von Slawen, Griechen, Barbaren und von Sachsen« bewohnt ge wesen sein soll.Die Stadt befand sich am Anfang des 12.Jahr hunderts im Niedergang, aber die Tatsache, dass die christli chen Missionare dort 1140 ein Bistum errichteten (das bald nach Kammin, auf dem gegenüberliegenden Ufer, verlegt wurde), beweist, dass sie sich eine gewisse Bedeutung be wahrte.Jumne ist mit dem sagenhaften Vineta der skandinavi schen Sagas identifiziert worden: Vineta soll als Strafe für die Unzucht seiner Bewohner versunken sein,aber die Seefahrer hörten zuweilen in der Tiefe die Glocken seiner Kirchen läuten.

Zu dieser Zeit hatte sich Stettin zur volkreichsten Stadt sei nes Bereichs entwickelt. Um 1160 zählte der Chronist Her bord von Michelsberg dort 900 Familienoberhäupter,das sind etwa 5000 Einwohner. Es wurde durch eine Herzogsburg geschützt, um die herum sich wohl Adlige (primates) nieder gelassen hatten, die die Stadt beherrschten und über das Zu sammentreten der Versammlung des »Volkes« entschieden. Neben der Stadt und von einer Mauer umgeben waren Kauf mannsviertel entstanden, in denen die Deutschen seit den Missionsreisen Ottos von Bamberg immer zahlreicher geworden waren.Ähnliche städtische Siedlungen mit ihren Befesti gungswerken aus Holz konnten vor allem in Polen,in Posen, Gnesen, Kalisch, Breslau und Krakau, aber auch in Preußen, in Truso bei Elbing, gefunden werden. Der große Nachteil dieser slawischen Städte scheint das Fehlen eines die Kaufleu te schützenden Rechts gewesen zu sein, was den Erfolg der deutschen Stadtrechte erklärt,die seit dem 13.Jahrhundert so gar von rein slawischen Städten übernommen wurden.Diese Unterlegenheit, die zu dem Zustrom deutscher Siedler hin zukam, welche durch lokale Machthaber wegen der Überle genheit ihres handwerklichen und kaufmännischen Könnens herbeigerufen wurden, macht verständlich, dass die Neu gründungen im hansischen Raum die Spuren dieser frühen Stadtentwicklung fast völlig ausgelöscht haben.

Die Gründung deutscher Städte im Osten und die Gotländische Genossenschaft (etwa 1150–1280)

Die Gründung Lübecks

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts verstärkte sich plötzlich der Zustrom der Deutschen nach Osten,der ein halbes Jahr hundert vorher eingesetzt hatte. Wie andere große Herren wollte der Graf von Holstein,Adolf II.von Schauenburg,ein Vasall des Sachsenherzogs Heinrichs des Löwen, sein Land besiedeln und die heidnischen Obodriten unterwerfen, die noch die Ostküste Holsteins beherrschten.Deshalb,berichtet Helmold, entsandte er Werber bis nach Holland und Flan dern, die die Bauern einladen sollten, sich in großer Zahl in Holstein niederzulassen. Sein Aufruf fand weithin Gehör.

Zur selben Zeit entschloss sich der Graf,an der Ostseeküste eine Kaufmannssiedlung zu gründen.Die Lage der künftigen Stadt wurde sorgfältig erkundet. Möglicherweise dachte man zunächst an Oldenburg, einen wichtigen Platz der Wagrier und Sitz eines durch Otto den Großen gegründeten Bistums, das dann zerstört wurde und seit seinem Wiederaufbau küm merlich dahinlebte; aber diese Stelle war zu abgelegen. Alt Lübeck an der Trave, ein Stück unterhalb der späteren Stadt, lag günstiger;der zur Hälfte christliche Ort hatte wenige Jah re zuvor eine gewisse Blüte erlebt. Aber er war 1138 zerstört worden,und dieses Ereignis bewies,dass es schwer war,diesen Platz gegen einen entschlossenen Angreifer zu verteidigen. Schließlich entschied sich Adolf II. für den Zusammenfluss von Wakenitz und Trave, etwa 5 km von der zerstörten An siedlung entfernt. Der Platz war gut ausgewählt. Die Win dungen der beiden Flussläufe umschlossen eine inselgleiche Landzunge mit einer Fläche von etwa 135 ha fast vollständig, und die sumpfigen Ufer sicherten eine leichte Verteidigung. Etwa 20 km von der Mündung der Trave in die Ostsee ent fernt, lief dieser Platz kaum Gefahr, das Opfer eines Hand streichs von Seeräubern zu werden.Die Trave war tief genug für die Schiffe jener Zeit, und obendrein lag Lübeck fast ge nau am schmalsten Teil Holsteins,etwa 50 km von Hamburg entfernt: Es musste die Kaufleute geradezu anlocken.

Helmold hat uns einen farbigen Bericht über die bewegten Anfänge der neuen Stadt hinterlassen.[2] Der rasche Aufstieg Lübecks erregte den Neid Heinrichs des Löwen,der versuch te, es durch Störmanöver und dann durch die Gründung ei ner Konkurrenzstadt zu ruinieren, die er Löwenstadt nannte, deren Lage aber ungünstig war. Der Herzog zwang schließ lich seinen Vasallen, ihm seine Rechte abzutreten, und von da an entwickelte sich das neue, 1158/59 wiedererrichtete Lübeck dank zahlreicher ihm verliehener Privilegien rasch aufwärts.

So genau auch der Bericht Helmolds ist,er lässt zahlreiche Fragen offen,für die sich die moderne Forschung lebhaft in teressiert. Zu den wichtigsten gehört sicherlich das Grün dungsverfahren. Da in den zeitgenössischen Quellen jeder Hinweis fehlt, hat man viel spätere Quellen herangezogen, den Stadtplan untersucht und die Gründungssituation ande rer Städte aus dem 12. Jahrhundert verglichen. Vor knapp 100 Jahren stellte Fritz Rörig seine berühmt gewordene The se von den »Gründungsunternehmern« vor, der zufolge die Wiederbegründung Lübecks durch ein Konsortium kauf männischer Unternehmer im Auftrag Heinrichs des Löwen erfolgt sei. Ihnen habe man gegen eine entsprechende finan zielle Beteiligung die Verfügungsfreiheit über das städtische Areal und die wirtschaftliche Nutzung des Marktes überlas sen;außerdem sei aus diesem Konsortium um 1200 der städti sche Rat hervorgegangen.Darüber hinaus glaubte Rörig,an hand der Grundstücksentwicklung um den Markt die Fami lien der Mitglieder dieses Konsortiums ermitteln zu können. Die in der Folge viel diskutierte These hat sich jedoch nicht als tragfähig erwiesen, zumal Rörig sich bei der Untersu chung der Parzellenentwicklung auf Quellen des ausgehen den 13.Jahrhunderts stützte,die mit Blick auf die Verhältnisse um die Mitte des 12.Jahrhunderts wenig aussagekräftig sind. Auch haben sich die in anderen Städten (Freiburg im Breis gau, Wien) vermuteten kaufmännischen Gründerkonsortien, auf die zum Vergleich verwiesen wurde,nicht nachweisen las sen. Man wird deshalb den fiskalisch motivierten,herrschaft lichen Anteil am Wiederaufbau Lübecks höher einschätzen müssen, als Rörig dies getan hat, auch wenn Heinrich der Löwe, dessen Rolle als »Städtegründer« in der neueren For schung zurückhaltender beurteilt wird, sich dabei die Sach kompetenz der Kaufleute zunutze gemacht haben dürfte.

Mit dem Wiederaufbau änderten sich die topografischen Verhältnisse in der Stadt: Hatte das forum des schauenburgi schen Lübeck beiderseits der heutigen Mühlenstraße gelegen, so wurde der Markt 1159 auf den Platz südlich der späteren Marienkirche und damit näher an den Hafen heran verlegt. Der fast rechteckig angelegte Markt wurde das Zentrum des neuen Lübeck:Umihnherumentstanden die Verkaufsbuden der Händler und Handwerker, mit dem Gewandhaus (später Rathaus) an der Nordwestecke. Westlich und östlich des Marktes entwickelten sich die Wohngebiete der Kaufleute und Handwerker, die unter Einschluss des Marktes und des Gebietes um die Petrikirche die mit Weichbildrecht ausge stattete bürgerliche civitas bildeten.

Der Zuzug in die neue Stadt ging rasch vor sich.Zu den aus der Löwenstadt gekommenen Einwohnern gesellten sich die aus Alt Lübeck, das seitdem nicht mehr bestand, und die aus Bardowick, das durch den Herzog selbst bewusst zugrunde gerichtet wurde,der jetzt entschlossen war,Lübeck mit seiner ganzen Macht zu fördern.Bereits 1160 ließ er das Bistum Ol denburg dorthin verlegen;wenig später begann fast gleichzei tig der Bau der Marienkirche beim Markt und des Doms im Südwesten der Halbinsel im Backsteinbau.Von diesem Zeit punkt an wuchs jahrhundertelang die Einwohnerzahl gleich mäßig durch den Zustrom von Handwerkern und Kaufleuten aus dem Westen, namentlich aus den westfälischen Städten. Diese Zuwanderer ließen sich in Lübeck nieder oder zogen nach einem kürzeren oder längeren Aufenthalt dort nach den neuen Ostseestädten, nach Gotland oder nach Schweden weiter. Da Lübeck vor allem für den Handel bestimmt war, beeilte sich Heinrich der Löwe, den dorthin kommenden russischen und skandinavischen Kaufleuten seinen Schutz zu verleihen, wie er auch die lübischen Kaufleute von den Abgaben im ganzen Herzogtum Sachsen befreite.

Um die Entwicklung Lübecks zu sichern,lag ihm sehr viel daran, in Holstein endgültig den Frieden herzustellen und den heidnischen Einfällen ein Ende zu bereiten. 1160 unter warf Heinrich der Löwe das ganze Gebiet der Obodriten, nachdem ihr Fürst Niklot getötet worden war.Er gewann die Herrschaft über Schwerin, wo ein Bistum errichtet wurde. Vier Jahre danach aber wiegelte Pribislav, der Sohn Niklots, das Land erneut gegen die Deutschen auf, obwohl er sich zum Christentum hatte bekehren lassen. Doch das war das letzte Aufbäumen.1167 musste sich Pribislav dazu bereit fin den, dem Herzog zu huldigen, der ihn mit dem Land der Obodriten, Mecklenburg, belehnte. Dieses Lehen, das 1348 zum Herzogtum erhoben wurde,blieb bis ins 20.Jahrhundert in den Händen der Nachkommen des Slawenfürsten! Nun mehr war die Verbindung Lübecks mit der See gesichert; sie wurde darüber hinaus durch die Erwerbung von Landgebiet erleichtert, das in der Hauptsache an der Trave entlang lag und das die Stadt im Laufe der Jahrhunderte beharrlich zu erweitern sich bemühte.

Die Auflehnung Heinrichs des Löwen gegen den Kaiser und sein Sturz brachten Lübeck aber in eine schwierige Lage. Da es dem Herzog die Treue hielt, zog Friedrich Barbarossa selbst zur Belagerung heran, nahm dann jedoch die Unter werfung der Stadt an und bestätigte ihr 1188 ihre »hervor ragenden Privilegien« (jura honestissima) auf der Grundlage ei ner gefälschten Urkunde, die auf den Namen Heinrichs des Löwen ausgestellt war. Mit der Urkunde von 1188 wurden der bürgerlichen Schwurgemeinde bestimmte administrative und wirtschaftliche Befugnisse übertragen, insbesondere die Beaufsichtigung der kurz vorher gegründeten Münzstätte: Das war der Ursprung des Rats, der erst 1201 bezeugt ist. Die Bürger erhielten das Vorrecht, das der Stadt verliehene Soester (?) Recht fortzuentwickeln, einen Teil der Gerichts einkünfte einzuziehen und nur durch den vom Kaiser einge setzten Stadtrichter (advocatus) abgeurteilt zu werden; diese Vorrechte wurden in der Folgezeit noch erweitert.

Der kaiserliche Schutz war ein erster Schritt auf dem Wege zu den Rechten einer Reichsstadt, die Friedrich II. 1226 erteilte.Aber der Kaiser war weit weg,und der Graf von Hol stein, der die Zersplitterung des Herzogtums Sachsen zu sei nem Vorteil ausnutzte, stellte 1192 seine Herrschaft über die Stadt wieder her. Sein Ehrgeiz wurde in der Folgezeit zu ei ner ständigen Bedrohung für die Unabhängigkeit Lübecks.

Eine noch schlimmere Gefahr tauchte plötzlich am Ende des Jahrhunderts auf.Die dänische Macht,die sich unter Wal demar dem Großen gefestigt hatte, wurde unter seinen bei den Söhnen Knut IV. und Waldemar II. expansiv. Diese wurden durch die Schwäche des deutschen Königtums be günstigt und zwangen den Fürsten von Mecklenburg und Pommern ihre Lehnsherrschaft auf. Lübeck leistete zunächst trotz der Eroberung seines Landgebiets Widerstand.Aber auf die Nachricht hin, dass eine Flotte von Handelsschiffen auf dem Weg zum Schonischen Markt durch die Dänen aufge bracht worden war,gab es den Widerstand auf:Gegen die Be stätigung seiner Privilegien erkannte es Waldemar »den Sieg reichen« als Herrn an. Dieser eroberte dann Holstein, zwang Hamburg und dem Erzbischof von Bremen seine Herrschaft auf und wandte sich darauf der Eroberung Estlands zu. Die dänische Vorherrschaft über Nordeuropa schien gesichert, um so mehr, als der junge Friedrich II., den andere Sorgen bedrängten, Waldemars Besitz aller Gebiete jenseits der Elbe anerkannte.

Die dänische Vorherrschaft war aber schwach. Als Walde mar durch einen Handstreich gefangen genommen wurde, erhoben sich alle unterworfenen Länder.Nach seiner Befrei ung versuchte der König vergeblich, die Lage wiederherzu stellen. Seine Truppen wurden im Verlaufe einer großen Schlacht bei Bornhöved (1227) geschlagen, wobei die Lübe cker eine wichtige Rolle gespielt zu haben scheinen,und sei ne Macht wurde auf einen Schlag zerstört.In neuerer Zeit ist Bornhöved zuweilen als ein entscheidendes Ereignis gefeiert worden,welches das Schicksal Nordeuropas auf Jahrhunderte hinaus entschieden habe,Bouvines vergleichbar,das in dersel ben Epoche für das Geschick Westeuropas bestimmend war. Das ist stark übertrieben. Die Macht Dänemarks erlebte im Mittelalter regelmäßig längere Schwächeperioden, und ein Sieg hätte den Sachverhalt nicht dauerhaft geändert. Aber sicherlich hat der Erfolg seiner Waffen Lübeck ein größeres Ansehen in den Randländern der Ostsee verschafft.

Ein Jahr zuvor hatte es von Friedrich II. ein Diplom erhal ten, das seine Privilegien erweiterte und es als civitas imperii anerkannte. Die Würde einer Freien Reichsstadt, die keiner anderen Stadt jenseits der Elbe mehr zuteil wurde,verlieh Lü beck einen Vorrang, der ihm, in Verbindung mit seiner ma teriellen Macht, in diesem Bereich eine führende Rolle ver schaffte. Weniger als ein Jahrhundert nach seiner Gründung war seine Vormachtstellung offenbar. Es besaß die größte Einwohnerzahl und war die aktivste Stadt Nordeuropas,seine Schiffe befuhren die Ost- und die Nordsee, seine Kaufleute trieben in Russland,in Skandinavien und in England Handel. In der Geschichte der mittelalterlichen Städte gibt es kaum ein Beispiel für einen so glänzenden und überaus schnellen Erfolg.

Die Gotländische Genossenschaft

Lübeck war in erster Linie im Hinblick auf den Ostseehandel gegründet worden. Seine Bewohner begannen auch bald, Schiffe zu bauen, die es seinen und den Kaufleuten des Bin nenlandes erlaubten, nach Gotland und nach Russland zu fahren. Vielleicht bereits in dieser Zeit, sicher jedoch wenige Jahre später, begann man im Lübecker Hafen mit dem Bau von Koggen. Tatsächlich wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts dieses neue Schiff entwickelt, das für die Hanseflotten des 13. und 14. Jahrhunderts typisch werden sollte. Allerdings wurde seine Überlegenheit gegenüber den skandinavischen Schiffen bezüglich der Ladekapazität, der Seetüchtigkeit und der Segeleigenschaften von der älteren Forschung deutlich überschätzt.

Wer in der Ostsee Handel treiben wollte, musste sich mit den Gotländern verständigen.Heinrich der Löwe sah das ein. Er söhnte Deutsche und Gotländer, die damals im Konflikt miteinander lebten,aus,ließ sie Frieden schwören (1161:Art lenburg-Privileg), bestätigte den Gotländern die ihnen von Lothar III. in Sachsen verliehenen Zoll- und Handelsfreihei ten und garantierte ihnen Rechtssicherheit im Lande auf der Basis der Gegenseitigkeit. Die deutschen Kaufleute konnten von da an nach Gotland fahren.Nach der Gründung Lübecks schlossen sie sich wohl zu einer Schwurgemeinschaft zusam men, auf Veranlassung Heinrichs des Löwen, der ihren Vor steher Odalrich als seinen Beauftragten (Vogt) anerkannte und ihm gerichtliche Befugnisse übertrug, denen vergleich bar, die er den Gotländern in Sachsen einräumte.

So war die »Genossenschaft der Gotland besuchenden Deutschen« entstanden (universi mercatores Imperii Romani Gotlandiam frequentantes);ihr gehörten nicht nur lübische,sondern auch Kaufleute aus westfälischen und sächsischen Städten an: In einer Urkunde aus dem Jahr 1165 werden für den kleinen Ort Medebach im Sauerland Kaufleute erwähnt,die in Russ land Handel trieben. Nach und nach vereinigten sich die Kaufleute aus den neu gegründeten Städten in den slawischen Gebieten an der Ostseeküste mit ihnen. Die Quellen geben leider nur sehr dürftige Aufschlüsse über die Verfassung der Genossenschaft. Anscheinend jährlich wählten die Kaufleute unterschiedlicher Herkunft ihren »Ältesten« (Oldermann) und leisteten in seine Hände einen gemeinsamen Gehorsams-und Beistandseid.Das älteste Lübecker Siegel (seit 1224 nachweis bar),auf dem zweiMännerineinemSchiffdargestellt sind,die einen Eid leisten, mag Ausdruck dieses Verfahrens sein. Im 13. Jahrhundert gab es an der Spitze der Genossenschaft vier Oldermänner,die je durch die Kaufleute von Lübeck,Visby, Soest und Dortmund gewählt wurden.Sie besaßen dieselben Vollmachten wie später die Leiter der Hansekontore; sie üb ten die Gerichtsbarkeit über ihre Genossen aus und vertraten sie gelegentlich gegenüber fremden Machthabern. Die Ge nossenschaft führte ihr eigenes Siegel mit dem Bild der Lilie. Vielleicht war sie das Symbol für den Königsschutz, der ihr verliehen worden war, denn einige Siegel Heinrichs des Lö wen und Heinrichs VI. führen ebenfalls dieses Emblem.

Trotz des Sturzes Heinrichs des Löwen und der zunehmen den Machtlosigkeit der kaiserlichen Gewalt entwickelte sich die durch die interessierten Städte unterstützte Gotländische Genossenschaft rasch. Wenn auch die Insel zu Beginn der eigentliche Mittelpunkt ihrer Tätigkeit war und ziemlich lange danach blieb, so zögerten ihre Mitglieder nicht, den Skandinaviern in die Küstenländer der Ost- und dann der Nordsee zu folgen, wo sie Handel trieben, Niederlassungen gründeten, von den Fürsten Privilegien erlangten und mit ihnen Handelsverträge schlossen, die das Siegel der Genos senschaft trugen.

Die Bedeutung Gotlands selbst macht indes verständlich, dass bald zahlreiche deutsche Kaufleute sich lieber dauernd auf der Insel niederließen,als nur von Zeit zu Zeit dorthin zu reisen. Sie blieben in Visby,an der Westküste,wo bereits eine skandinavische Ansiedlung bestand, die seit der Mitte des 12. Jahrhunderts mehrere Kirchen besaß. Zu einem unbe kannten Zeitpunkt und durch einen uns nicht bekannten Vorgang entstand so eine deutsche Stadt, deren Siegel eben falls die Lilie, jedoch eine andere Umschrift enthielt: Sigillum Theutonicorum in Gutlandia manentium. Den Deutschen, wel che die Insel besuchten (frequentantes), stellten sich jetzt die gegenüber, die sich dort niedergelassen hatten (manentes).

Die skandinavische Niederlassung ihrerseits bildete eine Stadt, die ein eigenes Siegel mit dem Bild eines Lammes be saß.Visby wurde also eine Doppelstadt,in der zuerst jede Ge meinde ihren eigenen Rat hatte.Die beiden Räte vereinigten sich bald, aber man vereinbarte, dass die Ratsherren, wie es auch später in den schwedischen Städten geschah, aus den Angehörigen beider Nationen gewählt werden mussten.Das Stadtrecht jedoch scheint von Anfang an für die Gesamtstadt gegolten zu haben.

Als Mittelpunkt eines sehr lebhaften Handels, der durch Messen anscheinend noch angeregt wurde,als Stützpunkt für die Weiterfahrt und den Nachschub nach Russland und Schweden für die Kaufleute,Bauern,Missionare und Kreuz fahrer entwickelte sich Visby mit außerordentlicher Schnel ligkeit, die der Lübecks vergleichbar ist. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts umgab eine Steinmauer von 11.200 Fuß Länge die Stadt und umschloss eine Fläche von etwa 90 Hektar.Heute noch sind die Ruinen von 18 mittelalterlichen Kirchen erhalten; die größte, die Marienkirche der Deut schen,von 1190 bis 1225 erbaut,war die Pfarrkirche der deut schen Genossenschaft. Visby erlebte auch auf Grund dieses Wohlstandes das Wachsen seines politischen Einflusses.Es be mühte sich darum, anstelle der Genossenschaft der Gotland fahrer die Leitung und den Schutz der in Russland Handel treibenden Deutschen zu übernehmen. Diese hinterlegten hier jedes Jahr die Kasse der in Novgorod errichteten Nieder lassung, und der Rat der Stadt setzte sich für Streitfälle, die sich innerhalb des Kontors ergaben, zur Appellationsinstanz ein.Diese Bestrebungen kollidierten aber mit denen Lübecks, das seit dem Ende des 13. Jahrhunderts seine Vormachtstel lung gegenüber fast allen Städten der werdenden Hanse zur Geltung gebracht hatte.Das Glück Visbys war auf diese Weise ebenso kurz, wie es plötzlich gekommen war.

Das Ausgreifen nach Russland und Livland

Zur gleichen Zeit, als die deutschen Kaufleute begannen, nach Gotland zu fahren,folgten einige von ihnen,die sich ge meinsam mit gotländischen Kaufleuten in einer gilda commu nis organisiert hatten, den Wegen der Skandinavier nach Russland; wie diese wurden sie vor allem durch Novgorod angezogen,das sich damals in vollem Aufstieg befand und sich zu einem großen Markt für Ostwaren,Pelze und Wachs ent wickelt hatte. Hier blieben sie zuerst gemeinsam mit den Gotländern in deren »St. Olavshof«. Wir besitzen den Text eines Handelsvertrags, den 1191/92 der Fürst Jaroslav mit den Gotländern und den Deutschen gemeinsam abschloss: Unter der Voraussetzung der Gegenseitigkeit für die russi schen Kaufleute verlieh er ihnen seinen Schutz für ihre Perso nen und ihre Waren und setzte das Strafmaß für bestimmte Vergehen fest; in einigen Artikeln werden bereits die Deut schen besonders genannt. Dies ist der älteste bekannte Ver trag, der von den Kaufleuten der werdenden Hanse mit einem ausländischen Fürsten geschlossen wurde;darüber hin aus erwähnt er einen älteren Vertrag.

Da sich ihre Zahl vergrößerte, erwarben die Deutschen bald am Rande des Marktes eine eigene Niederlassung, den »St. Peterhof«; noch vor dem Ende des 12.Jahrhunderts bau ten sie dort eine steinerne Kirche. Die Schnelligkeit, mit der die deutschen Kaufleute in Russland vordrangen, hat etwas Überraschendes. Sie ist nur durch das Entgegenkommen der Gotländer zu erklären,die sich,wenigstens am Anfang,streng an das mit Heinrich dem Löwen geschlossene Übereinkom menhielten.Die Gotländer zeigten denen den Weg,gewährten ihnen Unterkunft und ließen sie in Novgorod Handel treiben, von denen sie später rücksichtslos verdrängt werden sollten.

Die älteste, vor der Mitte des 13. Jahrhunderts entstandene Hofordnung des Peterhofs vermittelt einige Klarheit über die erste Organisation des Kontors und die Schwierigkeiten der Reise:Die Schiffe und die Kaufleute,welche von Gotland ka men, versammelten sich an der Mündung der Neva auf der Insel Kotlin (Kronstadt). Dort nahmen sie die Wahl der bei den Oldermänner vor– gewählt wurden ein»Oldermanndes Hofes«, der die Gesamtverantwortung trug, und ein »Older mann von St.Peter«–,die während der Weiterreise und nach der Ankunft in Novgorod an der Spitze der Genossenschaft standen; gewöhnlich wurden auf der Insel Kotlin die Waren auf leichtere Schiffe verladen. Von russischen Lotsen über nommen,fuhren die deutschen Schiffe,von karelischen oder schwedischen Räubern bedroht,die einsameNeva hinauf.Sie liefen in den Ladogasee ein und machten im Hafen von Lado ga fest, in dessen Nähe sie eine Kirche und einen Friedhof besaßen. Dort war wegen der Volchov-Stromschnellen eine erneute Umladung der Waren nötig. Diese wurden mithilfe einer Korporation von Treidlern (vorschkerlen) überwunden, und schließlich gelangte man nach Novgorod.

Von Anfang an scheinen zwei getrennte Gruppen von Kaufleuten jedes Jahr diese Reise unternommen zu haben: die Winterfahrer und die Sommerfahrer. Jene kamen im Herbst an und blieben den ganzen Winter über im Peterhof, da diese Jahreszeit für den Erwerb besonders schöner Pelze günstig war. Sie reisten wieder zurück, sobald das Tauwetter einsetzte, in der Regel noch vor der Ankunft der Sommer fahrer, deren Aufenthalt bis zum Herbst von kürzerer Dauer war. Es gab also eine Zwischenzeit, in der die Niederlassung leer stand: Die beiden Schlüssel, die den Zutritt gewährten, wurden beim Archimandriten von Novgorod bzw.beim Abt des St.Georgsklosters hinterlegt.Die Geldkiste dagegen nah men die Kaufleute mit und deponierten sie in der Marienkir che in Visby;die vier Schlüssel,die das Schloss sicherten,waren den Oldermännern der Gotländischen Genossenschaft aus Visby, Lübeck,Soest und Dortmund anvertraut.Am An fang konnte man nur auf dem Flusswege zu der Niederlas sung gelangen. Zum Jahr 1201 aber berichtet die Chronik von Novgorod wie von einer Heldentat über die Ankunft deutscher Kaufleute, die zu Land von der Düna her gekom men waren. In der Folgezeit kam regelmäßig eine Gruppe von Winter- und Sommerfahrern aus Riga oder Reval über Pleskau (Landfahrer) und verstärkte die Gruppe der auf dem Wasserwege gekommenen Kaufleute (Wasserfahrer), die an scheinend einen gewissen Vorrang gegenüber den anderen bewahren konnten.

Novgorod war im Osten nicht das einzige Ziel der deut schen Gotlandfahrer. Sie suchten, immer auf den Wegen der Skandinavier, seit der Gründung Lübecks ihre Tätigkeit auf die baltischen Länder und darüber hinaus,die Düna aufwärts, bis zu den russischen Märkten von Polozk, Vitebsk und vor allem Smolensk am oberen Dnjepr auszudehnen.Aber in die sem Gebiet waren die Voraussetzungen ganz anders als in Novgorod.In den baltischen Ländern lebten noch heidnische Völker,im Süden Litauer,an der unteren Düna Liven und sla wische Letten, an der Küste des Finnischen Meerbusens fin nische Esten,was den Handel erschwerte.Das Vordringen des Kaufmanns ging hier Hand in Hand mit der Bekehrung, Eroberung und Gründung neuer Städte.

Seit 1184 gelang Meinhard, einem aus Gotland gekomme nen holsteinischen Missionar, mit einigen Gefährten die Be kehrung einer Anzahl von Liven,und er erbaute eine Kirche in Uexküll an der unteren Düna.DerErzbischofvonBremen, der davon träumte, die große Tradition der Ausdehnung seiner Kirche im Norden wieder aufzunehmen, weihte ihn zwei Jahre später zum Bischof der Livländer. Aber es zeigte sich bald, dass nur ein ausgedehnter Kreuzzug die Christiani sierung des Landes sichern konnte. Es war das Verdienst des neuen Bischofs Albert (um 1165–1229),dass er dieses Unter nehmen ins Werk setzte und zu einem guten Ende führte. Er erlangte die Unterstützung Innozenz’ III., Philipps von Schwaben, des Königs von Dänemark, damals Herrn über Norddeutschland, des Erzbischofs von Lund und der Stadt Lübeck. Er erreichte vor allem die Beteiligung der Got ländischen Genossenschaft, die Hunderte von Kreuzfahrern ausrüstete und für den Transport der Truppen nach Livland sorgte.

Das Unternehmen gelang. 1201 gründete Albert Riga, siedelte dort Kaufleute an und begann, die Stadt zu befes tigen. Er verlieh ihr das Stadtrecht von Visby, an dessen Stel le später das Hamburger Recht trat, das selbst wiederum dem Lübecker Recht verwandt war. Er richtete dort den Sitz des Bistums ein, das aus der Kirchenprovinz Bremen herausgelöst und 1245 zum Erzbistum erhoben wurde. Zur Eroberung und Verteidigung des Landes gründete er 1202 einen Ritterorden, die fratres militiae Christi, die man allge mein wegen des Zeichens, das ihren Mantel schmückte, Schwertbrüder nannte.Es ist bezeichnend,dass der neue Or den nicht nur Adligen, sondern auch Kaufleuten offenstand. Trotz des heidnischen Widerstands war die Eroberung der baltischen Länder verhältnismäßig leicht. Überall wurden in ihrem Gefolge Kaufmannsniederlassungen gegründet: so in Dorpat, das 1224 zur Stadt und zum Bistum erhoben wurde, und Reval, wo sich 1230 angeblich 200 deutsche Kaufleute neben dänischen und schwedischen Siedlern niedergelassen haben sollen.

Bei diesem Kolonisationswerk haben die deutschen Kauf leute als Soldaten wie auch als Händler eine besonders wich tige Rolle gespielt. Sie ließen sich nicht darauf ein, alle ihre politischen Rechte dem Erzbischof und den Schwertbrüdern zu überlassen. So entschied 1226 gelegentlich einer Kreuz fahrt gegen die Insel Ösel der päpstliche Legat,dass die Stadt Riga ein Drittel des eroberten Landes erhalten sollte. Die Stadt trat der Gotländischen Genossenschaft die Hälfte dieses Anteils ab, welcher Gebiete südlich Rigas an der kurländi schen Küste, auf Ösel und in Estland umfasste.

Dieser große Einfluss der fahrenden Kaufleute war aber nicht von Dauer. Wie auf Gotland versuchten auch die livländischen Städte, nachdem sie den Wanderkaufleuten zunächst dieselben Rechte wie ihren eigenen Bürgern zugestanden hatten, ihnen diese allmählich wieder zu entziehen.Die Ver teidigungsaufgaben waren in diesem Gebiet besonders wich tig. 1236 brachten die Litauer den Schwertbrüdern eine vernichtende Niederlage bei. Das ganze Bekehrungs- und Besiedelungswerk schien gefährdet. Es wurde durch die Un tätigkeit der Heiden und durch das Eingreifen Hermanns von Salza, des Hochmeisters des Deutschen Ordens, gerettet, der gerade begonnen hatte, Preußen zu erobern. Er entsandte eilig ein Ritterheer,das die Lage wiederherstellte.Die überle benden Schwertbrüder wurden dem Deutschen Orden ein gegliedert, der, geführt von einem Landmeister, die allmähli che Eroberung bis zum Peipussee fortsetzte.Sein Werk wurde aber nicht vollendet.Im Süden erreichten die Züge gegen die litauischen Schameiten deren Unterwerfung nicht,so dass der Ordensstaat in zwei Teile, Preußen und Livland, gespalten blieb, zwischen denen auch später die Verbindung nur über See hergestellt werden konnte.Im Norden musste der Orden ein Jahrhundert lang die dänische Oberherrschaft über Est land ebenso anerkennen wie die Unterstellung des dortigen Bistums unter die Kirchenprovinz Lund.Die dänische Ober hoheit hinderte andererseits nicht den Aufstieg der deutschen Städte Reval und Narva,beide LübischenRechts.Reval wur de immer mehr Treffpunkt und Versammlungszentrum der deutschen Kaufleute,die sich über See oder auf dem Landweg nach Novgorod aufmachten.

Aber die Deutschordensritter waren weniger als ihre Vor gänger geneigt,sich auf eine Teilung der Herrschaft einzulas sen; sie schränkten die Macht der Bischöfe und der Städte stark ein.Riga und die Gotländische Genossenschaft verloren das große Landgebiet, das sie erworben hatten. Riga wurde anstelle des Stadtrechts von Visby das Hamburger verliehen, das man dem von Lübeck vorzog,da man argwöhnte,Lübeck wolle die Verbreitung seines Stadtrechts für politische Zwe cke ausnutzen.Jedenfalls aber stand der Handel in diesen Ge bieten in Zukunft unter wirksamem Schutz.

Riga war in den Augen der deutschen Kaufleute vor allem ein Stützpunkt für die Entwicklung ihres Handels in den rus sischen Städten an der oberen Düna. 1212 zwang eine durch Bischof Albert geführte Expedition den Fürsten von Polozk, das Recht der Deutschen auf ungehinderten Verkehr auf dem Fluss anzuerkennen. Unter Ausnutzung dieses Privilegs stie ßen die Deutschen bis Vitebsk vor und dann nach Smolensk, einem der Hauptmärkte,der mit dem Schwarzen Meer,dem Gebiet von Susdal und mit Novgorod in Verbindung stand. Hier erwarben sie Häuser,bauten eine lateinische Kirche und bildeten eine privilegierte Genossenschaft.Sie erlangten sogar das Recht,gegen Kredit zu verkaufen– was die Hanse später verschiedentlich untersagte– und außerhalb der Stadt Handel zu treiben. Der Vertrag von 1229[3] der uns diese Aufschlüsse vermittelt, ist auch wegen der Namen der deutschen Zeugen interessant, die ihn beglaubigten: Er nennt vier Kaufleute aus Riga, drei aus Gotland, je zwei aus Lübeck, Soest, Münster, Dortmund und Groningen, sowie einen aus Bremen. Er ist ein kostbares Zeugnis für die unterschiedliche Herkunft der Kaufleute der Gotländischen Genossenschaft und für die Vielzahl der weit entfernten Städte, die am Russlandhandel interessiert waren.

Die deutsche Niederlassung in Smolensk erlebte aber keinen mit dem von Novgorod vergleichbaren Aufschwung. Bald entwickelten die russischen Städte an der Düna, Vitebsk und vor allem Polozk, ihr Stapelrecht, das die deutschen Kaufleute zwang, innerhalb ihrer Mauern zu bleiben. Seit der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts suchten diese dann auch Smolensk nicht mehr auf. Polozk wurde in diesem Gebiet der äußerste Punkt, an dem sich deutsch-russischer Handel ab spielte.

Die Energie, mit der die Deutschen auf der Suche nach Wachs und Pelzen nach Osteuropa drängten, findet ihre unverkennbare Erklärung in der großen Nachfrage nach diesen Waren in Westeuropa. Es ist aber für diese Zeit– das Ende des 12. und den Beginn des 13.Jahrhunderts– schwer zu erken nen, welches die Hauptabsatzmärkte dafür waren: sicherlich die deutschen Städte; möglicherweise bereits Flandern und vielleicht auch die Champagne-Messen. Zu diesen Zentren brachten indes die Kaufleute der werdenden Hanse die Ost waren noch nicht selbst. Ihre Beförderung wurde wohl vor allem durch die flämischen Kaufleute sichergestellt, die sie in den sächsischen und westfälischen Städten kaufen konnten.Es gibt jedoch keine genauen Zeugnisse für diesen Handel.

Die Gründung deutscher Städte an den Ostseeküsten

Während die deutsche Kolonisation nach Gotland und Russ land vordrang,griff sie auch,wohl ein wenig langsamer,in den Raum zwischen Elbe und Oder über.Dort aber war sie viel umfassender; mit der militärischen Eroberung, der Bekeh rung und dem Vordringen des Handels war ein Zustrom bäu erlicher Bevölkerung verbunden, der im dritten Jahrzehnt und am Ende des 13. Jahrhunderts besonders stark war und schließlich zur Germanisierung des Landes bis über die Oder hinaus führte, während weiter östlich zahlreiche Deutsche sich an der Gründung neuer Städte beteiligten und sich dort niederließen.

Zwischen Elbe und Oder begünstigten alle Fürsten, deut sche wie slawische,die Niederlassung von Ansiedlern und die Gründung von Städten. Diese sollten der Verteidigung, als Regionalmärkte und als Verkehrs- und Versorgungszentren dienen. Der Vorgang war, mit Abweichungen, im Allgemei nen folgender: Auf den Aufruf eines Grundherrn hin wurde eine Niederlassung um das Rechteck eines Marktes herum gegründet,in dessen Nähe man die Pfarrkirche und das Rat haus errichtete. Von Anfang an oder nach einigen Jahren wurde die Niederlassung als Stadt anerkannt,erhielt eine Sat zung und ein Stadtrecht: an der Küste häufig das Lübische Recht, im Binnenland zumeist das Recht Magdeburgs oder einer seiner Tochterstädte. Zunächst unterstand die Stadt einem stadtherrlichen Vogt, verwaltete sich aber bald selbst durch ihren Rat, der sich aus den einflussreichsten Bürgerfa milien zusammensetzte. Sie wurde durch eine stadtherrliche Burg geschützt und mit Palisaden umgeben, die man früher oder später durch eine Steinmauer ersetzte. Wenn die Grün dung gedieh,dauerte es nicht lange,bis eine zweite– und so gar eine dritte– Niederlassung neben ihr gegründet wurde. Diese »Neustadt« (niuwe stat), zuweilen nur wenig jünger als die Altstadt (olde stat), wurde ihrerseits mit einer Stadtsatzung bewidmet,erhielt einen eigenen Rat und einen eigenen Wall, während die Vereinigung der Behörden der beiden Städte und der Bau einer gemeinsamen Mauer manchmal erst sehr spät erfolgten.

Nie oder fast nie wurden diese neuen Städte in unbebau tem Gebiet gegründet, sondern neben einem befestigten Platz, einer Burg oder einem älteren slawischen Ort. Am Anfang und in einem regional unterschiedlichen Verhältnis gehörte zu der neuen Ansiedlung bestimmt auch ein slawi scher Bevölkerungsteil, aber dieser wurde tatsächlich oder rechtlich nicht in das Bürgerrecht aufgenommen, das allein den Deutschen vorbehalten blieb. Selbst in dem weit ent fernten Krakau, der späteren Hansestadt, versagte das durch Herzog Boleslav 1257 den deutschen Siedlern verliehene Gründungsprivileg den Polen das Bürgerrecht, und diese Vorschrift blieb länger als ein halbes Jahrhundert in Kraft.

An der Ostsee entwickelte sich im 13. Jahrhundert eine Anzahl neuer Städte, die zu einem großen wirtschaftlichen Aufschwung berufen waren. An diesen Gründungen hatte Lübeck einen hervorragenden Anteil, zumal viele der ersten Kaufleute, die sich hier niederließen, von dort kamen. Die erste dieser Städte war Rostock. Hier befand sich eine slawi sche Siedlung mit einem Markt, die von den Skandinaviern aufgesucht wurde;im 12.Jahrhundert hatte sie eine Blütezeit erlebt, war aber während der Kriegszüge Waldemars I. und Heinrichs des Löwen gegen die Obodriten und Wilzen zer stört worden.Um 1200 ließ sich dort eine Kolonie deutscher Kaufleute nieder, und der Platz wurde vor 1218 durch den Fürsten von Mecklenburg zur Stadt erhoben, der den Be wohnern das Lübische Recht und einen Rat mit zehn Mit gliedern gab und sie im Fürstentum vom Zoll befreite. Eine zweite Ansiedlung entstand um 1230 um eine Marienkirche und einen Markt, später noch zwei kleinere. 1262 vereinigte der Fürst das Ganze so, dass es nur noch einen einzigen Rat und eine einzige Gerichtsbarkeit für die ganze Stadt gab;eine Steinmauer umschloss um 1300 alles.

Etwas langsamer vollzog sich die Gründung Wismars, ob wohl dieses näher an Lübeck lag. Noch vor der Wende zum 13. Jahrhundert ließen sich die ersten deutschen Siedler am Südende der Wismarer Bucht im Mündungsbereich der Wis semer in die Ostsee westlich der (späteren) Nikolaikirche nie der. Schon bald wurde die Ansiedlung nach Süden hin durch die Anlage der Marienstadt erweitert, der wenige Jahre spä ter die Neustadt (um die St. Georgen-Kirche) folgte; noch vor der Mitte des Jahrhunderts wurden Alt- und Neustadt unter einem gemeinsamen Rat vereinigt.1266 übertrug Fürst Heinrich von Mecklenburg der Stadt das Lübische Recht.Im letzten Viertel des 13.Jahrhunderts wurde der Wall mit Palisa den, der bis dahin die Stadt umgeben hatte, durch eine stei nerne Mauer ersetzt; gleichzeitig wurde der nordwestliche Teil der Marienstadt durch Aufschüttungen planmäßig er weitert. Das älteste Stadtbuch lässt für die Zeit von 1250 bis 1272 die Herkunft der Einwohner an ihren Namen erkennen: Die Hälfte stammte aus der Umgebung, fast ein Drittel aus Holstein,Sachsen,Westfalen und den Niederlanden war aber über Lübeck gekommen.

In Pommern bildet Stralsund den ziemlich seltenen Fall ei ner Stadt, die unmittelbar an der Küste liegt, gegenüber der Insel Rügen. Auch sie entstand aus der Vereinigung dreier deutscher Niederlassungen,deren zweite,um die Nikolaikir che,1234 zur Stadt erhoben und mit dem Rostocker,d.h.Lü bischem Recht ausgestattet wurde. An der Oder gab es in Stettin, einer großen slawischen Stadt, seit dem 12. Jahrhun dert zwei deutsche Viertel, die wahrscheinlich im Laufe des 13.Jahrhunderts erheblich größer wurden.Deshalb entschied 1237 der Herzog von Pommern,»der Stadt das deutsche statt des slawischen Rechts zu geben«, das bis dahin für die Ein wohner galt. Es mag sein, dass dies das Lübische Recht war, aber sechs Jahre später wurde es durch das Recht von Magde burg ersetzt. Neben die Gründung der beiden großen pom merschen Hafenstädte,die für die Hanse eine wichtige Rolle spielen sollten, traten im 13. Jahrhundert Gründungen, die unbedeutender blieben, wie Greifswald (etwa 1241), die spä tere Universitätsstadt, Kammin, der Sitz eines Bistums, An klam, Kolberg usw.

Auf dem linken Ufer der Weichsel reicht der Stadtwer dungsprozess Danzigs weit in die Vergangenheit zurück: Seit dem Ende des 10. Jahrhunderts befand sich im Bereich der Einmündung der Mottlau in die Weichsel auf einer Insel eine stark befestigte slawische Burg, die politisch-administrativen wie auch ökonomischen Zwecken diente und vor der sich im 11. Jahrhundert eine einheimische Kaufmannsstadt entwi ckelte. Eine gegen Ende des 12. Jahrhunderts südlich davon entstandene Ansiedlung deutscher Kaufleute (bei einer Niko laikirche) wurde von Herzog Svantopolk um 1225 zur Stadt erhoben und wahrscheinlich mit Lübischem Recht ausgestat tet (1238).Diese Siedlung wurde aber schon bald wieder auf gegeben, zugunsten einer weiter südlich, im Bereich einer frühmittelalterlichen slawischen Hafensiedlung vorgenom menen Neugründung um die Marienkirche, der Danziger »Rechtstadt«, die zum aktivsten Mittelpunkt der Stadt wer den sollte,die somit aus mindestens fünf Siedlungskernen be stand.Umdie Mitte des 14.Jahrhunderts,nach der Eroberung Pommerellens und Danzigs durch den Deutschen Orden, wurde das Lübische durch das Kulmer Recht ersetzt.

Im Binnenland wurde die Kolonisation tatkräftig durch die Markgrafen von Brandenburg betrieben. In diesem Ge biet aber entwickelten sich die Städte,selbst die,welche Mit glieder der Hanse wurden, wegen ihrer ungünstigeren Lage langsamer.Eine der ältesten,nämlich Brandenburg an der Ha vel mit der 1170 gegründeten Neustadt, die erst im 18. Jahr hundert mit der Altstadt (und der Dominsel) vereinigt wurde, wurde Sitz eines Bistums und eines Oberhofs für die mär kischen Städte. Berlin (um 1230) und Cölln, auf gegenüber liegenden Ufern der Spree, wurden nach einem vergebli chen Verschmelzungsversuch im 14. Jahrhundert erst 1709 vereinigt.Berlin,das wegen seines Getreide- und Holzhandels seit dem 13. Jahrhundert wichtiger war, als man angenom men hat, erhielt seine außergewöhnliche Bedeutung erst im 15. Jahrhundert, als es der Sitz der Hohenzollern wurde. Frankfurt an der Oder (um 1225/53) endlich blieb trotz sei ner Lage als Brückenkopf nur ein unbedeutender Platz. Die Städte dieses Gebiets wurden ebenso wie alle diejenigen, die in Schlesien und Polen mit oder ohne Unterstützung deutscher Ansiedler entstanden waren,mit dem Magdeburger Recht ausgestattet.

Wenn die deutsche Kolonisation nur auf ihre eigenen Triebkräfte beschränkt geblieben wäre,hätte die Germanisie rung des Landes westlich der unteren Weichsel ihre deutliche Grenze gefunden.Aber ein fast zufälliges Ereignis mit unvor hersehbaren Folgen machte ihre weitere Ausdehnung nach Osten möglich: die Eroberung Preußens durch den Deut schen Orden.

Die Pruzzen,ein Zweig der Litauer,hielten fanatisch an ih ren Göttern fest.Während Pommerellen mit Danzig auf dem linken Weichselufer seit dem 11.Jahrhundert hatte christiani siert werden können, waren alle Anstrengungen polnischer Missionare auf dem rechten Ufer erfolglos geblieben. 1222 hatte eine große Erhebung die erzielten Ergebnisse wieder zunichte gemacht, und der durch Innozenz III. eingesetzte Bischof des Pruzzenlandes war gefangen genommen worden. Seitdem wurden die verheerenden Einfälle der Pruzzen in christliches Gebiet immer zahlreicher,so dass der Herzog von Masovien,ein Vasall des Königs von Polen,den Hochmeister des Deutschen Ordens, Hermann von Salza, verzweifelt um Hilfe bat. Da dieser für seinen nach dem Abendland zurück verlegten Orden ein neues Tätigkeitsfeld suchte, führten die Verhandlungen, obwohl sie schwierig waren, 1230 zu einer Übereinkunft. Der Deutsche Orden erhielt das Kulmerland und alle in Preußen zu erobernden Gebiete zu freiem und autonomem Besitz.

So wurden die Grundlagen für die Entstehung des Ordens landes Preußen geschaffen, eine große, geschlossene Herr schaft– sie wurde nach 1236 um Livland und dann um Est land erweitert–,in der der Deutsche Orden,von einigen den Bischöfen zuerkannten Rechten abgesehen,tatsächlich nahe zu uneingeschränkt herrschte.Gleichwohl musste mehr als 50 Jahre lang Krieg geführt werden,um den Bestand dieses Staa tes zu sichern und um der Pruzzen Herr zu werden,die sich mit Unterstützung der Litauer verbissen verteidigten. Dieser Widerstand erklärt, warum die Eroberung in diesem Gebiet sich gewalttätiger als irgendwo sonst vollzog. Die Einwohner wurden zum größten Teil getötet oder verschleppt.

Gleichzeitig mit der Befriedung nahm der Deutsche Orden die ländliche und städtische Besiedelung Preußens viel syste matischer als die anderen Landesherren in Angriff. Hier kamen die Ansiedler hauptsächlich aus Schlesien,aus Mittel deutschland, woher die Ordensritter selbst vor allem stamm ten, und später auch aus verschiedenen Territorien Nord deutschlands.

Zu Beginn des Unternehmens wurden zwei Städte,Thorn und Kulm,auf dem rechten Ufer der Weichsel im Schutz ei ner Burg gegründet.1233 gab Hermann von Salza ihnen eine Rechtsordnung (Kulmer Handfeste), die für die anderen preußischen Städte maßgebend wurde.Sie erhielten ein aus gedehntes Stadtgebiet, einen Teil der Gerichtsgefälle, das Magdeburger Stadtrecht, eine gewisse Verwaltungsautono mie, aber der Orden blieb im Besitz der Befestigungshoheit und erlegte den Bürgern einen sehr harten Wehrdienst auf. Die beiden Städte entwickelten sich sehr verschieden. Kulm sollte nach dem Willen des Hochmeisters zur Hauptstadt Preußens werden. Er richtete in der Stadt ein Bistum und ein Obergericht ein. Seine Hoffnungen wurden jedoch ent täuscht, Kulm blieb ein unbedeutendes Städtchen. Thorn vor den Toren des Königreichs Polen entwickelte sich da gegen dank des Weichselhandels rasch aufwärts und wurde im 14. Jahrhundert die nach Danzig wichtigste preußische Stadt.

Wenn auch Lübeck in diesem Gebiet so gut wie keine Rol le gespielt hatte, so war sein Anteil bei der Gründung der Küstenstädte doch groß.Seine Schiffe unterstützten die Feld züge des Deutschen Ordens, und seine Kaufleute trugen zu der Gründung von Elbing(1237),unweit des alten Truso,sehr viel bei;Elbing wurde auch als einzige Ausnahme in Preußen mit Lübischem Recht ausgestattet.Bis zur Mitte des 14.Jahr hunderts war die Stadt der Haupthafen Preußens und wurde erst dann durch Danzig überflügelt. Sie erweiterte sich noch 1335/37 durch eine Neugründung,die 1342 Lübisches Recht erhielt und 1478 dem altstädtischen Rat unterstellt wurde. In Samland schließlich, dem letzten durch den Deutschen Orden eroberten Gebiet, wurde am Pregel Königsberg ge gründet,das seinen Namen anscheinend zu Ehren des Königs Ottokar von Böhmen erhielt, der 1255 an einem Kreuzzug teilnahm; die aus drei Einzelstädten bestehende Ordens-, Bi schofs- und Kaufmannsstadt wurde erst 1724 zusammenge legt.

Die Umstände ihrer Gründung erklären es,dass die preußi schen Städte bestimmte Besonderheiten aufweisen.Ihr Stadt plan ist viel regelmäßiger als bei den Städten des Gebiets zwi schen Elbe und Oder,weil ihre Straßen ein vollkommen qua dratisches Netz bilden, wie man es auch in Breslau und Krakau findet. Diese Städte hatten andererseits lange Zeit einen ausgesprochen militärischen Charakter, besaßen eine Burg und starke Mauern. Ihre direkte Abhängigkeit vom Hochmeister des Deutschen Ordens ist auch der Grund dafür, dass man diesen später irrtümlich für ein Mitglied der Hanse hielt.

Das Vordringen nach Skandinavien

Die Tätigkeit der lübischen Kaufleute und der Gotländischen Genossenschaft war zuerst und vor allem auf Russland ge richtet. Sie dehnte sich aber auch auf Skandinavien aus, wo der deutsche Zustrom, vor allem in die Städte, im 13. und 14. Jahrhundert stark war: Der Umfang des »Drangs nach dem Osten« mit seinen politischen Konsequenzen darf in der Tat nicht den kaum weniger ausgeprägten »Drang nach dem Norden« vergessen lassen.

Zwischen Schweden und Lübeck waren bald nach der Gründung der Stadt Handelsbeziehungen angeknüpft wor den. Heinrich der Löwe hatte mit Knut Eriksson einen Ver trag geschlossen (nach 1173),der den Schweden Abgabenfrei heit in Lübeck zusicherte. Von diesem Zeitpunkt an ließen sich deutsche Einwanderer in Schweden nieder.Sie scheinen dort auch in der Stadtentwicklung eine bedeutende Rolle gespielt zu haben. Die Entwicklung der schwedischen Städ te hatte schon vorher begonnen; die Einwohner von noch bescheidenen Ansiedlungen bildeten Vorformen von Stadt gemeinden unter einem königlichen Vogt (gälkare), dem die Hauptleute der Viertel beigeordnet waren. Die Deutschen führten überall nach dem Vorbild ihrer eigenen Städte den Rat ein. Wie im Osten ließen sie sich gewöhnlich gruppen weise nieder, entweder in einer schon bestehenden Stadt oder unmittelbar an ihren Zugängen um einen rechteckigen Markt, neben dem sie ihre Kirche bauten. Nicht nur die Kaufleute, sondern auch deutsche Handwerker ließen sich in den schwedischen Städten nieder. Die Bedeutung die ses Zustroms geht aus den zahlreichen Entleihungen des Schwedischen aus dem Deutschen für Berufsbezeichnungen hervor.

Die deutsche Einwanderung richtete sich zuerst nach Süd schweden, vor allem nach Kalmar, das stark von ihr geprägt wurde.Durch den Reichsregenten Birger Jarl gerufen,schei nen die Deutschen großen Anteil an der Gründung Stock holms (um 1251) gehabt zu haben.Diese Gründung verfolgte ein doppeltes Ziel: ein politisches– die Stärkung der neuen Dynastie der Folkunger–,ein wirtschaftliches– die Wieder belebung des Handels in diesem Gebiet, der durch die Zer störung von Sigtuna 1187 zugrunde gerichtet worden war. Birger Jarl und seine Nachfolger bemühten sich auch, die Deutschen, Kaufleute und Handwerker, herbeizuziehen, um die neue Stadt von ihrem Reichtum,ihrer Tatkraft und ihrer technischen Erfahrung profitieren zu lassen; in den schwedi schen Chroniken wird König Magnus wegen der übermäßi gen Begünstigung der Fremden getadelt.

Die Aufwärtsentwicklung Stockholms und Mittelschwe dens wurde in der zweiten Hälfte des 13.Jahrhunderts durch den Beginn der Ausbeutung der Kupferminen von Falun ge fördert. Auch dort scheinen die Deutschen eine wichtige Rolle gespielt zu haben; Bergleute aus dem Harz siedelten sich in der Gegend an, und es ist wahrscheinlich, auch nach Ansicht schwedischer Historiker, dass die Bergwerksorgani sation sich nach der vom Rammelsberg bei Goslar richtete. Deutsche Namen begegnen in dieser Zeit in den kleinen Städten des Bergbaugebiets. In Västerås etwa insbesondere, einem Mittelpunkt des Kupferhandels,setzte sich der Rat aus sechs Deutschen und sechs Schweden zusammen.Im14.Jahr hundert findet man die Lübecker im Besitz von Bergwerks anteilen.

Obgleich die Deutschen anscheinend nirgends die Mehr heit der Stadtbevölkerung stellten, war doch ihr Einfluss im Handwerk,im Handel und infolgedessen in der Stadtverwal tung vorherrschend.Noch 1345 schrieb eine königliche Ver ordnung vor,dass die Räte der Städte je zur Hälfte aus Schwe den und Deutschen zu bilden seien,eine Regel,die sogar spä ter noch zuweilen zugunsten der Deutschen verletzt wurde.

Der Umfang dieser Einwanderung und die führende Rolle der Deutschen im Handel bildeten eine ernste Gefahr für die nationale Entwicklung Schwedens,dessen Wirtschaft Gefahr lief, weitgehend in Abhängigkeit von der Hanse zu geraten. Dazu kam es jedoch nicht.Einmal deshalb, weil hier im Ge gensatz zu Norwegen Ackerbau und Viehzucht weiter gedie hen, die seine Bevölkerung vom deutschen Getreide unab hängig machten; zum anderen und in erster Linie deshalb, weil die Herrscher die Ausländer zu assimilieren suchten,an statt ihnen Privilegien zu verleihen, die ihren Untertanen schadeten.Schon der Vertrag,den Birger Jarl 1251 schloss, hob besonders hervor, dass die Lübecker, die sich in Schweden niederließen und dort blieben, »nach dem Recht des Landes leben und Schweden genannt werden sollen«. Diese weise Maßnahme konnte die Deutschen wenigstens de iure, wenn auch nicht de facto, daran hindern, privilegierte Gemein schaften zu bilden, und die Verschmelzung beider Nationali täten erleichtern. Diese seit dem 14.Jahrhundert in den klei nen Binnenstädten vollzogene Verschmelzung wurde in den größeren erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts verwirklicht.

Natürlicherweise war die deutsche Einwanderung nach Dänemark noch viel stärker als die nach Schweden.Vor allem in Schleswig bildeten die Deutschen zuweilen die Mehrheit der Stadtbevölkerung;das Recht von Tondern (1243),das von dem Lübischen abgeleitet und niederdeutsch geschrieben war,ist ein Zeichen dafür.Sogar auf den Inseln und besonders in Kopenhagen erlangte das deutsche Element im Handwerk und im Handel eine vorherrschende Stellung. Trotz dieser Tatsache aber blieb das eigentliche Dänemark nur von zweit rangiger Bedeutung für die Hansekaufleute, die dort kaum etwas anderes als Vieh einkaufen konnten.

Ganz anders war die Lage in Schonen, und zwar des He rings wegen.An der Westküste dieser Halbinsel kam der He ring in solchem Überfluss vor,dass er,wie Saxo Grammaticus (Ende des 12.Jahrhunderts) berichtet, die Schiffe behinderte und mit der Hand zu fangen war. Die Fischerei war dort zweifellos sehr alt, aber erst nach der Ankunft der Lübecker, die das Lüneburger Salz brachten, entwickelte sich ein um fangreicher Handel mit gesalzenem Fisch. Wir wissen über die Anfänge dieses Handels fast nichts, dessen Zentren die Märkte von Skanör und Falsterbo auf der Halbinsel an der Südspitze Schonens waren; sie gehören wohl noch in die al lerersten Jahre des 13.Jahrhunderts.Zu den lübischen stießen bald Kaufleute aus den sächsischen und westfälischen Städten und dann solche aus den an der Ostseeküste gegründeten Hä fen bis nach Danzig und Riga.Mehrere dieser Städte erwar ben um Skanör Land– dänisch ved, niederdeutsch vitte–,wo sie Fisch einsalzten und zur Marktzeit Handel trieben.

Um die Mitte des 13. Jahrhunderts nahm der Schoni sche Markt einen internationalen Charakter an, da ihn auch die Norweger, die Engländer und die Niederländer auf suchten, die in den Quellen umlandsfarer genannt werden, da ihre Schiffe Jütland umfuhren. Wenn auch der gesalzene Fisch der Hauptartikel des Marktes blieb, so verkaufte man dort doch auch Woll- und Leinenstoffe,Salz,Getreide,Häu te und Bier. Dieser Aufschwung dauerte nicht lange, denn es beunruhigte die Deutschen, dass dieser internationale Markt ihrem Handel zwischen Ost und West Konkurrenz machte. Seit dem 13. Jahrhundert bemühten sie sich mit Erfolg darum, den flämischen, friesischen und englischen Schiffen das Befahren der Ostsee zu untersagen. Nach und nach wurden die Schonischen Messen ausschließlich zum Heringsmarkt, auf dem die Hansen sich das Monopol si cherten.

In Richtung Norwegen begann das Vordringen der lübi schen Kaufleute wahrscheinlich gegen Ende des 12.Jahrhun derts. Dort gelangten sie, ebenfalls im Gefolge der Skandina vier, nach Bergen, dem lebhaftesten Hafen des Landes, der schon seit Langem mit Bremen in Verbindung stand. Sie kauften dort Stockfisch, Tran, Butter und Häute und setzten Roggen, Mehl und Malz ab.Man weiß nicht,wie die ersten Beziehungen angebahnt wurden, aber ein Brief Håkons IV. (1248),in dem er Lübeck dringend bat,Getreide zur Abwen dung einer schweren Hungersnot zu senden, lässt erkennen, dass die Lebensmittelversorgung Westnorwegens seit dieser Zeit von der Zufuhr aus Norddeutschland abhing.Diese Tat sache könnte überraschen,wenn mansichdaran erinnert,dass Norwegen im 12. Jahrhundert einen blühenden Handel in der ganzen Nordsee besaß.Anscheinend hatte sich die Bevöl kerung seit dieser Zeit stark vermehrt,und die norwegischen Bauern verstanden es nicht, ihre Produktion zu steigern und wandten sich darüber hinaus angesichts der Konkurrenz des ausländischen Getreides sogar anderen Tätigkeiten zu, was eine königliche Verordnung (1260) vergeblich zu unterbin den suchte.Überdies waren die norwegischen Schiffe für den Transport schwerer Güter in ausreichenden Mengen un brauchbar.

Lübeck verstand es,diese günstige Lage auszunutzen.Es er langte für sich und die anderen wendischen Städte wichtige Privilegien, die ihren Groß- und Einzelhandel erleichterten, indem sie sie von öffentlichen Leistungen befreiten und ih nen rechtliche Garantien gewährten. Der deutsche Einfluss war bereits so stark, dass das Königtum ihn abzuschütteln suchte. Aber die Kraftprobe, die diesem Zweck dienen sollte (1284, vgl. S. 59), festigte die hansische Vormachtstellung in diesem Gebiet nur noch mehr.

Die Ausdehnung des Handels nach Westen

Vom 13.Jahrhundert an ist das deutsche Vordringen auch in der Nordsee nach England und den Niederlanden festzustel len. In diesem Gebiet nahm es nicht wie im Osten und im Norden den Charakter einer starken Einwanderung, einer Kolonisation an.Es blieb völlig im wirtschaftlichen Rahmen, indem Gruppen von Kaufleuten mit den englischen Häfen und mit Brügge immer umfangreichere Beziehungen an knüpften.

Zwischen Köln, Bremen und England bestanden, wie wir bereits sahen, sehr enge Handelsverbindungen. Neu im 13. Jahrhundert war, dass in der Nordsee Kaufleute aus dem Osten– man nannte sie später Esterlinge oder Osterlinge vor allem aus Lübeck, aber auch aus Visby, aus den anderen Ostseehäfen Rostock, Stralsund, Elbing und Riga und auch aus den sächsischen Städten auftauchten und schnell zahlrei cher wurden. Diese Kaufleute kamen noch nicht auf dem direkten Seeweg, aus der Ostsee, da die Umschiffung Jüt lands zu lang und zu gefährlich schien. Sie zogen über Land von Lübeck nach Hamburg, von wo sie sich nach England oder nach Flandern einschifften. Die Seeverbindung zwi schen Nord- und Ostsee wurde erst seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts regelmäßig benutzt, nachdem die Fahrten englischer und niederländischer Schiffe zu den Schoni schen Messen den Anstoß dazu gegeben hatten.

Von der Erlangung ihrer ersten Privilegien in London an hatten die Kölner ihre Tätigkeit in England beträchtlich erweitert,indem sie die politische Verbindung zwischen Wel fen und Plantagenets ausnutzten. Sie hatten 1176 ihre Han delsfreiheit im ganzen Königreich anerkennen lassen, und Richard Löwenherz befreite als Gegenleistung dafür, dass sie drei Schiffe für seinen Kreuzzug bewaffneten, ihre Nie derlassung in London von allen Abgaben. Die Lübecker und die anderen Kaufleute aus dem Osten scheinen zu Beginn des 13. Jahrhunderts begonnen zu haben, die englischen Häfen aufzusuchen, auch dort noch im Gefolge der Gotlän der, zuerst in Lynn und Boston,Yarmouth und Hull,dann in London.

Es ist sicher,dass die Kölner diese Neuankömmlinge,die sie als Eindringlinge betrachteten, mit Missvergnügen auftau chen sahen. Dass diese Konkurrenz unliebsam war, war so offensichtlich, dass Friedrich II. es für nötig hielt einzugrei fen. In dem Privileg für Lübeck von 1226 wandte er sich gegen ihre Übergriffe und erkannte den Lübeckern eine gleichberechtigte Stellung zu.Diese Maßnahme besaß gewiss keine große praktische Bedeutung.Die englischen Herrscher indes waren diesen Ausländern zwangsläufig gewogen, die Ostwaren, Wachs und Pelze in ihr Land brachten. So verlieh Heinrich III. 1237 allen Kaufleuten der Gotländischen Ge nossenschaft seinen Schutz und Zollfreiheit für alle von ihnen in seinem Reich gekauften und verkauften Waren. Da der Handel der Osterlinge zunahm, entschloss sich der König dreißig Jahre später, sie den Kölnern rechtlich gleichzustel len. Er verlieh 1266 den Hamburger und im folgenden Jahr den Lübecker Kaufleuten das Privileg,nach dem Vorbild der Kölner ihre jeweils eigene Hanse zu gründen,wobei die Lü becker zudem von der Haftungspflicht für Schulden Dritter befreit wurden. In diesen beiden Urkunden erscheint zum ersten Mal das Wort hansa für Gruppen von Kaufleuten aus Norddeutschland.

Diese Gunsterweisungen genügten lange nicht, um den Zwist zwischen den Kölnern und den Lübeckern bzw.Ham burgern beizulegen.Es war sicherlich nicht leicht,die Interes sen der sehr alten rheinischen und der neuen ost-westlichen Verkehrslinie miteinander in Einklang zu bringen. Aber die Existenz von drei konkurrierenden Genossenschaften war für alle von Nachteil. Vor allem die Westfalen, die zugleich am rheinischen wie auch am Osthandel beteiligt waren,bekamen diese Nachteile zu spüren.Sie vermittelten also und brachten schließlich 1282 eine Aussöhnung zustande.Von da an gab es in London offiziell nur noch eine einzige »deutsche Hanse« unter der Leitung eines gewählten Ältermanns.Ihm zur Seite, als Verbindungsmann zu den Londoner Behörden,stand seit her ein englischer Ältermann,der das Londoner Bürgerrecht besitzen und durch die Stadt bestätigt werden musste. Es ist bezeichnend, dass der Ältermann dieses entscheidenden Jah res und drei seiner Nachfolger aus Dortmund stammten.Ein im selben Jahr durch den Mayor von London erteiltes Privileg gibt über die Verpflichtungen Aufschluss, denen die Deut schen unterworfen waren: Sie entrichteten jährlich 40 Schil linge für das Grundstück der »Gildhall« und beteiligten sich am Wachdienst und an der Unterhaltung von einem der Stadttore, dem Bishopsgate.

Wenn auch die alten Rivalitäten damit nicht überwunden waren und die Kölner an ihrer Sonderstellung weiterhin fest hielten,was sich schon in den ersten Jahrzehnten des 14.Jahr hunderts während der Auseinandersetzung um die Gültigkeit der Carta Mercatoria (1303, vgl. S. 69) zeigte, kann man trotz demsagen,dass das Jahr 1282 die Geburt des Hansekontors in London bezeichnet.

Erst spät, am Anfang des 13. Jahrhunderts, traten die deut schen Kaufleute,auch die Kölner,in Flandern auf.Diese Tat sache überrascht, wenn man an die Nähe des Rheinlands und an die unvergleichliche Rolle denkt, die Brügge in der Geschichte der Hanse spielte. Sie erklärt sich offenbar aus der Aktivität, die die flämischen Kaufleute noch zu dieser Zeit nicht nur in Köln, sondern auch in Bremen, Hamburg, in den sächsischen und sogar in den Ostseestädten entwi ckelten.

Doch während des zweiten Viertels des 13. Jahrhunderts wurde die Zahl der deutschen Kaufleute,die Brügge und die anderen Häfen am Zwin aufsuchten, merklich größer. Köl ner und Westfalen reisten zweifellos vorwiegend über Land dorthin, während die Kaufleute aus Bremen, Hamburg und Lübeck mehr und mehr auf dem Seewege eintrafen. Im Gegensatz zu den Vorgängen in London kamen Kölner und Lübecker hier nicht miteinander in Konflikt. Es gab keine alten Privilegien, die die Kölner zu verteidigen hatten, und diese waren in erster Linie darum besorgt,ihren Wein in den flämischen Städten abzusetzen; auch lagen für ihren Einkauf von für England bestimmten Tuchen andere flämische oder brabantische Städte viel günstiger.

Die große und wachsende Bedeutung der deutschen Kolo nie spiegelt sich in einem Projekt, das die Gräfin Margarete von Flandern 1252 billigte: Es handelte sich um die Grün dung einer privilegierten deutschen Kaufmannssiedlung bei Damme, in der alle deutschen Kaufleute zusammengefasst werden sollten. Dieses »Neudamme« wäre das Gegenstück des Londoner Stalhofs und des Novgoroder Peterhofs am Ufer des Zwin geworden. Der Plan wurde aber nicht ver wirklicht– vielleicht wegen übertriebener Forderungen der Deutschen und der Zurückhaltung der Brügger,die die Nie derlassung einer Gruppe privilegierter Ausländer beunruhi gen musste; vielleicht auch deshalb, weil die Deutschen, die in verschiedenen Häfen am Zwin lebten, diese Aufteilung schließlich selbst als vorteilhaft empfanden. Jedenfalls war die Folge, dass von den vier großen Kontoren im Ausland das Brügger das einzige war, in dem die Deutschen statt in der Abgeschlossenheit eines eigenen Bezirks mitten unter der Bevölkerung lebten, was in der Tat nicht nur für ihre Geschäfte, sondern auch für ihre kulturellen Beziehungen von großer Bedeutung war.

1252 und 1253 verlieh die Gräfin Margarete von Flandern den deutschen Kaufleuten eine Reihe von Privilegien,die in separaten Ausfertigungen zugunsten der Lübecker,der Ham burger,der Gotland besuchenden und der Kaufleute aus ver schiedenen rheinisch-westfälischen Städten gewährt wurden. Sie erlangten rechtliche Sicherheiten (die Befreiung vom ge richtlichen Zweikampf, von der Haftung für Schulden und Vergehen Dritter sowie vom Strandrecht), die Herabsetzung der Zölle in Brügge und Damme,die umfassend verzeichnet wurden, und eine eigene Waage in Damme.Diese später er weiterten Privilegien legten den Grund für das Aufblühen des Hansehandels in Flandern.

Während der folgenden Jahre wurde der hansische Handel umfangreicher, ohne dass man dieses Wachstum mit Zahlen belegen kann. Dieser Aufschwung entsprach dem von Brüg ge,das im Begriff war,der Weltmarkt des Westens zu werden. Man begegnete dort Kaufleuten aus allen Ländern. Englän der,Schotten und Iren brachten die für die Tuchindustrie un entbehrliche Wolle auf den Markt,Holländer und Friesen ihr Vieh,die Kaufleute aus LaRochelleundBayonneihrenWein; alle iberischen Völker waren vertreten, Basken, Navarresen, Kastilier und Portugiesen,die Wolle und Südfrüchte lieferten. Nach dem Verfall der Champagne-Messen ließen sich zahl reiche Italiener in Brügge nieder und machten es zum wich tigsten Finanzplatz Nordeuropas; seit dem Ende des 13. Jahr hunderts liefen die genuesischen und dann die venezianischen Galeeren mit ihren Gewürzladungen direkt in das Zwin ein.

Die Zahl der Deutschen, die durch die fast unbegrenzten Handelsmöglichkeiten in Brügge angelockt wurden,verviel fachte sich.Die Bremer brachten ihr Bier,das damals sehr be gehrt war; die Lübecker und die Hamburger waren am zahl reichsten, zwei Straßen der Stadt trugen ihren Namen (1282, 1306). Ein Privileg Philipps des Schönen für die deutschen Kaufleute in Flandern nennt die aus den wendischen Städten, aus Gotland,aus Elbing und aus Riga besonders;diese Oster linge lieferten Pelze, Wachs, Asche und Getreide. Von den sächsischen Städten war Braunschweig die aktivste; es stellte demKontor mehrere Älterleute.Von den westfälischen spiel te Dortmund, solange sich Köln im Hintergrund hielt, die weitaus bedeutendste Rolle.Alle diese Kaufleute strömten in erster Linie dort zusammen, um flämische Tuche zu kaufen, die in so reichhaltiger Auswahl angeboten wurden, dass sie alle Kunden zufriedenstellen konnte.

Wenn auch Brügge der eigentliche Mittelpunkt ihrer Tä tigkeit blieb,so suchten sie doch auch andere flämische Städte und besonders die Messen auf,namentlich die von Thourout und Ypern.Aus der Zeit von 1272 bis 1286 sind 31 Wechsel erhalten,in denen die Deutschen als Gläubiger erscheinen:16 betreffen Lübecker, 9 Kölner, je 2 Hamburger,Braunschwei ger und Dortmunder. Schließlich trafen sich die Kaufleute der werdenden Hanse auch auf den Messen der Champagne: In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts werden dort vor allem Kölner genannt, aber auch Westfalen und ein Kauf mann aus Magdeburg.Aber die Lübecker scheinen auch hier wieder einmal die Hauptrolle zu spielen,denn eine Urkunde Philipps des Schönen (1294) berechtigte sie, wenn sie deut sche Waren mit sich führten,auf jedem beliebigen Weg,doch wenn sie in Flandern eingekauft hatten, nur über Bapaume dorthin zu reisen. Sogar ein in Troyes ansässiger Lübecker wird erwähnt, der sich für seine Vaterstadt einsetzte.

Der Niedergang der Gotländischen Genossenschaft

So hatte sich in wenig mehr als einem Jahrhundert der Han del der hansischen Kaufleute in den Meeren Nordeuropas außerordentlich rasch entwickelt. Überall verdrängten die Deutschen ihre Konkurrenten, vor allem in der Ostsee, aber auch in der Nordsee, indem sie nicht davor zurückschreck ten, den Gotländern die Durchfahrt durch die dänischen Meerengen nach Westen, den Friesen, Flamen und Englän dern diejenige nach Osten zu untersagen und sogar den Han del zwischen Norwegen und England an sich zu reißen. In allen Küstenländern hatten sie wichtige Privilegien erhalten, die ihrem Handel neuen Auftrieb gaben.

Die treibende Kraft dieser Expansion war die Genossen schaft der Gotlandfahrer gewesen.Dennoch befand sich diese seit der Mitte des 13.Jahrhunderts im Niedergang.Das ist nur scheinbar paradox. Es war für eine einfache Gruppe von Wanderkaufleuten schwierig, Aufgaben zu bewältigen, die immer umfangreicher wurden, je mehr sich ihre Tätigkeit ausweitete. Andererseits beruhte die Autorität und Macht dieser Gruppe letzten Endes ausschließlich auf der Unterstüt zung,die ihr die Städte gewährten,vor allem Lübeck,wo die meisten Kaufleute zusammenkamen,und Visby,ihr wichtigs tes Handelszentrum. In dem Maße, in dem sich die Städte entwickelten, Beziehungen zueinander aufnahmen und ihre politische Bedeutung vergrößerten,mussten sie mit Argwohn einer Genossenschaft gegenüberstehen, die eine bestimmte Autorität für sich in Anspruch nahm, und deren Beschlüsse sie in kostspielige und gefährliche Unternehmungen verwi ckeln konnten.

So war die Verdrängung der Gotländischen Genossenschaft unvermeidlich;seit der Mitte des 13.Jahrhunderts bestand sie nur noch theoretisch. Das wird in einem 1280 zwischen Lü beck und Visby geschlossenen Vertrag sichtbar,dem sich we nig später Riga anschloss. Diese Städte verpflichteten sich, ihre Kräfte und Hilfsmittel zum Schutz der deutschen Kauf leute, die vom Sund nach Novgorod fuhren, gegen jeden Angriff und Schaden zu vereinigen. Das war eigentlich die Aufgabe der Gotländischen Genossenschaft;aber diese wurde nicht erwähnt.

Es wäre,so scheint es,natürlich gewesen,wenn von diesem Augenblick an eine neue Organisation in Gestalt eines Zu sammenschlusses der interessierten Städte zum Schutz der Kaufleute an die Stelle der alten getreten wäre.Aber zu einem Zeitpunkt, zu dem gerade die ersten regionalen Städtebünde entstanden, war ein so weitläufiger Zusammenschluss ver früht. Statt dessen schienen Lübeck und Visby dazu bestimmt zu sein,gemeinsam diese Rolle zu übernehmen.Aber da bei de danach trachteten, die führende Rolle allein zu spielen, brach ein Konflikt zwischen ihnen aus. Der Kampf um den Einfluss war kurz; die Macht und die Ausstrahlung Lübecks verschafften ihm eine sichere Vorrangstellung.1293 entschied eine Versammlung wendischer Städte, dass der Oberhof für das Kontor von Novgorod von Visby nach Lübeck verlegt werden sollte,und bat um die Stellungnahme aller interessier ten Städte. In fast völliger Einmütigkeit gaben diese, vom Rheinland bis nach Preußen, ihre Zustimmung. Nur Riga, Osnabrück und vielleicht eine oder zwei andere westfälische Städte stimmten, da die lübische Vormachtstellung sie beun ruhigte,für Visby.Die Überlegenheit Lübecks war auffallend: Wie in diesem Augenblick zwei süderseeische Städte begeis tert dorthin schrieben,[4] war es bereits als Haupt der Handels städte Norddeutschlands anerkannt.

Die Gotländische Genossenschaft bestand indes der Form nach immernochweiter.Lübeckscheintbefürchtet zu haben, dass Visby sie benutzen könnte, um seinen eigenen Einfluss wiederherzustellen.Daher führte es 1298 einen Beschluss der wendischen Städteversammlung herbei,nach dem es auf Got land kein Siegel der gemeinen Kaufleute mehr geben durfte, mit dem ein den anderen Städten unerwünschter Akt gesiegelt werden könnte. So sah die Genossenschaft, lange, nach dem ihre Tätigkeit eingeschlafen war, sich nun auch ihrer rechtlichen Grundlage beraubt.

Trotz allem hatte sie eine bedeutende Rolle gespielt,indem sie die Kaufleute mehrerer Dutzend Städte,Binnen- wie See städte, von Köln bis nach Riga,zusammengefasst,ihre Tätig keit koordiniert und Privilegien für sie in den ausländischen Staaten erworben hatte. Als sie verschwand, bestand die Ge meinsamkeit der Interessen,die sie hatte entstehen lassen und die sie ihrerseits gestärkt hatte, weiter. Dennoch musste man bis zur Mitte des 14.Jahrhunderts warten,bevor an die Stelle dieser Frühform hansischer Organisation die Hanse selbst trat.

Auf dem Wege zur dudeschen hense (etwa 1250–1350)

Schon seit den 30er Jahren des 13. Jahrhunderts strebten die Städte danach, die Sicherheit ihrer Kaufleute im Ausland selbst zu gewährleisten und günstige Voraussetzungen für ih ren Handel zu schaffen,zumal mit dem Schutz der Fernhänd ler durch die geschwächte Reichsgewalt,vor allem nach dem Ende der Stauferherrschaft,nicht mehr zu rechnen war.Dazu kam,dass die deutschen Könige und Kaiser des späten Mittel alters ihr Augenmerk vorrangig auf den Ausbau und die Fes tigung ihrer jeweiligen Hausmacht im Süden des Reiches richteten; an den Verhältnissen im Norden, den sie weitge hend sich selbst überließen, zeigten sie wenig Interesse. Um die angestrebten Ziele zu erreichen, schlossen die Städte seit der Mitte des 13.Jahrhunderts bilaterale Verträge mit benach barten Kommunen ab oder fanden sich in förmlichen, zu meist zeitlich befristeten Städtebünden zusammen: in West falen 1246 im Ladbergener Bund (Münster,Osnabrück,Min den, Herford, Coesfeld), 1253 im Werner Bund (Münster, Dortmund,Soest,Lippstadt);im heutigen Niedersachsen ver banden sich um 1246 Northeim und Münden zu gemein samem Vorgehen gegen Gewalt und Unrecht, 1252 Goslar, Hildesheim und Braunschweig (pro bono pacis et statu terre). Östlich der Elbe hatten sich 1241 Lübeck und Hamburg zum Schutz der Fernwege zwischen Trave und Elbe sowie zur gemeinsamen Verfolgung von Friedensbrechern zusam mengeschlossen und dieses Bündnis 1255 erneuert,nachdem sie kurz zuvor eine Münzkonvention über die Anzahl der aus der Mark zu schlagenden Pfennige vereinbart hatten; 1259 schlossen die wendischen Seestädte Lübeck, Wismar und Rostock ein Bündnis zum gegenseitigen Schutz ge gen See- und Straßenräuber, nachdem Wismar 1256 einen Streit zwischen Lübeck und Rostock geschlichtet hatte;1260 trat Wolgast dem Bündnis bei.In den frühen 60er Jahren des 13. Jahrhunderts fasste eine Versammlung nicht genannter wendischer Städte in Wismar verschiedene Beschlüsse, die auf eine engere bündische Zusammenarbeit abzielten und grundsätzlich den Kaufleuten zum Vorteil gereichen sollten, die nach Lübischem Recht lebten;eine weitere Versammlung der Städte bekräftigte 1265 die Beschlüsse und legte zudem fest, dass fortan jährliche Treffen stattfinden sollten, um über die gemeinsamen Angelegenheiten zu beraten. Bis weit ins 15. Jahrhundert hinein wurden in den verschiedenen Regio nen des hansischen Raumes solche Bündnisse mit wechseln den Teilnehmern erneuert und erweitert. Dabei wurden die Instrumente zur Durchsetzung der Bündnisziele verfeinert, die Pflichten der Bündnispartner präzisiert und die Organisa tionsstrukturen verbessert. Mögen auch die im Zuge dessen entwickelten Formen der interlokalen Zusammenarbeit, die häufiger notwendig werdenden Konsultationen und die di plomatischen Erfahrungen im Umgang mit benachbarten Kommunen das allmähliche Zusammenwachsen der nieder deutschen Städte zur Hanse befördert haben,so ist doch fest zuhalten, dass diese Bündnisse weder am Anfang noch später spezifisch »hansische« Einungen waren; sie entstanden viel mehr aufgrund regionaler Erfordernisse (umme not und bederf unser lande),wobei neben dem Schutz der Kaufleute und dem sicheren Zugang zu den Märkten auch die Abwehr landes herrlicher Angriffe auf die städtische Autonomie ein wichti ges Bündnisziel war. Spezifisch »hansische« Bündniszwecke werden in den Urkunden nicht erwähnt.Man muss sich des halb davor hüten, die Hanse als Ergebnis des Zusammen schlusses oder der Vereinigung regionaler Bünde zu betrach ten. Aber diese Bünde zeigen, dass die Städte in dieser Zeit entschlossen waren, im Zusammenwirken mit den benach barten Städten die Interessen ihrer Kaufleute wahrzunehmen, und zwar nicht nur in regionalen,sondern auch in überregio nalen Zusammenhängen. So waren es die bevollmächtigten Vertreter bestimmter Städte (quarundam civitatum), die 1252/ 53 die Flandern-Privilegien zugunsten der deutschen Kauf leute aushandelten, oder die sächsischen Städte, die 1267/68 gemeinsam mit Bremen, Stade, Hamburg und Lüneburg bei der Stadt Gent gegen Übergriffe auf ihre Kaufleute in Flan dern protestierten und Gegenmaßnahmen androhten. 1280 verbündete sich die Gemeinde der Deutschen in Visby mit Lübeck, um für alle Kaufleute die ungehinderte Fahrt zwi schen dem Öresund und Novgorod durchzusetzen;zwei Jah re später schloss sich Riga dem Bündnis an. Damit übernah men die Städte Aufgaben, die eigentlich fürstliche Pflichten gewesen wären.

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurde die Gruppe der preußischen Städte erkennbar,die sich im 14.Jahrhundert zu sammenschloss. Im Unterschied zu den genannten Bünden, deren Mitglieder verschiedenen Herren unterstanden, waren die preußischen Städte alle vom Deutschen Orden abhängig. Der Hochmeister übte deshalb auch, vor allem am Anfang, auf ihre Entscheidungen großen Einfluss aus. Die livländi schen Städte ihrerseits, die nicht so direkt vom Deutschen Orden kontrolliert wurden, begannen seit dem Ende des 13. Jahrhunderts zusammenzuarbeiten, bildeten aber erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine geschlossene Gruppe.

Die ersten Kraftproben: Flandern und Norwegen

In den 80er Jahren des 13.Jahrhunderts begann die Hanse all mählich Gestalt anzunehmen.Zugleich sah sich die werdende Hanse vor große Herausforderungen gestellt. Als das wirk samste Mittel, diese Herausforderungen zu bestehen, erwies sich die Blockade, die Unterbrechung des Handels. Diese Maßnahme gab es ohne Zweifel schon seit Langem,aber bis dahin war sie vor allem eine kluge Reaktion auf Angriffe oder Schikanen gegen die Deutschen gewesen. Von jetzt an griff man zu diesem Mittel, um von der betreffenden Stadt oder dem beschuldigten Land zusätzliche Vorteile zu erlangen.

Bereits im Jahr 1277 ist im Osten ein groß angelegter Plan dieser Art zu erkennen: Als die Russen und Litauer Livland angriffen,verhängten die deutschen Novgorodfahrer und die betroffenen Städte, allen voran Lübeck, die sich mit dem Deutschen Orden und den livländischen Bischöfen abgespro chen hatten,eine Sperre für die Fahrt nach Novgorod;Zuwi derhandelnden wurde die Beschlagnahme ihrer Waren und im äußersten Fall die Todesstrafe angedroht. Wir kennen die Ergebnisse dieses Unternehmens jedoch nicht.

Von viel größerer Tragweite war 1280 der Abbruch der Handelsbeziehungen mit Brügge.Seit einer Reihe von Jahren war die Unzufriedenheit innerhalb der deutschen Kolonie, aber auch die südfranzösischer und iberischer Fernhändler, größer geworden:Beunruhigt durch die Vorteile,welche die Grafen von Flandern den Ausländern eingeräumt hatten,hat ten die Brügger diese Privilegien offenbar immer häufiger missachtet. Hinzu kam, dass sich die Fremden, je stärker ihre Stellung wurde, immer weniger an die Auflagen des Gäste rechts hielten,nur bei Brügger Händlern einzukaufen und an sie zu verkaufen. Als schließlich innerstädtische Unruhen ausbrachen,stand die Sicherheit von Personen und Waren auf dem Spiel.

Weil man aber den Handel mit Flandern und den übrigen fremden Kaufleuten nicht aufgeben wollte, verhandelten im Sommer 1280 deutsche und spanische Kaufleute mit dem Grafen Guido von Flandern. Im August gestattete er ihnen die Niederlassung im nahe gelegenen Aardenburg und räum te ihnen umfangreiche Privilegien ein, darunter das Recht, eigene procureurs zu bestellen, die mit administrativen und jurisdiktionellen Befugnissen ausgestattet waren; außerdem wurde ihnen der direkte Handel von Gast zu Gast zugestan den. Im September bat Lübeck preußische, sächsische, west fälische und andere Städte der werdenden Hanse um Zu stimmung und Unterstützung dieser Maßnahme[5]– erhalten haben sich die Antwortschreiben der Städte Thorn, Stendal, Visby, Halberstadt, Halle, Magdeburg, Goslar, Münster und Dortmund, die, zum Teil unter Vorbehalten, ihre Zustimmung gaben. Daraufhin erfolgte die Stapelverlegung nach Aardenburg.

Brügge litt sofort schwer unter dem Fehlen derer, die sei nenWohlstand gesichert hatten.Es leitete Verhandlungen ein, die jetzt seitens der deutschen Kaufleute von dem Lübecker Ratsherrn Johann von Douai geführt wurden, und fand sich zu großen Zugeständnissen bereit. Infolgedessen kehrten die Kaufleute zusammen mit den übrigen Ausländern zwei Jahre später wieder nach Brügge zurück. Sie hatten außer der Be stätigung ihrer alten Privilegien Erleichterungen für Waage und Gewicht und das Recht erlangt, mit den ausländischen Kaufleuten unmittelbar Handel zu treiben: Die wirtschaft liche Waffe in Gestalt der Stapelverlegung hatte sich als sehr wirkungsvoll erwiesen. Die deutschen Kaufleute vergaßen das nicht, und in den folgenden eineinhalb Jahrhunderten wurde diese Taktik viermal mit unterschiedlichem Erfolg wiederholt.

Ermutigt durch dieses Ergebnis versuchten die niederdeut schen Städte zwei Jahre später (1284) eine erneute Kraftprobe, diesmal gegenüber Norwegen.Auch hier hielt man die Privi legien der deutschen Kaufleute für übertrieben,und der Kö nig versuchte, sie zu beschneiden. Die Kaufleute beklagten sich ihrerseits über »Ungerechtigkeiten«, denen sie ausgesetzt waren.Auf die Nachricht hin,dass ein Schiff durch die Nor weger angegriffen und geplündert worden sei, beschloss die in Wismar zusammengetretene wendische Städteversamm lung die Blockade. Die Verschiffung von Getreide, Mehl, Malz und Bier nach Norwegen wurde unter Androhung ei ner Geldstrafe und der Beschlagnahme der Ladung untersagt. In den dänischen Meerengen wurden Schiffe postiert, um den Schmuggel zu unterbinden. Die wendischen Städte er langten die Beteiligung der pommerschen,Rigas,Visbys und sogar einiger Nordseestädte. Dagegen verweigerte Bremen seine Mitwirkung.Diese Haltung ist bezeichnend für die In teressenkonflikte zwischen den alten und den neuen Tenden zen im Handel, für die bereits der Streit zwischen den Köl nern und Lübeckern in London ein Beispiel gewesen war: Bremen,das seit Langem Beziehungen zu Bergen unterhielt, lag sehr wenig daran, sich an Maßnahmen zu beteiligen, die sich zugunsten der Ostseestädte auswirken mussten.

Die Blockade wurde ein voller Erfolg. Die des deutschen Getreides beraubten Norweger waren nicht in der Lage, es aus England oder anderswoher zu beziehen.»Davon«,berich tet Detmar,»entstand dort so große Hungersnot,dass sie sich zur Sühne verstehen mussten«. Durch schwedische Vermitt lung wurde Friede geschlossen. Norwegen leistete nicht nur Ersatz für die verursachten Schäden, sondern musste den Hansen auch umfangreiche Privilegien zugestehen, die im Vertrag von 1294 niedergelegt wurden: völlige Freiheit, in den norwegischen Häfen bis Bergen Handel zu treiben, im Inneren des Landes einzukaufen,zu verkaufen und Niederla gen einzurichten, ohne königliche oder örtliche Zölle zu entrichten, und die Waren ausschließlich auf ihren eigenen Schiffen zu befördern. Die einzige den Deutschen auferlegte Einschränkung war das Verbot, nördlich von Bergen Handel zu treiben, eine Klausel, die immer beachtet wurde.

In den folgenden Jahren nutzten die niederdeutschen Kauf leute diese Bestimmungen dazu aus, ihre Vormachtstellung zur Geltung zu bringen. Im Außenhandel rissen sie die Ver bindung nach den Häfen der englischen Ostküste vollstän dig an sich, während die englischen Kaufleute nicht in den Genuss entsprechender Vorteile gelangten. Im Innern des Landes erwarben sie zahlreiche Grundstücke und drängten die einheimischen Kaufleute beiseite, indem sie sich sogar eines großen Teils des Einzelhandels bemächtigten. Darüber hinaus ließen sich zahlreiche deutsche Handwerker,vor allem Schuster, in Bergen nieder und verdrängten dort das norwe gische Gewerbe. Dieser beunruhigenden Lage suchte König Håkon V. am Ende seiner Regierungszeit (1299–1318) zu begegnen. Er wollte den Deutschen den Handel außerhalb der Städte und den Winteraufenthalt in den Städten ver bieten, denn es waren vor allem die Vintersitteri, die in die Städte und ins Land hinaus strömten,um Kleinhandel zu trei ben. Er besteuerte auch die Stockfisch- und Butterausfuhr, die nur den Importeuren von Mehl und Malz gestattet war, eine gegen die Hungersnot getroffene Maßnahme, die aber nur eine noch größere Abhängigkeit der norwegischen Wirt schaft zur Folge hatte. Alle diese Vorschriften wurden kaum angewendet und konnten nicht zum erstrebten Ziel führen. Die mangelnde Festigkeit des Königtums, die Schwäche des einheimischen Bürgertums, die Neigung des Adels, sich mit den Ausländern gut zu stellen, vor allem aber der dringende Bedarf an deutschem Getreide sicherten den Hansekaufleu ten in Norwegen einen größeren Einfluss als in allen übrigen Ländern.

In Flandern indes hatte die Blockade von 1280,obwohl sie für den Augenblick einen außergewöhnlichen Erfolg brachte, eine viel weniger dauerhafte Wirkung. Bald erhoben die deutschen Kaufleute wiederum Klagen über die Hindernisse, die man ihrer Tätigkeit in den Weg legte. Nach 1305 wurde eine erneute Verlegung des Kontors nach Aardenburg erwo gen,anlässlich von Beschwerden,unter denen die beim Geld wechseln erlittenen Verluste,für die kein Ersatz geleistet wur de, an erster Stelle standen.Nachdem die Verhandlungen ge scheitert waren, fiel 1307 die Entscheidung. Die deutschen Kaufleute mussten diesmal allein von Brügge nach Aarden burg übersiedeln, aber wiederum kam ihnen die Unterstüt zung des Grafen von Flandern, Robert de Béthune, zugute, der ihnen ein wichtiges Privileg verlieh, das vor allem die Versammlungsfreiheit garantierte.

Wie 25 Jahre zuvor beabsichtigten die Deutschen auch diesmal nicht, ihren Stapel endgültig in Aardenburg einzu richten;Brügge war nicht zu ersetzen.So leitete man schwie rige Verhandlungen ein, die wegen zeitweiliger Unstimmig keiten nicht von den wendischen, sondern von den sächsi schen Städten geführt wurden.Da die Unterhandlungen sich in die Länge zogen, machte der Graf von Flandern ihnen selbst ein Ende, indem er den Ausländern in Aardenburg untersagte, höhere Warengewichte als 60 Pfund zu verwie gen. Die Deutschen kehrten daraufhin nach Brügge zurück (1309), das ihnen ein zugleich fiskalische und wirtschaftliche Angelegenheiten regelndes, umfangreiches Privileg verlieh; es legte ihre Rechte im Hinblick auf den Stapel, die Waage, die Makler und Wirte,den Geldwechsel und die Warentrans porte fest.

So ging diese erneute Kraftprobe wieder einmal mit einem unbestreitbaren Erfolg der werdenden Hanse zu Ende. Die 1338 bestätigten Privilegien von 1307 und 1309 blieben fast zwei Jahrhunderte lang der Rückhalt für ihre Ansprüche und die Grundlage für ihr wirtschaftliches Gedeihen in Flandern. Obwohl wir keinerlei Zahlenmaterial besitzen, ist es sicher, dass ihr Handel im Verlaufe des folgenden halben Jahrhun derts beträchtlich an Umfang gewann. Die Anordnung des Stapelzwangs für englische Wolle in Brügge im Jahr 1313 trug dazu bei, indem sie ihr ein neues Betätigungsfeld eröffnete; vor allem die westfälischen Kaufleute erwarben einen großen Anteil am englischen Wollexport nach Flandern.

Über die innere Organisation des Brügger Kontors zu jener Zeit ist wenig bekannt.Man weiß nicht,ob sich die Kaufleute innerhalb der Genossenschaft nach ihrer Herkunft zusam menschlossen.Erst 1347 arbeitete das Kontor selbst sein erstes Statut aus.[6] Die Genossenschaft der deutschen Kaufleute in Brügge war danach in drei Gruppen,drei »Drittel« (derdendeel) eingeteilt, von denen jedes seine beiden Älterleute wählte (die ihrerseits aus jedem Drittel 6 Beisitzer benannten) und eine eigene Kasse besaß– zum ersten gehörten die Kaufleute der wendischen und sächsischen,zum zweiten die der westfä lischen und der preußischen Städte,zum dritten die Kaufleute der livländischen Städte und von Visby.Diese recht außerge wöhnliche Einteilung in drei Drittel wurde bald darauf ein wichtiges Funktionsprinzip innerhalb der Hanse insgesamt, wobei sich allerdings bald zeigte,dass sich das Zusammenwir ken der preußischen und der westfälischen Städte wegen der großen räumlichen Entfernung nicht realisieren ließ, so dass sich die westfälischen Städte spätestens seit dem 15. Jahrhun dert nach Westen orientierten und gemeinsam mit den niederrheinischen und süderseeischen Städten ihre Interessen wahrzunehmen suchten.

Der dänische Vorstoß und die Krise der Hanse zu Beginn des 14. Jahrhunderts

Am Ende des 13.Jahrhunderts schien es,als ob sich die Hanse, die sich durch ihr erfolgreiches Eingreifen im Ausland zuneh mend festigte,unter Führung Lübecks und der übrigen wen dischen Städte endgültig organisieren würde. Dazu kam es jedoch nicht. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts brach eine ernste Krise aus,die die Solidarität der wendischen Städte auf eine schwere Probe stellte. Der Zusammenhalt der Gemein schaft selbst wurde erschüttert und die Entwicklung zur Han se verzögert.

Der Ursprung der Krise ist vor allem in dem Willen der norddeutschen Fürsten zu suchen, ihre Gewalt über die un abhängig gewordenen Städte zurückzugewinnen. Unter an derem hatten sich die Grafen von Holstein seit Heinrich dem Löwen niemals damit abgefunden, völlig aus Lübeck ver drängt worden zu sein, aber ihre Anstrengungen waren seit einem Jahrhundert ohne Ergebnis geblieben; ebenso wollten die Mecklenburger Fürsten ihre Rechte über Wismar und Rostock zurückgewinnen. Was den Fürsten zur Verwirkli chung ihrer Wünsche fehlte,waren Geldmittel und Truppen. Jetzt aber war der dänische König Erik VI. Menved (um 1274–1319) bereit, ihnen beides zur Verfügung zu stellen. Daraus resultierte eine Reihe von Fehden, in denen sich die wendischen Städte häufig in verschiedenen feindlichen Lagern befanden.

Erik Menved nahm ein Jahrhundert nach Waldemar dem Siegreichen dessen Ausdehnungspolitik in Norddeutschland wieder auf. Um 1300 überließ der Fürst von Mecklenburg, dessen Hilfsmittel nach einem Konflikt mit dem Markgrafen von Brandenburg erschöpft waren, Dänemark seine Rechte in der Stadt Rostock und deren Territorium.Erik zog heran und nahm die Stadt ohne Schwierigkeiten in Besitz (1302). Fünf Jahre später erlangte er von dem Habsburger Albrecht I. die Bestätigung des Privilegs Friedrichs II. aus dem Jahr 1214, das die dänische Vorherrschaft in den Gebieten östlich der Elbe anerkannte.Lübeck als Reichsstadt wurde davon ausge nommen, aber diese Einschränkung blieb ohne praktische Wirkung.

Lübeck stand in diesem Augenblick in einem erbarmungs losen Kampf gegen die mit dem Mecklenburger verbündeten Grafen von Holstein. Es verband sich seinerseits mit den Herzögen von Sachsen und von Schleswig, sowie mit Ham burg, es rief die anderen wendischen Städte um Unterstüt zung an,erhielt aber von Rostock nur ein Schreiben,das seine Teilnahme ausdrückte. Im Jahr 1307 sah die belagerte Stadt, deren Gebiet verwüstet war, in ihrer verzweifelten Lage kei nen anderen Ausweg mehr,als den dänischen König um Ver mittlung zu bitten. Dieser zwang den Kriegführenden rasch Frieden auf, aber die Stadt musste ihn zehn Jahre lang als Schutzvogt anerkennen und ihm eine jährliche Abgabe von 750 Mark lüb. zahlen. Die wendischen Städte befanden sich auf diese Weise alle direkt oder indirekt unter der Gewalt Eriks. Es dauerte aber nicht lange, bis diese Einheit zerbrach. Stralsund, Greifswald, Rostock und Wismar,die entschlossen waren, sich den Ansprüchen ihrer Herren zu widersetzen, schlossen 1308 ein Verteidigungsbündnis. Lübeck, das zum Beitritt aufgefordert wurde, weigerte sich, um sich nicht den Zorn Eriks zuzuziehen,und als es zwei Jahre später doch ein willigte, dem Bündnis beizutreten,geschah das unter der aus drücklichen Bedingung, dass es nicht gegen den König von Dänemark gerichtet sei.

Diese Haltung, »die ihnen zu großem Nutzen geriet«, wie der Chronist Detmar schrieb, versetzte jedoch dem Ansehen Lübecks einen schweren Schlag. Indem es den dänischen Schutz annahm und seinen Nachbarnin ihrem Kampf um die Unabhängigkeit seinen Beistand versagte, wurde das »Haupt der Hanse«der Führerrolle unwürdig,die es bis dahin so glän zend gespielt hatte. Die Folgen ließen nicht auf sich warten. An den Verhandlungen, die zu diesem Zeitpunkt mit dem Grafen von Flandern geführt wurden, um die nach Aarden burg abgewanderten deutschen Kaufleute nach Brügge zu rückzuführen,nahm Lübeck nicht teil.Am anderen Ende der hansischen Welt nutzte Visby die Situation aus und gewann sein Appellationsrecht für die Prozesse des Kontors von Nov gorod zurück.Einige Jahre später schließlich ergriff Håkon V. eine Anzahl von Maßnahmen,um die Stellung der deutschen Kaufleute in Norwegen zu schwächen.

In der Zwischenzeit hatten sich Erik VI.und sein Vasall,der Fürst von Mecklenburg, entschlossen, die Städte des Landes gewaltsam wieder ihrer Herrschaft zu unterwerfen.Die erste, Wismar,musste trotz der von Rostock und Stralsund geleiste ten Hilfe nach einigen Monaten Belagerung kapitulieren und die von dem Fürsten diktierten Bedingungen annehmen (1311). Dann kam Rostock an die Reihe, das einer fürstli chen Koalition verzweifelten Widerstand leistete. Als der Rat nach den ersten Niederlagen zum Frieden neigte, brach ein Aufstand aus, den die zum Widerstand bis zum Äußers ten entschlossenen Handwerker angezettelt hatten. Einige Ratsmitglieder wurden getötet, andere verbannt, und ein neuer Rat trat an die Stelle des alten. Das war der erste der (nicht nur) in den Seestädten in der Folgezeit so häufigen Stadtkonflikte. Trotz allem musste man erneut kapitulieren (Dezember 1312).Rostock hatte eine schwere Geldbuße von 14.000 Mark zu zahlen,musste dem König von Dänemark in die Hände des Fürsten von Mecklenburg den Treueid leisten und kurz darauf den Rat wiederherstellen. Wenige Jahre später wurde auch Stralsund angegriffen (1316). Aber dank der Intervention des Markgrafen von Brandenburg konnte es erfolgreich Widerstand leisten und sich schließlich seine Privilegien bestätigen lassen.

Trotz dieses Erfolges war die Lage ernst, und die Zukunft der Hanse schien gefährdet.Materiell waren die Städte infol ge ihrer Kämpfe verarmt. Politisch hatten fast alle der Ein schränkung ihrer Autonomie zustimmen müssen. Moralisch enthüllten die Abdankung Lübecks und die mangelnde Soli darität zwischen den wendischen Städten die Schwäche des Zusammenhalts innerhalb der sich formierenden Hanse. Es schien, als ob von nun an jede Stadt versuchen musste,zu ei ner Verständigung mit ihrem Herrn zu kommen und auf die Interessengemeinschaft mit den anderen Städten zu verzich ten. Eine solche Politik hätte das Ende der Gemeinschaft bedeutet.

Die Krise wurde indes nach dem Tod Erik Menveds (1319) rasch gemildert.Dänemark war durch eine zu große militäri sche und finanzielle Anstrengung erschöpft, die Krongüter waren zum großen Teil an einheimische oder fremde Adlige veräußert. Da das Königtum ohnmächtig war, versank das Land in Anarchie,und von einer Fortsetzung der Expansions politik war nicht mehr die Rede. Ganz im Gegenteil: Die norddeutschen Fürsten machten sich diese Anarchie zunutze und richteten ihren Ehrgeiz auf Dänemark. Sie gaben es auf, ihre Städte beherrschen zu wollen, und bemühten sich von jetzt an, sie zur Teilnahme an ihren Unternehmungen zu ge winnen. Dänemark wurde zwanzig Jahre lang das Feld einer deutschen Expansion, vor allem von Adligen, aber in ihrem Gefolge auch von Kaufleuten,Handwerkern und sogar Bau ern.Da die Ursachen der Uneinigkeit ausgeräumt waren,ge wannen die wiederum solidarischen wendischen Städte ihre alte Autorität über die sich zunehmend festigende Hanse wieder zurück.

Die Hauptrolle bei dieser an verwirrenden Wechselfällen reichen Durchdringung Dänemarks spielte der regsamere der beiden holsteinischen Grafen, Gerhard (Gert) mit dem Bei namen der Große. Eineinhalb Jahrzehnte lang war er der wahre »ungekrönte König« von Dänemark, umso mehr, als das Land acht Jahre lang ohne Herrscher gewesen war.Er ließ sich mit dem Herzogtum Schleswig belehnen,das zum ersten Mal in der Geschichte auf diese Weise mit Holstein vereinigt unter der Herrschaft eines deutschen Fürsten stand.

Der Zustrom der Deutschen nach Dänemark hatte indes bei Weitem nicht nur günstige Folgen für die Interessen der niederdeutschen Kaufleute. Die Übergriffe der Einwanderer forderten den nationalen Widerstand heraus, und 1332 wurden Hunderte von Deutschen,darunter zahlreiche Kaufleute, in Schonen getötet.Vor allem hatte die Anarchie ein gefährli ches Wiederansteigen des See- und Straßenraubs zur Folge. Gert bemühte sich mit der Unterstützung Hamburgs und Lübecks darum, ihn einzudämmen, war dabei aber nur sehr wenig erfolgreich;ein großes Friedensbündnis,das 1338 zwi schen den Städten und 13 norddeutschen Fürsten geschlossen wurde, war auch nicht wirkungsvoller.

Der Tod Gerts (1340), der von einem dänischen Adligen erschlagen wurde, schien die Verwirrung noch zu steigern. Der neue Graf von Holstein zeigte sich außerordentlich städ tefeindlich, als er mit Unterstützung Schwedens die Schiffe und das Gebiet von Lübeck angriff.Da es über diese Angriffe beunruhigt war und darüber hinaus eine Zunahme des See raubs befürchtete, zog es Lübeck vor, die Thronbesteigung des neuen dänischen Königs,des jungen Waldemar IV.Atter dag, zu begünstigen. Es war damals, angesichts der Anar chie, in die das Königreich gestürzt war, und der Vorherr schaft deutscher Adliger, unmöglich vorauszusehen, dass die ser Fürst nach zwanzig Jahren geduldiger Anstrengungen ein mächtiger Herrscher und ein furchtbarer Gegner der Hanse werden sollte. Im Augenblick zeigte sich der König voll gu ten Willens, indem er Lübeck Privilegien einräumte und den wendischen Städten seine Unterstützung versprach.1343 übergab er Schonen an Schweden,drei Jahre später verkaufte er dem Deutschen Orden für 19.000 Mark seine Besitzungen in Estland, schien also in diesem Gebiet auf die Expansions politik zu verzichten, welche die Städte oft beunruhigt hatte. In Wirklichkeit sicherte er sich auf diese Weise die für die Wiedererstarkung der königlichen Macht nötigen Hilfsmit tel, in der Absicht, die Politik seiner Vorgänger in Nord deutschland wieder aufzunehmen.

In der Mitte des 14. Jahrhunderts war diese Gefahr aber noch nicht zu erkennen.Nach einer langen Zeit der Heimsu chungen blühte die Hanse trotz der in ihrem Raum herr schenden Seeräuberei erneut auf; die Solidarität unter den Mitgliedern der Gemeinschaft war wiederhergestellt, und Lübeck hatte seine führende Stellung zurückgewonnen. Seit der Krise scheinen die Städte ein berechtigtes Misstrauen ge genüber den Fürsten bewahrt zu haben,die sie zu unterwer fen trachteten,sich ihrem Bund in den Weg stellten und sie in Abenteuer verwickelten, die ihren Interessen widersprachen. Die kluge Politik, die die Hanse kurz danach gegenüber Dänemark trieb, zog dann die Lehren aus den gemachten Erfahrungen.

Die wirtschaftliche Expansion in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts: England

Trotz der politischen Krise ist die erste Hälfte des 14. Jahr hunderts durch einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung der zunehmend Gestalt gewinnenden Hanse gekennzeichnet. Leider wissen wir in dieser Hinsicht sehr wenig über diese Periode,die der Blütezeit der Gemeinschaft unmittelbar vor ausgeht. Zahlenangaben finden sich noch selten, die Rezesse der wenig zahlreichen Regionaltage sind nicht sehr lehrreich, und der Wortlaut der empfangenen Privilegien bringt kaum Einzelheiten.

Man erkennt aber überall die Anzeichen einer zuneh menden Aktivität. Die Bevölkerung der Städte nimmt durch die Ankunft neuer Zuwanderer weiter zu;viele von ihnen er weiterten ihre Mauern. Wir haben bereits vom Wirken der deutschen Hansen in Flandern und von der Ausdehnung ih res Einflusses in Skandinavien gehört. Im Osten wird 1311 von der Beschlagnahme von fast 50.000 Pelzen, die Deut schen gehörten, durch die Stadt Pleskau berichtet, und im Winter 1336/37 bestätigt die Anwesenheit von 160 Kaufleu ten im Peterhof das Gedeihen des Kontors von Novgorod.In Preußen errichtete der Deutsche Orden nach der Überwin dung des letzten Widerstands seinen Sitz in der Marienburg (1309), was gewiss seinen Handel förderte, der am Ende des 14. Jahrhunderts sehr bedeutend war.Aber all dies bleibt sehr fragmentarisch.

Es gibt gleichwohl ein Gebiet,in dem man den wirtschaft lichen Aufschwung der niederdeutschen Kaufleute ein wenig besser verfolgen kann,und das ist England.Auch dort verstan den es die Deutschen,ihre Privilegien,die sie im 13.Jahrhun dert erworben hatten, zu erweitern. Im Jahr 1303 verlieh Eduard I. allen Ausländern, gleich welcher Nationalität, das große, als Carta Mercatoria bekannte Privileg als Ausgleich für eine Erhöhung der Zolltarife für den Export von Wolle und Häuten.Sie wurden von allen Abgaben und Diensten inner halb des Königreichs befreit,durften sich überall niederlassen und mit Ausländern wie mit Einheimischen Großhandel trei ben;sie erhielten rechtliche Garantien und wurden gegen die Übergriffe königlicher Beamter geschützt. Diese außerge wöhnlichen Vorrechte wurden zwar durch Eduard II. wider rufen,da sie den erbitterten Widerstand der englischen Kauf leute hervorriefen. Aber diese Maßnahme richtete sich vor allem gegen die Italiener,die den größten Einfluss besaßen,so dass die Deutschen die Bestätigung ihrer Privilegien erhielten und schließlich die alleinigen Nutznießer der Carta Mercatoria blieben; darüber hinaus schaffte man für sie das Prinzip der kollektiven Haftung für Schulden oder Vergehen von einem von ihnen ab.In Eduard III.fanden die Deutschen schließlich einen ihren Unternehmungen sehr gewogenen Herrscher, dessen Wohlwollen während seiner langen Regierungszeit fast nie nachließ.

Die Zunahme der von den Deutschen(den mercatores de reg no Alemanie habentes domum in civitate Londoniensi,que gildhalla Theutonicorum vulgariter nuncupatur) in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in England getätigten Geschäfte äußert sich unter anderem in der dauernden Niederlassung einer großen Zahl von ihnen in diesem Land. Der Erwerb der englischen Staatsangehörigkeit,für die das erste Beispiel bereits 1309 be gegnet, vollzog sich zuerst in Form der Zulassung zum Bür gerrecht einer Stadt. Da dieses Verfahren zu Schwierigkeiten geführt hatte,ging die Krone seit 1324 dazu über,Ausländern das Indigenat zu verleihen, indem sie ihnen die gleichen Rechte und wirtschaftlichen Privilegien wie den englischen Kaufleuten im ganzen Königreich zuerkannte. Diese Gunst wurde vor allem den einflussreichsten Deutschen gewährt,in erster Linie den Gläubigern des Königs,wie zwei Mitgliedern der mächtigen Familie Sudermann aus Dortmund,und dann vielen anderen.Zu dieser Zeit und bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts war das Heimatrecht in England mit dem Genuss der Hanseprivilegien nicht unvereinbar. Diese Natu ralisierungen trugen sogar vorzüglich dazu bei, die Tätigkeit und den Einfluss der deutschen Kaufleute auszudehnen, in dem sie die Beziehungen zu den englischen Kaufleuten und zum Hof begünstigten.

Seit dieser Zeit waren die von den Deutschen nach Eng land eingeführten Waren hauptsächlich Rheinwein, den die Kölner brachten, Holz und Getreide aus Preußen, Pelze und Wachs aus Russland,die die Osterlinge lieferten.Durch einen Zufall kennen wir die Bedeutung, die die Engländer den Wachslieferungen, dem Monopol der Deutschen, beimaßen. Als 1309 im Königreich Wachsmangel herrschte und der Preis sich infolgedessen verdoppelt hatte, wurden die Deut schen angeklagt,durch den Beschluss,den Import dieses Pro dukts einzustellen, ein Komplott gegen die Krone geschmie det zu haben. Als sie vor eine Untersuchungskommission geladen wurden, hatten sie große Mühe, ihre Unschuld zu beweisen.

Die Engländer exportierten damals hauptsächlich Wolle und in zweiter Linie Metalle.Dem System von Ausfuhrlizen zen, das Heinrich III. anlässlich eines Konflikts mit Flandern eingerichtet hatte,und den Zollabrechnungen verdanken wir eine Reihe von Zahlen– die ersten– über den Anteil der Deutschen am Wollhandel. 1273 entfielen von insgesamt 32.784 Sack Wolle (jeweils etwa 166 kg),die durch 681 Kauf leute exportiert wurden, auf die 49 Hansekaufleute 1440 Sack.Sie rangierten an fünfter Stelle,weit hinter den Englän dern (11.415), den Italienern (8000), den Franzosen, in deren Zahl auch die Flamen enthalten sind (7150),und den Braban tern (3678).Ihr Anteil betrug 4,4 % vom gesamten oder 6,7 % vom Wert des Exports der Ausländer allein; das ist ein bescheidener Anteil, aber man darf nicht vergessen, dass der Wollhandel von ihnen nur nebenbei betrieben wurde. Drei Jahre später sind die Zahlen fast gleich geblieben.Am Anfang des 14. Jahrhunderts ergibt sich für die Hansekaufleute in Boston 1303 ein Anteil von 33 % am »neuen Zoll«, der vom Wollexport erhoben wurde,und 1310/11 ein Anteil von 54 %. Der Höhepunkt wurde während der außergewöhnlichen Jahre 1339–42 mit einer jährlichen Ausfuhr von 3500 Sack erreicht.

Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts begannen auch, nach demVorbild der Italiener,einige Deutsche,vor allem westfäli sche Kaufleute aus Dortmund,Kreditgeschäfte zu tätigen,in dem sie entweder geringe Beträge an kleine Leute in London oder große Summen an den König ausliehen.Das älteste be kannte Beispiel stammt aus dem Jahr 1299:Eduard I. lieh sich 500 Mark Sterling von einer Gruppe von niederdeutschen Kaufleuten,zu denen ein Lübecker,ein Kölner und ein Dort munder gehörten. Eduard II. lieh sich ebenfalls 1317 mehr mals Geld in der Höhe von insgesamt 416 Pfund Sterling von einigen Mitgliedern der Familie Revele aus Dortmund.

Aber erst mit Eduard III. vergrößerte sich das deutsche Kreditgeschäft. Um den Krieg in Frankreich führen zu kön nen,brauchte der König sehr viel Geld.Er scheute sich nicht, außer von seinen italienischen und englischen Hauptgeldge bern auch von den Deutschen finanzielle Hilfe zu erbitten und bewilligte ihnen als Gegenleistung Lizenzen für die Aus fuhr von Wollsäcken,Zollnachlässe und die Verpachtung von Zolleinkünften.1338 lieh er sich von vier Dortmunder Kauf leuten, von denen zwei zur Familie Sudermann gehörten, 1200 Pfund gegen Lizenzen für 400 Sack. Im selben Jahr erhielt er im Verlauf einer glanzvollen Reise an den Rhein von vier Kölnern 750 Pfund und kurz danach von Kaufleu ten aus Dortmund verschiedene Darlehen, von denen eines 5000 Pfund betrug. Das waren verhältnismäßig geringe Be träge, wenn man bedenkt,dass er 1339 den Bardi und Peruz zi 210.000 Pfund und dem Engländer William de la Pole 76.000 Pfund schuldete. Außerdem verpfändete er im Februar seine große Krone für 50.000 Schildgulden (écus d’or) an den Erzbischof von Trier und dann seine kleine Krone und die der Königin für fast 10.000 Schildgulden (mehr als 1500 Pfund) an Kölner Finanzleute.

Um ihre Rechte besser vertreten zu können,schlossen sich alle seine deutschen Gläubiger 1339 zu einem Konsortium mit mindestens 13 Mitgliedern zusammen, fast alle große westfälische Kaufleute, denen sich ein neuer Mann anschloss, TidemannLimberg,der kühnste und aktivste von diesen Spe kulanten. Bereits im ersten Jahr seines Bestehens lieh das Konsortium dem König mehr als 18.000 Pfund, die in der Hauptsache an verschiedenen niederländischen Plätzen zahl bar waren.Im Mai 1340 erhielt er ein erneutes Darlehen von 8300 Pfund gegen Ausfuhrlizenzen für 3386 Sack Wolle und die Zolleinnahmen in 15 englischen Häfen bis zur Tilgung der königlichen Schuld; weitere Darlehen im Betrag von etwa 10.000 Pfund wurden in den beiden folgenden Jahren gewährt. Vielleicht der größte Dienst, den das westfälische Konsortium Eduard III. erwies, war die Einlösung der kö niglichen Kronen, die die Gläubiger zu verkaufen drohten: Es bot dem Erzbischof von Trier 45.000, dann den Kölnern 4400 Schildgulden,und die Juwelen konnten schließlich 1344 zurückgewonnen werden.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das deutsche Konsortium gerade aufgelöst, weil der König, indem er dem Druck der englischen Kaufleute nachgab, ihm die Erhebung der Zölle entzogen hatte. Überdies begann die Mehrzahl seiner Mit glieder die Risiken dieser Operationen zu fürchten und neig te dazu, auf finanzielle Spekulationen zu verzichten. Der Bankrott der Bardi und Peruzzi 1345 und die zunehmende Feindseligkeit der englischen Kaufleute konnten sie in diesem Entschluss nur bestärken; sie kehrten wieder immer stärker zu ausschließlich kaufmännischen Unternehmungen zurück. Limberg war einer der letzten,die sich von den Spekulations geschäften abwandten. Die bedeutende finanzielle Rolle, die die westfälischen Kaufleute in Nachahmung der Italiener in England gespielt hatten, blieb also eine Episode ohne Folgen in der Geschichte der Hanse. Sie hatte nichtsdestoweniger den beträchtlichen Einfluss gezeigt,den die Deutschen in die sem Land gewannen,einen Einfluss,der sich in den folgenden Jahrhunderten weitgehend behauptete, indem er sich auf die Handelsgeschäfte beschränkte.

Der Schwarze Tod (1350)

In dem Augenblick, in dem sich die Hansestädte in vollem Aufschwung befanden, wurden sie wie ganz Europa von der Katastrophe des Schwarzen Todes getroffen.Seit dem Herbst 1349 erschien die Geißel,wohl aus England eingeschleppt,in Schweden und Preußen.DasRheintal herabkommend,über fiel sie serpentino modo im Dezember Köln.Für den gesamten Hansebereich wurde das Jahr 1350 zum Schreckensjahr. Aus dem Westen nach Friesland, von Jütland und Gotland zu den deutschen Küsten vordringend, erreichte die Seuche im Sommer ihren Höhepunkt.Auf Brandenburg griff sie zuletzt, zu Beginn des Jahres 1351, über.

Norddeutschland war offenbar eines der am schwersten be troffenen Gebiete Europas. Gewiss, manche phantastischen, von den Chronisten überlieferten Zahlen bezeugen nur die Erinnerung an das Entsetzen, das die Geißel hinterlassen hat; ein Überlebender auf zehn Einwohner in einer großen An zahl von Städten nach Detmar (Ende des 14. Jahrhunderts), 9000 Tote in Elbing,11.000 in Münster,90.000 (!) in Lübeck nach Reimar Kock (16. Jahrhundert). Aber bestimmte Ein zelangaben sind überzeugender.Nach dem Chronisten Hein rich von Lamspringe überlebten im Franziskanerkloster in Magdeburg lediglich drei Brüder und in seinem eigenen Hausvon zehn Personen nur zwei;nacheiner anderen Quelle soll man auf einem Gut im östlichen Preußen nur noch eine Magd angetroffen haben,die in den Gewändern ihrer Herrin daherstolzierte.

Die am schlimmsten betroffene Stadt scheint Bremen ge wesen zu sein. Eine namentliche Liste der Opfer, die auf Anordnung des Rats aufgestellt wurde, enthält 6966 Namen, denen man noch 1000 nicht identifizierte Opfer hinzurech nen muss. Wir kennen leider die Einwohnerzahl der Stadt aus dieser Zeit nicht, aber man darf kaum mehr als 12.000 bis 15.000 Seelen annehmen,so dass man sehr wohl die Zahl der Opfer auf mehr als die Hälfte, vielleicht sogar auf zwei Drittel schätzen muss.In Hamburg kamen 12 von 34 Bäcker meistern, 18 von 40 Fleischermeistern, 27 von 50 städti schen Bediensteten, 16 von 21 Ratsmitgliedern um. Von an deren Städten kennen wir nur die Anzahl der Toten des Rats: 11 von 30 in Lübeck, dazu 2 von 5 Stadtschreibern; 42 % in Wismar, 36 % in Lüneburg,30 % in Bremen,27 % in Reval. Diese Prozentsätze können offensichtlich nicht auf die Ge samtheit der Stadtbewohner übertragen werden,da die Rats herren je nach den Umständen der Ansteckung entweder stärker ausgesetzt oder im Gegenteil in der Lage waren, sich ihr eher zu entziehen. Sie lassen jedoch die Vermutung zu, dass die Anzahl der Opfer in den Hansestädten selten geringer als ein Viertel war.

Es ist leichter, sich die tiefgreifenden Störungen vorzustel len,die die Pest verursachte,als sichere Zeugnisse dafür nach zuweisen: für den Rückgang der landwirtschaftlichen und gewerblichen Produktion, die Lähmung des See- und Bin nenverkehrs, den Rückgang der Geschäfte infolge des Todes der Unternehmer oder ihrer Partner.Noch schwieriger ist es dagegen,die unmittelbaren und späteren Folgen der Katastro phe für die Entwicklung der Hansestädte zu ermessen.

Vom Gesichtspunkt der Bevölkerungsgeschichte aus gese hen scheint es,als ob die Verluste der städtischen Bevölkerung ziemlich schnell durch die bäuerliche Zuwanderung ausge glichen worden seien. Wahrscheinlich wurde einige Jahre lang die Zulassung zum Bürgerrecht erleichtert. Jedenfalls ist überall eine zahlenmäßige Zunahme neuer Bürger zu beob achten. Für das Jahr 1351 ergeben sich in Lübeck 422 neue Bürgeraufnahmen gegenüber einem Mittel von 175 für die Zeit von 1317 bis 1349.In Hamburg und in Lüneburg lauten die entsprechenden Zahlen 108 gegenüber 59 und 95 ge genüber 29. Der Zuzug bleibt ein Jahrzehnt lang groß, dann wird er wieder geringer. Man kann annehmen, dass die alte Einwohnerzahl im Verlaufe von 15 Jahren wieder erreicht und oft überschritten wurde. Die städtischen Räte, die ihre verstorbenen Mitglieder ersetzen mussten, scheinen nahezu ausschließlich Vertreter der großen Familien gewählt zu ha ben. In Lübeck ist der Eintritt von höchstens zwei oder drei homines novi festzustellen. Insgesamt hat die Pest also kaum eine Veränderung in der patrizischen Struktur der führenden Versammlungen zur Folge gehabt.

Im Hinblick auf den Grundbesitz sind ebenfalls schwere unmittelbare Störungen nach der Seuche festzustellen,die je doch nach Ablauf einiger Jahre wieder nachließen. Überall führte die Pest zu einer beträchtlichen Umschichtung des Grundbesitzes.In Lübeck,wo mindestens 27 % der Grundbe sitzer umgekommen waren,verzehnfachte sich der Ertrag des Erbschaftszehnten im Jahr 1351 gegenüber 1350 und war 1353 noch achtmal höher.Es kam auch deswegen öfter zu Grund stückswechseln, weil die Erben häufig gezwungen waren,ih ren ererbten Grundbesitz zu verkaufen, da sie die Renten nicht zahlen konnten, mit denen dieser belastet war. Ohne Zweifel hatte die Pest eine Konzentration des Reichtums in weniger Händen als zuvor zur Folge.Dies rief wahrscheinlich– ohne dass man diese Hypothese beweisen könnte– eine größere Nachfrage nach Luxusgütern und eine wenigstens zeitweise Verminderung der Konsumgüter hervor.

Im Hinblick auf die Finanzen schließlich verursachte die Pest eine ziemlich schwere Krise.Das Geld wurde knapp,und der Wechselkurs stieg. Vor allem wurden die kleinen Leute durch diese Störungen getroffen, aber die Handelsunterneh men wurden ebenfalls geschädigt, da sich ihnen das Kapital zugunsten von Renten entzog,die für sicherer gehalten wur den; auch scheinen die Rentengeschäfte durch die Depres sion nicht beeinträchtigt worden zu sein. Indes war auch in diesem Bereich die Krise nicht von Dauer,und zumindest in Lübeck wurde die Lage um 1355 wieder normal.

Es ergibt sich die Frage,welches die länger dauernden Fol gen des Schwarzen Todes für die Hanse gewesen sind. Zweifellos hatte die Entvölkerung Westdeutschlands den Stillstand der Ostwanderung zur Folge– oder verstärkte eine bereits seit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wahrnehmbare Verlangsamung.Und das umso mehr,als sich von nun an häu fig mörderische Seuchen alle zehn oder fünfzehn Jahre wie derholten. Es ist ebenso sicher, dass dieser Stillstand für die Ausdehnung und Festigung der Stellung der Deutschen im Osten von Nachteil war, die des bäuerlichen Zustroms be raubt wurden, der ihre Stärke ausgemacht hatte. Es ist viel weniger sicher, ob die Rückschläge auch für die Städte, vor allem für die Hanse und ihren geschäftlichen Aufstieg von Nachteil waren; denn die durch die Seuchen in der städti schen Bevölkerung gerissenen Lücken wurden gewöhnlich ziemlich rasch durch die bäuerliche Zuwanderung wieder geschlossen.Und obwohl darüber keine genauen Zahlen vor liegen, ist es sehr wahrscheinlich, dass im Ganzen die Hanse städte im 15. Jahrhundert mehr Einwohner hatten als in der Mitte des 14. Man kann also wohl sagen, dass der Schwarze Tod in der Geschichte der Hanse nur eine dramatische Episo de gewesen ist.

Die Hanse auf dem Höhepunkt ihrer Geltung (etwa 1350–1400)

Um die Mitte des 14.Jahrhunderts hatte die Hanse endgültig Gestalt angenommen, nachdem auch in Brügge und Bergen organisierte Kontorgemeinschaften entstanden waren,die ge samthansische Tagfahrt sich als das maßgebliche Leitungsor gan etabliert und die Kontore ihrer Aufsicht unterstellt hatte. Seit dieser Zeit verstand sie sich selbst als die dudesche hense und wurde auch von außen als solche wahrgenommen.Frei lich geschah dies in einer Zeit,in der sich die Hanse vor große Herausforderungen gestellt sah: einen wirtschaftlichen Kon flikt mit Flandern und einen Krieg mit Dänemark.

Der Konflikt mit Flandern

Schon vor der Jahrhundertmitte hatten sich die Beziehungen zwischen der Hanse und Brügge erneut verschlechtert. Der Hauptgrund dafür war der Hundertjährige Krieg. Zur See und auf dem Land erlitten die Kaufleute schwere Verluste und forderten auf Grund ihres Geleitprivilegs von der Stadt und von dem Grafen von Flandern Entschädigungen, die ihnen verweigert oder hinausgezögert wurden. Darüber hinaus be klagten sie sich, dass sie im Widerspruch zu ihren Freiheiten Zölle bezahlen sollten.Deshalb begann Lübeck mehr noch als die anderen Städte eine erneute Verlegung des Kontors zu er wägen.

Ein Zwischenfall verschärfte den Konflikt im Jahr 1351.Ein Schiff aus Greifswald war beim Einlaufen in das Zwin durch ein englisches Kaperschiff aufgebracht, auf offene See ge schleppt und geplündert worden. Der englische Seeräuber wurde,nachdem man ihn auf der Höhe von Sluis gestellt hat te, dem Gericht übergeben und unter dem Druck des Hanse kontors verurteilt. Als Repressalie ließ Eduard III. die Güter der Hansekaufleute in England beschlagnahmen, hob dann seine Maßnahmen wieder auf und verlegte,indem er sich ge gen Brügge wandte,das jeder Erörterung auswich,den Woll stapel von Brügge nach England zurück.

Das Kontor gab sich jedoch nicht zufrieden,sondern stellte neueForderungen,vor allem nach demRechtaufeineeigene Waage, das die Engländer und Spanier erlangt hatten. Dieser Forderung wurde entsprochen, aber das Zugeständnis hatte nur neue Ansprüche,vor allem auf Entschädigung der Opfer des Seeraubs, zur Folge.

Diese Auseinandersetzungen erregten in Deutschland gro ßes Aufsehen. Für fast alle Hansestädte waren die Beziehun gen zu Brügge lebenswichtig und es herrschte allgemein die Überzeugung, dass eine Intervention zur Verteidigung der bedrohten Privilegien nötig sei.Aber andererseits waren viele darüber beunruhigt, dass sich das Kontor ohne Auftrag die Initiative bei den Verhandlungen mit Flandern anmaßte und dabei Gefahr lief, die Städte gegen ihren Willen in interna tionale Komplikationen zu verwickeln. Das alte Misstrauen gegen eine selbständige Stellung der Kaufleute, das bei der Ausschaltung der Gotländischen Genossenschaft offenbar ge worden war,regte sich erneut gegenüber dem Brügger Kon tor. Daher entschloss sich Lübeck, die Vertreter der Städte zusammenzurufen, um die flandrischen Angelegenheiten zu regeln. Diese 1356 zusammengetretene Versammlung kann man als den ersten allgemeinen Hansetag bezeichnen.Leider kennen wir seine Zusammensetzung nicht. Aber man darf vermuten, dass die Teilnahme sehr bedeutend war und alle Städtegruppen sich vertreten ließen.

Die wichtigste Entscheidung des Hansetags von 1356 war der Beschluss, eine Gesandtschaft nach Brügge zu schicken. Ihr Leiter war der lübische Ratsherr Jakob Pleskow; die drei hansischen Drittel, das wendisch-sächsische, das westfälisch preußische und das gotländisch-livländische, ordneten Ver treter zu ihr ab. Sie scheint bei ihren Verhandlungen mit der Stadt Brügge und dem Grafen von Flandern keine wesentli chen Erfolge erzielt zu haben.Dagegen war ihr Eingreifen in die Angelegenheiten des deutschen Kontors entscheidend. Sie bestätigte im Namen der Städte das Statut, das sich dieses 1347 gesetzt hatte, indem sie Befugnisse und Zuständigkeit der sechs Älterleute noch einmal genau festlegte. Das war scheinbar recht wenig. In Wirklichkeit bezeichnete dieser Schritt die Unterordnung des bis dahin unabhängigen Kon tors unter die Kontrolle der vereinigten Städte. Von nun an erlangten seine Entscheidungen nur durch ihre Zustimmung Gültigkeit. Die Städte errichteten durch ihr Organ, den Ge samttag,nicht mehr nur de facto,sondern de jure ihre Gewalt über ihre Kaufleute im Ausland. Das ist zehn Jahre später zu erkennen:Als das Brügger Kontor die Initiative zur Regelung von Münzfragen ergriff, rief es der Hansetag von Lübeck sofort zur Ordnung und befahl ihm, keine Maßnahme ohne die Billigung der Städte zu ergreifen.

Im Laufe der folgenden zwanzig Jahre wurden die ande ren drei Kontore in fast gleicher Weise untergeordnet. In Novgorod ließ 1361 eine Gesandtschaft, die von zwei Rats herren, einem aus Lübeck und einem aus Visby, geleitet wurde, die Kaufleute des Peterhofs wissen, dass in Zukunft keine Verordnung ohne die Zustimmung von Lübeck,Visby und den drei livländischen Städten veröffentlicht werden dür fe. Diese Entscheidung bestätigte nicht nur die Abhängig keit des Kontors von der Hanse, sondern auch den zuneh menden Einfluss der livländischen Städte, der anfangs sehr schwach gewesen war. Die Niederlassung zu Bergen, in der Lübecker Kaufleute besonders stark vertreten waren, war weniger als eine andere in der Lage, irgendeine Art von Un abhängigkeit zu beanspruchen, die zweifellos niemals be standen hatte. Im Jahr 1343 hatte König Magnus Eriksson die Existenz der hansa Theutonicorum offiziell anerkannt, als er den Kaufleuten aus den wendischen und den übrigen Hansestädten Zollerleichterungen zugestanden und ihre al ten Privilegien bestätigt hatte. 1365 erbat die Niederlassung die Billigung einer Anzahl von Maßnahmen, und die um ständliche Antwort Lübecks bezeugt seine über das Kon tor ausgeübte Gewalt. Das Londoner Kontor endlich, das sich seine Ordnung wie das Kontor in Brügge seit dem Ende des 13. Jahrhunderts selbst gesetzt hatte, war am Ende der Regierungszeit Eduards III. über »Subsidien« beunruhigt, die den deutschen Kaufleuten in Form neuer Ausfuhrzölle auferlegt wurden und die es als unvereinbar mit den Hanse privilegien betrachtete. Es verhandelte, erreichte aber nichts. Daraufhin bat es die Städte um ihre Hilfe. Eine Gesandt schaft unter der Leitung eines Lübecker und eines Elbinger Ratsherrn reiste 1375 zu Verhandlungen nach London,konn te jedoch wenig ausrichten, zumal der englische König kurz vor ihrem Eintreffen die hansischen Privilegien bereits bestä tigt hatte. Immerhin konnte die Delegation aber in einer anderen Angelegenheit, nämlich im Hinblick auf die Verfol gung flüchtiger Schuldner, im Namen der Hanse eine Ent scheidung treffen. Es ist nicht gesichert, aber wahrscheinlich, dass das Kontor bei dieser Gelegenheit seine Statuten vorleg te.Jedenfalls kam die Unterordnung von da an zustande,umso mehr, als die Privilegien unter Richard II. ununterbrochen bedroht blieben.

Im Ganzen gesehen vollzog sich die Unterordnung der vier großen Kontore, die für die endgültige Organisation der Hanse so wichtig war, ohne ernsthafte Schwierigkeiten, und man erlebte es später kaum, dass eines von ihnen die Bevor mundung abzuschütteln versuchte. Das ist leicht zu erklären. Gegenüber den Versuchen der ausländischen Staaten, ihre Privilegien einzuschränken, brauchten die deutschen Kauf leute die Unterstützung der Städte,die allein in der Lage wa ren,sie wirksam zu schützen.Deshalb wurde die Vorrangstel lung des Hansetags gegenüber den Genossenschaften der Kaufleute im Ausland als eine Notwendigkeit und Wohltat empfunden.

Die Hansegesandtschaft hatte 1356 in Brügge aber die zwischen Flandern und den deutschen Kaufleuten schwe benden Streitfragen nicht geregelt. In den folgenden Mona ten wurden die Beziehungen nur noch gespannter.Die durch Geldmangel bedrängte Stadt Brügge erhob neue Handelsab gaben; die Münzverschlechterung führte zu Preissteigerun gen durch die Wirte,Makler und Transportunternehmer;die Stadt dehnte ihr Stapelrecht auf Salz und Getreide aus,die bis dahin unter den Ausländern direkt »von Schiff zu Schiff« ver kauft werden durften.Alle diese Vorschriften betrachtete man als Verletzungen der Hanseprivilegien. Das Hauptübel blieb die Weigerung, Entschädigungen zu zahlen. Lübeck forderte mit besonderer Heftigkeit schärfste Gegenmaßnahmen. Es berief einen neuen Hansetag ein, um über die Verlegung des Kontors zu beschließen. Diese Versammlung, die zum festgelegten Zeitpunkt zusammentrat (Januar 1358), war je doch keineswegs ein Gesamttag.Dort waren die wendischen, sächsischen und preußischen Städte vertreten, aber es fehlten die westfälischen und livländischen, die gezögert zu haben scheinen, die Machtprobe zu wagen. Lübeck berief sich auf die schriftliche Zustimmung Visbys und der schwedischen Städte, so dass die Versammlung die Blockade Flanderns beschloss.

Das war eine gewagte Entscheidung,wenn man an die bis herigen Handelssperren denkt. Denn es war nicht mehr die Rede davon, einen Unterschied zwischen der Stadt Brüg ge und dem Grafen von Flandern zu machen, die beide als verantwortlich für die Verletzung der Privilegien angese hen wurden.Das Interdikt bezog sich auf ganz Flandern und dazu auf die kurz zuvor vom Grafen Ludwig von Male er worbenen Städte Antwerpen und Mecheln. Die deutschen Kaufleute wurden aufgefordert, Flandern vor dem 1. Mai zu verlassen und sich in Dordrecht niederzulassen. Den Hanse schiffen wurde untersagt, weiter als bis zur Maas zu fahren. Die Handelsgüter durften nur nördlich von dieser Grenze verkauft und nicht an Flamen oder an Kaufleute abgegeben werden, die auf dem Weg nach Flandern waren; umgekehrt durften von niemandem Waren flämischer Herkunft gekauft werden.Die deutschen Kaufleute mussten sich bei der Rück kehr Bescheinigungen von den Behörden der niederländi schen Städte ausstellen lassen, in denen sie ihre Geschäfte ab geschlossen hatten. Diese Verpflichtung wurde sogar auf die nach England, Schottland oder Norwegen fahrenden Schiffe ausgedehnt, denn sie konnten versucht sein, flandrische Hä fen anzulaufen. Man traf auch Vorsorge für den Fall, dass Schiffe durch den Wind oder durch Stürme in die Sperrzone verschlagen würden;auch sie waren nicht befugt,ihre Ladung dort abzusetzen. Endlich sollte jede Gehorsamsverweigerung einer Stadt oder eines Einzelnen mit dauerndem Ausschluss aus der Hanse bestraft werden.

Die Blockade,die für beide Parteien Nachteile brachte,traf vor allem Brügge. Die Stadt machte daher auch große An strengungen,um sie zu beenden.Aber es stand so viel auf dem Spiel, dass sich die Verhandlungen zwei Jahre lang hinzogen. Die Flamen versuchten auch, allerdings ohne großen Erfolg, die Wirkungen der Blockade dadurch abzuschwächen, dass sie Kampen alle der Hanse zugestandenen Privilegien unter der Bedingung verliehen,dass sie von dort aus mit deutschen Waren versorgt würden; sie versuchten, Köln für ihre Sache zu gewinnen,aber dieses forderte im Gegenteil die Verschärfung der Blockade. Die Unterbrechung des Handelsverkehrs wirkte sich andererseits nur langsam aus, um so mehr, als es unmöglich war,den Schmuggel zu unterbinden.Gleichwohl zog die Verknappung der Ostwaren nach und nach einen be denklichen Rückgang des flämischen Handels nach sich. Ende 1359 wurde der Mangel an preußischem Getreide um so schlimmer spürbar, als es in den Niederlanden eine schlechte Ernte gegeben hatte. Im Winter machten es die Regenfälle den Getreidefuhrwerken aus der Picardie unmög lich,über die Sommezusetzen.Im Frühjahr 1360beschlossen die wendischen Städte die Sperrung der dänischen Meer engen, um die preußischen Schmuggelschiffe daran zu hin dern, Korn in die Niederlande zu befördern.

Schließlich fanden sich die Flamen dazu bereit, die Forde rungen ihrer Gegner fast vollständig anzunehmen: Im Som mer 1360 wurde Frieden geschlossen und die Blockade auf gehoben;vom September an ließen sich die deutschen Kauf leute wieder in Brügge nieder.Die Hansekaufleute erreichten die Bestätigung aller ihrer Privilegien, die so formuliert wa ren, dass jede einseitige Interpretation ausgeschlossen war. In einzelnen Punkten wurden sie erweitert:So wurde das Recht zum Kleinhandel zum ersten Mal anerkannt.Die Privilegien waren nicht mehr von Brügge allein,sondern auch von Gent, Ypern und dem Grafen von Flandern besiegelt,was ihre Gül tigkeit in ganz Flandern garantierte. Schließlich kam eine Einigung über die so heftig geforderten Entschädigungen zu stande: Der Anteil des Grafen wurde auf 1500 Schildgulden, der von Ypern und Brügge auf 155 Pfund Groten festgesetzt. Die Zahlungen wurden im Laufe der folgenden drei Jahre pünktlich geleistet.

So endete dieser erneute Wirtschaftskrieg als ein voller Er folg für die Hanse. Es war der Beweis erbracht worden, dass der engere Zusammenschluss der Städte und der Verzicht auf Sonderinteressen ihre Früchte trugen.Es ist bezeichnend, dass Bremen, dessen Kaufleute sich, wohl seit dem Ende des 13. Jahrhunderts,der Gemeinschaft ferngehalten hatten,es zu diesem Zeitpunkt (1358) für vorteilhafter hielt, die Wiederaufnahme sogar zu sehr schweren Bedingungen zu erbitten und zu erlangen.In ganz Norddeutschland hatte sich klar er wiesen,dass nur der Beitritt zur Gemeinschaft der Städte von nunandenWohlstand jedes einzelnen gewährleisten konnte.

Der Sieg war aber nicht gesichert.Die in Flandern gewon nenen Vorteile wurden bald wieder infrage gestellt.Hier wie auch anderswo waren die Hansen zu einem fortwährenden Kampf um die Aufrechterhaltung ihres privilegierten Status gegen ausländische Regierungen wie auch gegen mögliche Rivalen gezwungen.Zu diesem Zeitpunkt schenkte man der Tatsache, dass die Flamen der nicht zur Hanse gehörenden Stadt Nürnberg und Kampen,dessenMitgliedschaft zeitweise zweifelhaft war, gleichwertige Privilegien gewährten, kaum Aufmerksamkeit. Trotzdem war dies ein Symptom für das Emporkommen der später schärfsten Konkurrenten,der Nie derländer und der Süddeutschen.

Der Krieg gegen Dänemark, die Kölner Konföderation und der Friede von Stralsund

Wenige Monate nach diesem großen Erfolg im Westen ver breitete eine ernste Nachricht in allen Hansestädten Auf regung. Waldemar IV. Atterdag war plötzlich auf Gotland gelandet,hatte ein eilig zusammengezogenes Bauernheer ver nichtet, Visby eingenommen und geplündert. Fast drei Jahr hunderte lang blieb die Insel von da an dänisch.

Seit seiner Thronbesteigung vor zwanzig Jahren war Wal demar geduldig darum bemüht gewesen, seine Finanzen in Ordnung zu bringen, Krongüter auszulösen, einen Teil des Adels unter seine Botmäßigkeit zurückzuführen und sein Heer wieder aufzustellen. Er hatte Anfang 1360 den Schwe den Schonen wieder abgenommen, und die Hansekaufleute waren bereits besorgt über den höheren Preis,den sie für die Bestätigung ihrer dortigen Privilegien zahlen sollten.Die Er oberung Gotlands zerstörte jede Illusion,sie war eine Heraus forderung der Hanse. Zwar erneuerte der König bereitwillig alle Freiheiten Visbys, und er widersetzte sich nicht einmal seiner Zugehörigkeit zur Hanse.Ohne Zweifel hatte auch die Stadt schon seit einem halben Jahrhundert die führende Rolle eingebüßt,die sie während des 13.Jahrhunderts in der Ostsee gespielt hatte, und ihr Abstieg hatte begonnen. Aber sie war trotzdem eine der großen Hansestädte jener Zeit und besaß einen gewissen kommerziellen und strategischen Wert für die wendischen Städte und ihre Seeverbindung nach Stockholm. Vor allem aber unterstrich Waldemar durch diesen Angriff seinen Willen, die dänische Hegemonialpolitik in den nord europäischen Gewässern wieder aufzunehmen. Der Kampf war unvermeidlich.

Ein wendisch-pommerscher Städtetag beschloss in Greifs wald die Unterbrechung der Handelsverbindungen mit Dä nemark und,zur Finanzierung des Krieges,die Erhebung ei nes Zolles von vier Pfennigen vom Pfund auf die Schiffe und die ausgeführten Waren der Hansestädte. Mit den Königen von Norwegen und Schweden, dem Herzog von Schleswig und den Grafen von Holstein wurden Bündnisse geschlossen. Aber es blieb bei diesem glücklichen Anfang.Der Hochmeis ter des Deutschen Ordens,der seine Teilnahme am Krieg zu gesagt hatte, leistete ebenso wie die Fürsten lediglich finan zielle Hilfe.Kampen und die übrigen Städte an der Zuiderzee trieben jedoch weiterhin mit Dänemark Handel und mach ten dadurch die Blockade wirkungslos. Die ganze Kriegsan strengung fiel auf die wendischen Städte. Im April 1362 lief eine Flotte von 52 Schiffen, darunter 27 Koggen, nach Ko penhagen aus. Aber ihr Befehlshaber, der Lübecker Bürger meister Johann Wittenborg, machte den Fehler, einen Teil seiner Truppen zur Belagerung von Helsingborg auszuschif fen.Waldemar nutzte ihn zum Angriff auf die Hanseflotte aus und eroberte 12 große Schiffe. Wittenborg musste froh sein, einen Waffenstillstand zu erreichen, der es ihm ermöglichte, die Überreste des Unternehmens nach Deutschland zurück zuführen. Er musste kurz danach seine Niederlage mit dem Leben bezahlen, wobei allerdings auch zusätzliche Vorwürfe gegen ihn eine Rolle gespielt zu haben scheinen.

Es konnte nicht ausbleiben, dass dieser Misserfolg zu einer Verstimmung in der Hanse führte,die mehrere Jahre andauer te. Erneute Verhandlungen wegen eines weiteren Feldzugs blieben ohne Ergebnis. Mit Dänemark angebahnte Unter handlungen zogen sich drei Jahre lang hin und endeten mit einem lahmen Frieden.Sogar unter den wendischen Städten entstanden Meinungsverschiedenheiten wegen der Aufbrin gung der Kosten für diesen Feldzug.Man konnte sich fragen, ob die Solidarität unter den Städten nicht, wie ein halbes Jahrhundert zuvor, wieder ernstlich ins Wanken geriet.

So kam es aber nicht.Die Zeiten hatten sich geändert.Der Zusammenhalt der Gemeinschaft hatte sich während des Konflikts mit Flandern gefestigt und konnte auch durch ei nen schweren Misserfolg nicht mehr erschüttert werden. 1366 ergriff ein allgemeiner Hansetag in Lübeck eine Anzahl von Maßnahmen zur Stärkung der Autorität der Städte, in dem er vor allem die Leitung der Kontore ausschließlich ihren Bürgern vorbehielt.[7] Überdies beging Waldemar IV. die Ungeschicklichkeit,die Städte gegen sich zu einigen,statt die Uneinigkeit zwischen seinen Gegnern zu schüren. Er ließ preußische Schiffe im Sund aufbringen und setzte die preußi schen Kaufleute denselben Belästigungen wie die anderen Hansen aus.Der Hochmeister Winrich von Kniprode schlug deshalb selbst in Lübeck ein Kriegsbündnis vor. Waldemar wiederum schonte auch die Städte an der Zuiderzee nicht mehr,die diesmal von sich aus bereit waren,an einem Unter nehmen gegen Dänemark teilzunehmen. Schon im Februar 1364 schließlich war der schwedische König Magnus Eriks son durch die Adligen abgesetzt und an seiner Stelle Albrecht, ein Sohn des Herzogs von Mecklenburg, erhoben worden, der ebenfalls für das Eingreifen war. Waldemar konnte nur mit der Unterstützung Håkons VI. von Norwegen rechnen, dem er seine Tochter zur Gemahlin gegeben hatte.

Die wendischen Städte zögerten zuerst, wieder Krieg zu führen. Sie hatten das Angebot des Hochmeisters mit Zurückhaltung aufgenommen, und sie ergriffen erst wieder die Initiative im Kampf gegen. Waldemar und Håkon, als zwi schen den Städten der Zuiderzee und Preußens ein Bündnis gegen Dänemark geschlossen worden war. Ein allgemeiner Hansetag wurde nach Köln einberufen, um entscheidende Maßnahmen zu ergreifen.

Die Tagfahrt von 1367 besitzt in der Geschichte der Hanse in mehrfacher Hinsicht eine außergewöhnliche Bedeutung. Zunächst durch die Festsetzung des Versammlungsorts:Es ist der einzige Hansetag, der in Köln abgehalten wurde, dessen Randlage offenbar unbequem war.In diesem besonderen Fall bot sie den Vorteil, dass Köln von den Niederländern leicht erreicht werden konnte, deren Teilnahme für den Erfolg nö tig war.Nebenbei hatte man auchohneZweifeldie Empfind lichkeit der großen rheinischen Metropole gegenüber dem Vorrang Lübecks schonen wollen.Ungewöhnlich war ander erseits die Teilnahme von süderseeischen (Kampen, Elburg, Harderwijk) und holländisch-zeeländischen Städten (Ams terdam und Brielle), die bis dahin noch keine Tagfahrt be sucht hatten. Um schließlich die Kriegsanstrengungen zu in tensivieren, beschlossen die Städte, ein viel engeres Bündnis als in der Vergangenheit zu schließen,eine wirkliche Liga (ver bund),die als die »Kölner Konföderation« in die hansische Ge schichte eingegangen ist.Dieses Bündnis war nicht nur für die Dauer des Krieges vorgesehen,sondern sollte auch drei Jahre danach gelten:Es wurde tatsächlich bis 1385 verlängert.Diese Bestimmungen schienen eine Strukturänderung der Hanse einzuleiten.

Der Hansetag legte bis ins Einzelne ausgearbeitete finan zielle und militärische Maßnahmen fest: Wie 1361, aber mit einer viel schärferen Kontrolle, führte er die Erhebung eines Pfundgelds auf jede Ware und jedes Schiff ein,das einen Han sehafen verließ oder ihn anlief. Um seine Erhebung zu ver einfachen, wurde die Abgabe– mit geringen Unterschieden– indenverschiedenen in Gebrauch befindlichen Geldsorten, der flämischen, lübischen, pommerschen, preußischen und livländischen,festgesetzt. Auf militärischem Gebiet bestimmte der Tag die von jedem zu stellende Anzahl von Schiffen und Bewaffneten und legte den Zeitpunkt für das Auslaufen der Flotten aus der Nord- und Ostsee fest, die sich im Sund für den schließlichen Angriff formieren sollten.[8]

Zu diesem Zeitpunkt war die Teilnahme von Hansestädten am Bündnis noch recht begrenzt; nur die wendischen,preu ßischen und niederländischen Städte waren in Köln vertreten. In den folgenden Monaten aber gaben fast alle Seestädte vom Finnischen Meerbusen bis zur Mündung des Rheins mehr oder weniger ausdrücklich ihre Zustimmung.Einige von ih nen zeigten allerdings wenig Begeisterung, wie Bremen und vor allem Hamburg,was die Frage ihres Ausschlusses aus der Hanse aufwarf;sie gaben vor,wegen lokaler Kriege erschöpft zu sein,verweigerten ihre militärische Teilnahme und willig ten nur in eine finanzielle Hilfe ein. Die an einem See krieg noch weniger interessierten Binnenstädte waren noch zurückhaltender: Die westfälischen zahlten nicht einmal eine Subvention. Dies ist ein Beispiel für die im Laufe ihrer Ge schichte so zahlreichen, schweren Unstimmigkeiten inner halb der Hanse, die in der Tat unvermeidbar erscheinen, wenn man an die Verschiedenheiten der Lage und der Inter essen so zahlreicher Städte denkt.

Die Koalition wurde durch das Bündnis mit Schweden, Mecklenburg, Holstein und den gegen Waldemar aufständi schen dänischen Adligen wesentlich verstärkt. Dieser scheint das Ausmaß der Gefahr nicht erkannt zu haben.Im entschei denden Augenblick des hansischen Angriffs glaubte er, sein Land verlassen zu können,um sich in Norddeutschland nach Bundesgenossen umzusehen,die er aber nicht fand.Die däni sche Niederlage war infolgedessen sicher.Die wendische und niederländische Flotte zerstörte Kopenhagen, dessen Hafen sie unbrauchbar machten,und verwüsteten die dänischen und norwegischen Küsten, während der Graf von Holstein Jüt land heimsuchte. Mithilfe der Schweden wurde Schonen er obert, wo allein Helsingborg Widerstand leistete. Bald erbat und erlangte Norwegen, das besonders unter der Blockade litt, einen Waffenstillstand.In Schonen zogen sich die Opera tionen bis zur Kapitulation des Schlosses von Helsingborg (8. September 1369) hin, die den dänischen Reichsrat ver anlasste, um Frieden zu bitten. Trotz des Widerstands der deutschen Fürsten, die die Lage ausnutzen wollten und den Krieg weiterführten,stimmte die Hanse einer Waffenruhe zu.

Der Friede mit Dänemark wurde im folgenden Jahr in Stralsund geschlossen (24. Mai 1370). Wirtschaftlich forderte die Hanse keine neuen Vorteile,sondern gab sich mit der Be stätigung der früheren Privilegien zufrieden;dazu gehörte die völlige Handelsfreiheit und die Abschaffung der erhöhten Abgaben, die seit 1361 von den deutschen Kaufleuten in Schonen erhoben wurden.Aber auf militärischem Gebiet er langte sie die Überlassung von vier Festungen am Sund,Hel singborg, Malmö, Skanör und Falsterbo, für 15 Jahre an die Konföderation mit zwei Dritteln ihrer Einkünfte,was ihr die Herrschaft über den Sund für eine Reihe von Jahren sicherte. Schließlich verpflichtete sich der dänische Reichsrat,im Falle des Todes von Waldemar IV. seinen Nachfolger nicht ohne die Zustimmung der verbündeten Städte zu wählen.

So endete diese erneute Kraftprobe mit einem triumphalen Erfolg der Hanse. Und diesmal war der Sieg nicht mit einfa chen wirtschaftlichen Maßnahmen errungen worden. Die Städte hatten bewiesen,dass sie in der Lage waren,Kriegsflot ten und Heere ins Gefecht zu bringen.Sie hatten zwar gewiss die Unterstützung mächtiger Fürsten gehabt.Aber sie befan den sich nicht mehr in deren Schlepptau wie vor 50 Jahren. Sie hatten die wichtigen Operationen geleitet,sie hatten im mer die Entscheidung über Krieg oder Frieden behalten.Sie hatten sich von ihren Verbündeten getrennt,um sich mit dem Feind zu versöhnen,und sie sollten das auch in der dänischen Thronfolgefrage tun.Der Friede von Stralsund kennzeichne te das Aufkommen einer neuen Macht in Nordeuropa.Diese Macht war nicht einmal souverän, da die zu ihr gehörenden Städte rechtlich unter der Gewalt vieler verschiedener Her ren standen.Ihr einziger Rückhalt war der Wille,notfalls mit Waffengewalt die Handelsinteressen zu verteidigen. Sie war etwas Einzigartiges, hatte in dem Europa ihrer Zeit nichts Vergleichbares.

Die Nachfolgeklausel des Friedens von Stralsund sollte fünf Jahre später ihre Anwendung finden.Waldemar IV. starb 1375 und hinterließ nur zwei Töchter: Margareta, die König Hå kon VI. von Norwegen geheiratet hatte, und Ingeborg, die mit Heinrich von Mecklenburg, dem Bruder des schwedi schen Königs, vermählt war. Die Hanse, die die Wahl zwi schen einer dänisch-norwegischen und einer mecklenbur gisch-dänisch-schwedischen Konstellation hatte, bevorzugte im Gegensatz zu den deutschen Fürsten Erstere.Der dänische Reichsrat entschied sich also für den jungen Olaf (1376–87) unter der Regentschaft seiner Mutter Margareta. Der Preis für diese Unterstützung war die Unterzeichnung des Frie dens durch Norwegen, das ebenfalls alle Hanseprivilegien bestätigte.

Unter zwei Gefahren hatte die Hanse ohne Zweifel die ge ringere gewählt:Die dänische Macht war weniger zu fürchten als der Ehrgeiz der deutschen Fürsten.Ihre Wachsamkeit ließ nicht nach, und die Kölner Konföderation wurde mehrfach verlängert. Man konnte fragen, ob sie nicht zu einer Dauer einrichtung werden und sogar in der Hanse aufgehen konnte. Sie verdankte jedoch ihre Existenz ausschließlich der Bedro hung durch die Dänen.Seit der Wiederherstellung des Frie dens war ihre einzige konkrete Grundlage der Besitz der dänischen Festungen mit deren Einkünften. Nachdem die Schlösser 1385 dem Friedensvertrag entsprechend zurückge geben worden waren,ergab sich die Frage,ob man die Kölner Konföderation erneuern oder durch ein anderes Bündnis er setzen sollte. Die allgemeine Meinung ging im Gegensatz zu der des Hochmeisters des Deutschen Ordens und der preußi schen Städte[9] dahin, dass in dieser Hinsicht keine Notwen digkeit zu irgendeinem Zwang mehr bestehe.Die Städte wi derstrebten offensichtlich einem zu engen Bündnis und zu genau festgelegten politischen und militärischen Bestimmun gen, die ihnen große Opfer zumuteten, es sei denn, dass sie sich in einer unausweichlichen Notlage befanden.Die Kölner Konföderation hatte also keinen dauernden Einfluss auf die Hanseorganisation,außer dass sie dazu beitrug,ihren inneren Zusammenhalt zu festigen.Sie hinterließ jedoch die Erinne rung an eine großartige Einrichtung,nach deren Vorbild man im 15.Jahrhundert, allerdings ohne großen Erfolg, versuchte, Bündnisse, die sogenannten tohopesaten, zu schließen.

Die Handelssperren von 1388

Es wäre falsch zu glauben, dass die Auswirkung des hansi schen Sieges den deutschen Kaufleuten im Ausland eine leichtere Zukunft gesichert hätte. Ganz im Gegenteil: Am Ende des 14.Jahrhunderts gab es in verschiedenen Bereichen eine anhaltende Spannung. Einerseits forderten die Hanse kaufleute in der Tat ihrem Erfolg entsprechend energischer die volle Anwendung ihrer Privilegien.Andererseits konnten die ausländischen Städte sich unter dem Einfluss ihrer eigenen Kaufleute auf die Dauer nicht mit Sonderrechten abfinden, die ihnen zu umfangreich schienen; die Fürsten ihrerseits mussten,obwohl sie freundlicher gesonnen waren,bestimmte gerichtliche und steuerliche Exemtionen als Verletzung ihrer Herrschaftsgewalt betrachten. Schließlich mussten die dau ernden Schadenersatzforderungen geradezu die Beziehungen vergiften. Daraus ergaben sich ständig Konflikte, vor allem mit England,Flandern und Russland,die unversehens ausbra chen und schwer beizulegen waren.Die Krise erreichte 1388 mit einer gleichzeitigen Handelssperre in diesen drei Ländern ihren Höhepunkt; aber es gelang der Hanse, einen Krieg zu vermeiden. Ihre führenden Häupter,und unter ihnen vor al lem die Bürgermeister Jakob Pleskow aus Lübeck und Wulf Wulflam aus Stralsund, hatten das große Verdienst, dass sie sich nicht durch die vergangenen Siege berauschen ließen, sondern sich den Kriegstreibern widersetzten, kurzum also jene hansische Klugheit bewiesen, die Festigkeit mit einem tiefen Friedenswillen verbindet: eine Politik, die allein das Gedeihen der Gemeinschaft sichern konnte.

Die Beziehungen zu England wurden nach dem Ende der Regierungszeit Eduards III. gespannter. In Deutschland be gann man bereits über die Zunahme des englischen Handels in der Ostsee unruhig zu werden. Etwa seit der Mitte des Jahrhunderts liefen die Merchant Adventurers[Anmerkung 1] die Häfen von Elbing, Danzig und Stralsund an, brachten englische Tuche und kauften Holz,Getreide und Kupfer aus den Karpaten.Sie mieteten Häuser und Marktbuden und wurden zunächst gut aufgenommen, vor allem durch den Deutschen Orden, der von alters her wegen der großen Zahl von Rittern aus diesem Land,die an den Kreuzfahrten gegen die heidnischen Litauer teilnahmen, mit England sympathisierte. Bald aber nahm der englische Handel einen solchen Aufschwung, dass den Eng ländern der Einzelhandel, der Handel außerhalb der Städte und direkt mit anderen Ausländern sowie das Befrachten hansischer Schiffe untersagt wurde. Umgekehrt wurde den Deutschen verboten, ihre Waren auf englischen Schiffen zu exportieren;und nach 1370 nutzten die Hansen ihre Vorherr schaft im Sund aus, um ihre Konkurrenten von den Schoni schen Märkten fast vollständig zu verdrängen. Alle diese Maßnahmen trugen natürlich zur Verschlechterung der Be ziehungen bei.

Die Hauptbeschwerden beruhten indes auf den Schwierig keiten, die dem Hansehandel in England gemacht wurden. Da der Handel der Preußen dort besonders wichtig war, sprach sich der Deutsche Orden bald für eine energische Aktion aus, während die wendischen Städte eine mäßigen de Rolle spielten. Wie schon erwähnt, musste das Londo ner Kontor seit 1375 an die Städte appellieren, um die Ab schaffung zusätzlicher Abgaben zu erreichen. Zwei Jahre später verschärfte der Regierungsantritt Richards II. die Si tuation. Der neue König war dem Drängen der englischen Kaufleute und des Parlaments zugänglicher als Eduard III.: Zunächst verweigerte der englische Kronrat die Bestätigung der Privilegien,indem er eine Anzahl von Bedingungen stell te, unter anderem die Aufstellung einer Liste der Hansestädte, um den Genuss der Befreiungen streng auf die Berechtig ten zu begrenzen, ein als unannehmbar bezeichnetes Ansin nen. Hinzu kam die Forderung, den englischen Preußen fahrern die gleichen Rechte zuzugestehen, wie sie die deut schen Kaufleute in England besaßen. (Diese Forderung nach Reziprozität der Privilegien zieht sich seither durch die eng lisch-hansischen Beziehungen, ihre Nichterfüllung war einer der Gründe für die Schließung des Stalhofs im Jahr 1598.) Anstatt die Beziehungen abzubrechen, wie der Deutsche Orden es wollte, entsandte Lübeck erneut Jakob Pleskow nach London,dem es gelang,die gewünschte Bestätigung zu erhalten.

Dies war nur ein halber Erfolg, weil die Schadenersatzfor derungen abgelehnt wurden. Die folgenden Jahre brachten keine Verbesserung. Die Hansen wurden gezwungen, neue »Abgaben auf das Pfund und auf die Tonne«,die vor allem die Einfuhr trafen,und Zölle auf bestimmte englische exportierte Stoffe, vor allem die Kerseys, zu entrichten. Die Spannung steigerte sich 1385 plötzlich, als die englische Flotte deutsche Schiffe, darunter sechs preußische, im Zwin angriff. Der Hochmeister des Deutschen Ordens brach die Handelsbezie hungen zwischen Preußen und England ab,während sich die wendischen Städte wieder einmal konziliant zeigten und die englischen Ostseekaufleute sich in Stralsund niederließen.In des hörten die Klagen über die von den Engländern began genen Übergriffe nicht auf; die wendischen Städte selbst be schlossen 1388 die Beschlagnahme der englischen Waren in Stralsund,worauf Richard II. mit ähnlichen Maßnahmen rea gierte. Der Krieg schien zu drohen. Aber man nahm Ver handlungen auf, und sie führten ziemlich schnell zu einer Verständigung, da keine der beiden Parteien Interesse an ei nem Konflikt hatte. Die Beschlagnahmen wurden aufgeho ben, die Hanseprivilegien bestätigt, und in Preußen durften die Engländer in den Häfen,selbst mit Ausländern,Großhan del treiben.

Dieser Friede scheint für die Engländer von größerem Nutzen als für die Deutschen gewesen zu sein. Die Merchant Adventurers setzten sich in Danzig fest,schlossen sich unter der Führung eines »Governor« zusammen, erwarben ein Haus, trieben aber trotz der Proteste auch Einzelhandel und bilde ten Handelsgesellschaften mit Hansekaufleuten, was es ihnen ermöglichte, ihren Handel auszuweiten. In England blieben die Deutschen dagegen den als ungerecht empfundenen Ab gaben unterworfen,und ihre Schiffe hatten unter den Angrif fen der Seeräuber zu leiden.Aus diesem Grunde kündigte der Hochmeister des Deutschen Ordens 1398 die zehn Jahre zu vor geschlossene Vereinbarung auf,ohne dass dies einen Kon flikt zur Folge hatte.Die Beziehungen zwischen England und der Hanse blieben sehr getrübt und verschlechterten sich zeitweilig infolge verschiedener Zwischenfälle. Die Erfah rung hatte gezeigt, dass es unmöglich war, sie durch ein ge naues Rechtsinstrument zu regeln, dass man sich mit einem unsicheren modus vivendi zufriedengeben musste, der von den jeweiligen Umständen und dem guten Willen abhing.Es war jedenfalls klar, dass die fehlende Zusammenarbeit zwi schen den wendischen und preußischen Städten für die Inter essen der Deutschen sehr von Nachteil gewesen war.

Die Beziehungen zu Flandern waren nach dem Überein kommen von 1360 fünfzehn Jahre lang nahezu konfliktfrei geblieben. Bald häuften sich aber die Klagen der deutschen Kaufleute erneut.Das Kontor sandte eine Liste verschiedener Beschwerden an den Hansetag:die Weigerung Brügges, An griffe und die Verursachung von Schäden zu bestrafen und für die in der Stadt ansässigen Wirte zu bürgen,die Zollerhe bung für den eingeführten Stockfisch,das Verbot,Hamburger Bier einzuführen,die schlechte Qualität verschiedener Tuche usw. Die Hanse begnügte sich mit der Entsendung einer Ge sandtschaft nach Brügge,die nichts erreichte.Das Kontor,das sich seinem Schicksal überlassen fühlte,strebte nach unabhän gigem Vorgehen. Ohne den Städten zu berichten, beschloss es heimlich, dass alle deutschen Kaufleute Brügge während des Winters 1377/78 verlassen sollten. Der Plan wurde aber bekannt,und wütend ließ Graf Ludwig von Male die Hanse kaufleute einkerkern und ihre Waren beschlagnahmen.Da es keine Unterstützung erwarten konnte,musste sich das Kontor den Forderungen des Grafen fügen, versprechen, dass die Kaufleute in Flandern bleiben würden, und sich gegenüber der Anschuldigung, seine Zuständigkeiten überschritten zu haben, rechtfertigen. Verbittert informierte das Kontor die Hanse von diesen Vorgängen:»Nun sind die Herren von den Städten uns übergeordnet, mögen sie jetzt selber über die Schmach beraten, die uns angetan worden ist, weil wir nicht auf unsere Privilegien verzichten wollten«.

Der Hansetag blieb dieser misslichen Situation gegenüber nicht ganz gleichgültig.Er richtete einen Protest an den Gra fen von Flandern, weigerte sich, die ohne ihn beschlosse ne Vereinbarung anzuerkennen, und begann zu verhandeln. Aber der Augenblick war schlecht gewählt. Schwere Unru hen herrschten in Flandern.Die Weber gewannen die Ober hand in Gent,Brügge und Ypern.Die Störung der Ordnung, die Unsicherheit im Zwin und die durch Brügge von den Kaufleuten erhobenen Abgaben veranlassten eine erste Aus wanderung der Hansen nach den holländischen Häfen. Es wurde noch schlimmer,als Philipp van Artevelde,nachdem er die Macht in Gent an sich gerissen hatte, Brügge einnahm. Die Vernichtung Arteveldes bei Westrosebeke (1382) durch das dem Grafen zuhilfe gekommene französische Heer zog mehrere Monate lang eine allgemeine Flucht der ausländi schen Kaufleute aus Brügge nach sich,wo nur etwa 20 Han sen blieben. Mehrere Jahre lang wurde der Handel zwischen den deutschen Städten und Flandern fast gänzlich lahm gelegt.

Der Tod Ludwigs von Male (1384) gab Gelegenheit, mit seinem Nachfolger, Philipp dem Kühnen, Verhandlungen anzuknüpfen. Die Hansen aber stellten übertriebene For derungen,indem sie nicht nur höhere Entschädigungen,son dern auch die Errichtung und Unterhaltung einer Sühne kapelle als Wiedergutmachung für die Inhaftierung ihrer Kaufleute im Jahr 1378 und die Stiftung dreier ewiger Messen zur Erinnerung an die Opfer der Wirren forderten.Die Ver handlungen gelangten um so weniger zum Ziel,als innerhalb der Hanse keine Übereinstimmung herrschte. Der Hoch meister des Deutschen Ordens und die preußischen Städte, so angriffslustig sie zur selben Zeit auch gegenüber England waren, wollten die Verhandlungen fortsetzen, während die wendischen Städte zu einer erneuten Verlegung des Kon tors entschlossen waren. Der Standpunkt Lübecks setzte sich schließlich durch:Der Hansetag beschloss am 1.Mai 1388 die Blockade Flanderns.

Die Modalitäten waren genau dieselben wie dreißig Jahre vorher. Das Kontor erhielt den so lange wie möglich geheim gehaltenen Befehl, sich in Dordrecht in Holland einzurich ten.Wieder wurde den Hansekaufleuten verboten,die Maas linie zu überschreiten,Handel mit den Flamen und mit denen zu treiben, die sich in die Sperrzone begaben. Um den Schmuggel zu verhindern,wurde die Verpflichtung erneuert, für die nach Deutschland eingeführten Waren Herkunfts nachweise vorzulegen; Waren Neutraler, die versuchten, flä mische Produkte in einem Hansehafen umzusetzen, sollten beschlagnahmt und nicht wie 1358 zurückgeschickt werden; dieses Verfahren unterstreicht unbestreitbar die Stärkung der internationalen Stellung der Hanse.

Es ist aber ein großer Unterschied zwischen den beiden Handelssperren zu erkennen.Damals,1358,war die Überein stimmung der Hansen über die vollständige Unterbrechung des Handels mit Flandern einmütig gewesen. Jetzt leisteten der Deutsche Orden und die preußischen Städte, die bereits gegen den Abbruch der Verhandlungen gewesen waren, so großen Widerstand gegen die vorgeschriebenen Maßnah men,dass man ihnen besondere Ausnahmen zubilligen muss te. Sie durften den Bernsteinverkauf an die Flamen fortsetzen, für den sie das Monopol besaßen; sie konnten außerdem die für die Bekleidung der Ritter notwendigen Tuche aus Me cheln kaufen und die Brabanter Märkte aufsuchen, obwohl diese in der Sperrzone lagen (1390). Die Städte an der Zui derzee wiederum,und besonders Kampen,zeigten sichwenig bereitwillig,die Blockade durchzuführen und die zahlreichen Schmuggler, besonders die preußischen, zu verfolgen, die in ihren Häfen anlegten. Man sollte noch lange Kampen seine zweideutige Haltung vorhalten,als es einige Jahre später seine Aufnahme in die Hanse erbat.

Diese Umstände erklären, warum man vier Jahre lang ver handeln musste, um den Frieden wiederherzustellen, ob gleich die Flamen, die häufig durch den Hochmeister unter stützt wurden, ein Ende wünschten. Die zuerst unversöhnli chen Hansen verzichteten schließlich auf ihre Sühnekapelle, gegen das Versprechen einer Wallfahrt nach Rom, Compos tela und ins Heilige Land sowie unter der Bedingung offiziel ler Entschuldigungen durch die vier Leden von Flandern für die Inhaftierungen von 1378.Außerordentlich zähe Verhand lungen wurden über die Entschädigungssummen geführt,die man schließlich auf 11.100 Pfund festsetzte,und über die Fra ge der Haftung für die Schädigungen hansischer Kaufleute.Es wurde entschieden, dass Gent, Brügge und Ypern im Falle eines Angriffs durch einen Flamen im Gebiet der Grafschaft für den Missetäter haften sollten, falls dieser zahlungsunfähig war. War das Unrecht durch einen Ausländer verursacht, selbst außerhalb der Grafschaftsgrenzen, was vor allem auf Fälle von Seeraub auf hoher See zielte, sollten der Herzog und die drei Städte selbst den Schadenersatz einklagen und im Falle der Verweigerung auf ihrem Gebiet die Bürger der betreffenden ausländischen Stadt in Haft nehmen lassen. Das war eine spürbare Erweiterung der Hanseprivilegien.

Als am Ende des Jahres 1392 die Hälfte der Entschädigungs summe gezahlt und Lübeck im Besitz der alten und neuen, durch Philipp den Kühnen gewährten Privilegien war,kehr ten die deutschen Kaufleute nach Brügge zurück. Wieder einmal hatte die Hanse triumphiert. Aber mehr als früher stand der Sieg auf schwachen Füßen. Die flämischen Städte waren nicht bereit, auf unbestimmte Zeit Freiheiten einzu räumen, die sie als zu weitgehend betrachteten; schon vor dem Abschluss des Abkommens hatten sie einander gelobt, sich in Zukunft jedem neuen Anspruch der Hansen gemein sam zu widersetzen.Der Herzog von Burgund seinerseits war mehr als die Städte und selbst seine Vorgänger in der Lage, die hansischen Ansprüche zurückzuweisen.Die zunehmende Ausdehnung seiner Macht über den größten Teil der Nieder lande begann die bis dahin so erfolgreiche wirtschaftliche Waffe unwirksam zu machen, indem sie dazu zwang, das Kontor in einen von Flandern zu weit entfernten Hafen zu verlegen. Schließlich zeigte die Haltung des Deutschen Or dens, wie schwierig es war, die für den Erfolg notwendige hansische Einheit zu verwirklichen. So ist die Blockade von 1388 der letzte große Sieg der Hanse über die Niederlande.

Zur gleichen Zeit war die Lage in Novgorod ebenfalls ge spannt. Privilegienverletzungen, Zwischenfälle und Angriffe wiederholten sich dort,um so mehr,als die Russen dazu neig ten,sich wegen der Kriege,die der Deutsche Orden von Liv land aus gegen ihr Gebiet führte,bei den Hansen schadlos zu halten.Schon im Jahr 1367,als die Ritter das Gebiet um Ples kau verwüstet hatten,ließ Novgorod deutsche Kaufleute fest setzen, was Repressalien gegen die russischen Kaufleute in Livland nach sich zog.Der Orden verbot die Ausfuhr von Salz und Hering nach Russland,und die Hanse schloss sich diesen Maßnahmen an.

Die Beziehungen wurden 1371 wieder aufgenommen,aber sie verschlechterten sich 15 Jahre später von neuem, als die Kriege wieder ausbrachen. 1388 entschloss sich die Hanse ebenfalls zum Handeln. Vielleicht hätte sie unter normalen Umständen gezögert. In diesem Augenblick aber schnitt die Blockade gegen England und Flandern die russischen Waren von ihren Hauptabsatzmärkten ab;es war also weniger nach teilig, auch den Handel mit Novgorod zu unterbrechen.Um die Handelssperre wirkungsvoll zu machen, verhandelte die Hanse mit dem Landmeister des Deutschen Ordens,dann mit Schweden und den preußischen Städten mit dem Ziel, die Warenversorgung der Russen durch Finnland, Livland und Litauen zu unterbinden.Obgleich die Blockade anscheinend nicht konsequent durchgeführt wurde, erzielte sie den er wünschten Effekt.1392 begab sich eine hansische Abordnung unter Führung des lübischen Ratsherrn Johann Niebur nach Dorpat und dann nach Novgorod,umdortFriedenzuschlie ßen. Die gegenseitigen Beschwerden wurden ausgeräumt und die alten Verträge,die auf Gegenseitigkeit der Rechte der Deutschen in Novgorod und der Russen auf Gotland und in Livland beruhten,erneuert und noch präzisiert.Den Hansen wurde ihre Freiheit und Sicherheit sogar für den Fall eines Krieges zwischen Novgorod und Schweden oder dem Deut schen Orden garantiert.

Diese »Kreuzküssung Nieburs«, wie die Russen das Ab kommennannten,blieb ein Jahrhundert lang die vertragliche Grundlage für die russisch-hansischen Beziehungen, auf die man sich berief, wenn Meinungsverschiedenheiten entstan den–dieimÜbrigenebensozahlreichwie inder Vergangen heit blieben.Gleichzeitig nahm die Abordnung die Gelegen heit ihrer Anwesenheit wahr, um die Oberhoheit der Hanse über das Kontor zum Ausdruck zu bringen.Ohne einen ein zigen Vertreter des Kontors zu ihren Beratungen hinzuzuzie hen, verfügte sie die Erhebung einer Handelsabgabe, die zur Wiedereinrichtung des in schlechtem Zustand befindlichen Peterhofs bestimmt war,und ließ eine neue Fassung der Hof ordnung ausarbeiten.

Die Vitalienbrüder und die Bekämpfung des Seeraubs

Im letzten Viertel des 14.Jahrhunderts musste die Hanse einer Gefahr entgegentreten, die zwar nicht neu, aber jetzt doch viel größer als in der Vergangenheit war: dem Seeraub.

Die plötzliche Zunahme dieser Plage ergab sich aus den Wirren, die der Ehrgeiz des Hauses Mecklenburg in Nord europa hervorrief. Wie bereits erwähnt, wurde der Sohn des regierenden Herzogs, Albrecht, 1364 zum schwedischen Kö nig gewählt. Er hoffte, die Niederlage Waldemars ausnutzen zu können,um ihn vomdänischen Thron zu verdrängen.Die Mecklenburger weigerten sich daher, sich der Hanse beim Abschluss des Friedens von Stralsund anzuschließen,aber das führte zu nichts. Fünf Jahre später erlitten sie eine neue Schlappe, als nach dem Tod Waldemars Albrecht zuguns ten Olafs IV. bzw. seiner Mutter Margareta, die als Regentin Dänemarks die hansischen Privilegien anerkannte, beiseite geschoben wurde. Von diesem Augenblick an nahmen die Mecklenburger gegen ihre Rivalin zum Kaperkrieg Zuflucht, der natürlich die Hanseschiffe nicht verschonte. So beschloss 1376 ein Hansetag den Kampf gegen die Seeräuberei; zwei Jahre lang sollte ein Pfundzoll erhoben werden, um Kriegs schiffe zu bewaffnen. Bezeichnenderweise jedoch entzogen sich die mecklenburgischen Städte Rostock und Wismar ih rer Pflicht, so dass Lübeck und Stralsund den Krieg fast allein führen mussten. Als sich bald darauf auch die preußischen Städte nicht mehr beteiligten,fand die groß angelegte Aktion ein schnelles Ende.

In den folgenden Jahren verschlechterte sich die Lage der Mecklenburger immer mehr, während die Autorität Mar garetas größer wurde, die nach dem Tode ihres Gatten Hå konVI.(1380) anstelle ihres Sohnes als Regentin von Norwe gen anerkannt worden war und später auch über Schweden herrschte (1389), nachdem ein Aufstand des schwedischen Adels zur Vertreibung und Gefangennahme Albrechts ge führt hatte.Stockholm jedoch blieb ihm dank der Unterstüt zung durch die deutsche Bevölkerung in der Stadt treu.

In dieser fast verzweifelten Situation beschlossen die Meck lenburger, dem Kaperkrieg einen neuen Anstoß zu geben.In einer aufsehenerregenden Proklamation versprachen sie, ihre Häfen zu öffnen »allen denjenigen,die auf ihre eigene Gefahr ausfahren wollen,das Reich zu Dänemark zu schädigen«.Der Aufruf hatte großen Erfolg: Ritter, Bürger, Bauern und die bisches Volk eilten herbei, um sich unter die Führung des mecklenburgischen Adels zu stellen. Rostock und Wismar wurden die Versammlungszentren der Kaper; dort wurden die Schiffe ausgerüstet und bewaffnet, die Handstreiche vorbereitet und die Beute in Sicherheit gebracht und geteilt. Schnell machte der Seeraub die Schifffahrt auf der Ostsee fast unmöglich,da die Kaperschiffe nicht nur die dänischen Schif fe angriffen. Die Hanse litt nicht nur in materieller Hinsicht unter dem Krieg: Wieder einmal verfiel sie in eine innere Krise, da sich zwei der wendischen Städte aus Eigennutz und aus Treue ihrem Stadtherrn gegenüber von der gemeinsamen Sache lossagten.

In dieser Zeit begann man,die Seeräuber »Vitalienbrüder« zu nennen,ein Name,der an ihnen haften blieb.Das Wort ist französischen Ursprungs. Zu Beginn des Hundertjährigen Krieges nannte man vitailleurs das mit der Versorgung der Heere beauftragte Kriegsvolk, dessen Tun allerdings zu einer regelrechten Räuberei ausartete. Der Name wurde zur See auf die Schiffe übertragen,die die Flotten und Häfen versorg ten, und gelangte schließlich in die Ostsee, wo er die Bedeu tung »Seeräuber« annahm.

Der Kaperkrieg brachte Mecklenburg große Erfolge. Der Besatzung von Stockholm konnte öfters Entsatz gebracht werden, die dänischen und norwegischen Küsten hatten mehrfach unter den verheerenden Streifzügen zu leiden,und die dänische Schifffahrt wurde schwer in Mitleidenschaft ge zogen. 1391 eroberten die Mecklenburger Bornholm und Visby, das für ihre Unternehmungen ein brauchbarer Stütz punkt wurde,dann Åbo,Viborg und verschiedene Burgen in Finnland. Zwei Jahre später wurde Bergen der Plünderung preisgegeben, und die Einwohner leisteten Albrecht von Schweden den Treueid; im folgenden Jahr wurde auch Malmö geplündert.

Die Hanse versuchte,Rostock und Wismarunter Druck zu setzen, um der Seeräuberei Einhalt zu gebieten. Aber beide Städte verschanzten sich hinter der Treue,die sie ihrem Stadt herrn schuldeten, verweigerten jede Aktion gegen die See räuber und selbst die Rückgabe der geplünderten Güter.Die Unsicherheit wurde so groß,dass der Hansetag von 1392 die Einstellung des gesamten Verkehrs mit Schonen für drei Jahre anordnen musste. Das führte nach Detmar zu einer Verteuerung des Herings,dessen Preis sich in Preußen verdrei- und in Frankfurt verzehnfachte. Lübeck und Stralsund führten zur gleichen Zeit einen schweren Kampf gegen die Seeräuber. Zur Befriedung der See war jedoch die Mithilfe des Deut schen Ordens unentbehrlich. Aber der Hochmeister Konrad von Jungingen, der von einer territorialen Expansion seines Ordens an der Ostsee träumte,verstand es,von dem Krieg zu profitieren, und war nicht daran interessiert, Dänemark zum Sieg zu verhelfen.

Ein großer Schritt vorwärts gelang endlich 1395, als die Hanse die Kriegführenden zwang,ihre Vermittlung anzuneh men.Durch den Frieden von Skanör wurde Albrecht freige geben, Stockholm an sieben Hansestädte– wendische, preu ßische und livländische– übergeben, die die Stadt nach drei Jahren an Margareta abtreten sollten, falls nicht für Albrecht ein Lösegeld von 60.000 Mark gezahlt würde, was aber nie geschehen ist.Der Friede besiegelte den Triumph Margaretas über ihre Gegner. 1397 ließ sie in Kalmar zugunsten ihres Großneffen Erich von Pommern die Union der drei skandi navischen Königreiche verkünden.Diese Personalunion soll te, zumindest theoretisch, mehr als ein Jahrhundert lang be stehen. Im folgenden Jahr hielt die Königin ihren Einzug in Stockholm, nachdem sie die Hanseprivilegien in den drei Königreichen bestätigt hatte.

Der Friede von Skanör nahm dem Kaperkrieg jede Be rechtigung.Aber die Seeräuberei grassierte mit der Insel Got land als Basis trotzdem weiter. Sie hätte noch lange fortge dauert, wenn sich nicht der Hochmeister entschlossen hätte, sich mit der Hanse zusammenzuschließen,um dem ein Ende zu setzen, da er fürchtete, Dänemark die Früchte der Befrie dung zu überlassen, wenn er beiseite stünde. Er zog in Dan zig 84 Schiffe und 4000 Bewaffnete zusammen, die Visby mit Leichtigkeit einnahmen. Die lübischen und preußischen Flotten machten energisch Jagd auf die Seeräuber,so dass die Ostsee im Jahr 1400 gänzlich gesäubert war.

Die Mehrzahl der Vitalienbrüder hatte aber nur den Schau platz ihrer Raubzüge gewechselt.Sie hatten sich in die Nordsee begeben und bei dem Grafen von Oldenburg und klei nen Herren Ostfrieslands freundliche Aufnahme gefunden. Um mit ihnen fertigzuwerden, mussten Bremen und Ham burg große Anstrengungen machen. Im Jahr 1400 erlitten die Seeräuber eine schwere Niederlage in Friesland,und noch im selben Jahr wurden ihre letzten Anführer, Godeke Mi chels und Klaus Störtebeker, gefangen genommen, in Ham burg zusammen mit zahlreichen ihrer Kumpane enthauptet; ihre Köpfe wurden dem Volk zur Schau gestellt. Das Ent setzen, das sie mehr als zwanzig Jahre lang verbreitet hatten, ihre abenteuerlichen Streifzüge und ihr dramatisches Ende machen verständlich, dass sich die Sage der Vitalienbrüder bemächtigt hat.Einige sollen weite Expeditionen unternom men haben, mitten unter fremde Völker bis zu den »kaspi schen Bergen«.Vor allem Störtebeker,der historisch erst ganz am Ende bezeugt ist,wurde der große Anführer aller Seeräu ber, der ihre Expeditionen über die Meere geleitet und fa belhafte Schätze aufgehäuft hat. Die Berichte über seinen Tod wurden natürlich mit unglaublichen Einzelheiten ausge schmückt.Einer der bekanntesten handelt davon,dass Störte beker dem Rat der Stadt Hamburg die Zusage abgerungen habe, alle diejenigen seiner Gefährten zu begnadigen, an de nen er nach seiner Enthauptung ohne Kopf vorbeilaufen könne. Es sei ihm tatsächlich gelungen, elf seiner Kumpane auf diese Weise zu retten, bevor ihm ein arglistiger Ratsherr ein Bein gestellt und ihn so zu Fall gebracht habe.

So ging die Hanse siegreich aus einer neuen Prüfung her vor, die für das Gedeihen ihres Handels kaum weniger ernst war als die vorausgegangenen. Nach zwei Jahrhunderten ei nes fast kontinuierlichen Aufstiegs bewiesen die koplude des Romeschen rikes van Alemannien van der Dudeschen hense noch einmal ihre Stärke und Lebenskraft. Nachdem sie für ihre Mitglieder in allen Randländern der Ost- und Nordsee von Russland bis nach England umfangreiche Privilegien und fast das Fernhandelsmonopol in zwei Meeren erworben hatten, hatten sie über ein Jahrhundert hinweg bewiesen, dass sie, notfalls durch die Handelssperre oder den Krieg,die Hindernisse überwinden konnten, die ihrer wirtschaftlichen Vor herrschaft entgegenstanden. So können die Jahre, die dem Frieden von Stralsund folgten,als Blütezeit der Hanse angese hen werden.

Die Ereignisse hatten jedoch gezeigt, dass die hansischen Erfolge immer unsicher waren und die errungenen Vorteile ständig infrage gestellt wurden. Im Ausland entwickelte sich ein wachsender Widerstand gegen die als zu umfangreich er achteten Privilegien.Andererseits begann die Hanse in ihrem eigenen Bereich die Bedrohung durch technisch überlegene und immer unternehmungslustigere Handelsrivalen zu spü ren. Daher erscheint sie seit Beginn des 15. Jahrhunderts in der Defensive; sie trachtete mehr danach, ihre erworbenen Positionen zu halten,als sich neue zu sichern,erweiterte ihren Aktionsradius aber immer noch.Ihr großer Trumpf blieb ihre Vermittlerrolle zwischen Ost- und Westeuropa für den Aus tausch von lebenswichtigen Produkten. Ihre Schwäche, die sich selbst zur Zeit ihrer Größe bemerkbar machte, war die immer größer werdende Divergenz der Interessen ihrer Mit glieder, vor allem zwischen See- und Binnenstädten, zwi schen wendischen und preußischen Städten.Man kann daher sagen, dass der Niedergang mit dem 15.Jahrhundert beginnt, zuerst langsam und kaum sichtbar, dann aber, trotz der noch zahlreichen und beträchtlichen Erfolge, trotz der wiederhol ten und fruchtlosen Bemühungen um eine Wiederherstel lung immer deutlicher.

Zweiter Teil: Die Hanse im 14. und 15. Jahrhundert

Die Organisationsformen der Hanse

Die Mitglieder der Hanse

Anmerkungen

  1. ↑ Anhang Nr. 2.
  2. ↑ Anhang Nr.1.
  3. ↑ Anhang Nr.3
  4. ↑ Anhang Nr.15a.
  5. ↑ Anhang Nr. 4.
  6. ↑ Anhang Nr. 17.
  7. ↑ Anhang Nr. 19
  8. ↑ Anhang Nr. 7.
  9. ↑ Anhang Nr. 22.
  1. ↑ So bezeichnete man die englischen Kaufleute,die im Ausland nicht mit Stapelware, vor allem Wolle, handelten.